PfadnavigationHomeICONISTTrendsTelefonangst der Gen-Z„Je seltener wir telefonieren, desto unwohler fühlen wir uns damit“Von Frank LorentzStand: 08:10 UhrLesedauer: 3 MinutenBevor die Telefonphobie um sich griffQuelle: Penny Tweedie/Getty ImagesTelefonieren war einmal eine Selbstverständlichkeit. Heute fühlen sich vor allem junge Menschen unwohl dabei, insbesondere wenn es um unangenehme Gespräche geht. Manche bezahlen inzwischen sogar andere dafür.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenDanny Thiel stammt aus Trier und arbeitet als Fitnesstrainer. Eines Tages kam ein Kollege zu ihm und klagte, er müsse einen potenziellen neuen Arbeitgeber anrufen, traue sich aber nicht. Beim bloßen Gedanken daran wurde dem Kollegen mulmig. Thiel erledigte den Anruf für ihn. Und schon hatte er die Idee für ein kleines Business. „Erledigbar“ nennt er es. Die Mission des 26-Jährigen: unangenehme Telefonate für andere Leute führen. Zahnarzttermine absagen. Handwerker anrufen. Irgendetwas reklamieren, organisieren, koordinieren. „Alles, was nicht online geht, wo man anrufen muss, da komme ich ins Spiel“, sagt er in einem Interview. Pro Anruf nimmt er 22 Euro.Eine Angst geht um in Deutschland: Telefonangst. Vor allem jüngere Menschen sollen betroffen sein. Sie sind mit dem Smartphone aufgewachsen und daran gewöhnt, schriftlich zu kommunizieren. Über Messengerdienste. In Chats. Hauptsache online. Hauptsache nicht von jetzt auf gleich reden müssen. Die Stimme könnte schließlich zittern. Oder es fällt einem das richtige Wort nicht ein und man stammelt herum. Lesen Sie auchDas ist das Verführerische an der Kommunikation über Messengerdienste: Sie funktioniert asynchron. Man kann sich mit dem Reagieren Zeit lassen, behält die Kontrolle. Für Menschen mit Telefonangst ist die Telefonfunktion eines Smartphones dem menschlichen Blinddarm ähnlich – unzweifelhaft vorhanden, aber irgendwie unnötig und unheimlich. Sobald er aufmuckt, hat man ein Problem. Vermutlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es Smartphones gibt, mit denen man alles Mögliche anstellen kann, nur nicht telefonieren.Bitkom, der Verband der deutschen Telekommunikationsbranche, führte 2025 eine Umfrage zum Thema durch. Demnach fühlt sich jeder dritte Deutsche tendenziell unwohl, wenn er mit fremden Menschen telefonieren soll. Unter jungen Leuten fast jeder zweite. Krankenkassen widmen sich dem Phänomen auf ihren Websites. Die Barmer etwa schreibt: „Je seltener wir telefonieren, desto unwohler und unsicherer fühlen wir uns damit.“ Das Ganze sei wie das Spielen eines Instruments. „Stellen Sie sich vor, Sie müssten ohne regelmäßiges Üben ein Stück vortragen. Vor einer unbekannten Person. Überzeugend. Ohne Fehler.“ Gegen Telefonangst helfe: üben, üben, üben. Gut auf das Gespräch vorbereiten. Vorher Notizen machen.Lesen Sie auchAm Universitätsklinikum Heidelberg startete vor einem Jahr eine Studie, die unter anderem erforscht, mit welchen individuellen Charaktermerkmalen Telefonangst einhergeht und welche Rolle die Smartphone-Nutzung dabei spielt. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht laut Studienleiterin Nadine Wolf die Frage, „ob die sogenannte Telefonphobie eine eigene Form der sozialen Angststörung sein könnte“.Die Fähigkeit, telefonieren zu können, scheint auf dem Weg zur Orchideenkompetenz zu sein, sie wird nischig. Und die nächste neue Angst steht schon in den Startlöchern. Nein, nicht vor dem Zähneputzen, Schuhezubinden oder einer vergleichbaren uranalogen Alltagstätigkeit. Danny Thiel, der Profi-Anruferlediger, berichtet, seine Kundschaft habe oftmals Mühe, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Ihn einfach anzurufen, ist ausgeschlossen – wer das könnte, bräuchte seine Hilfe ja gar nicht. Der Königsweg führt über ein Formular auf Thiels Website. Das schrecke die Kundschaft jedoch häufig ab, sagt er. Seine Diagnose: Angst vor dem leeren Textfeld.