Cordula Meyer, Sie sind stellvertretende Chefredakteurin des „Spiegels“, am 11. September vor 25 Jahren waren Sie eine junge Redakteurin, als Sie als Erste im Haus und sehr früh den Hinweis erhielten, dass die Terrorzelle um Mohammed Atta aus Hamburg stammen könnte. Wie kam es dazu?Ich hatte zuvor bei der „Hamburger Morgenpost“ gearbeitet und daher gute Kontakte in Hamburg. Jemand schickte mir ein Fax, in dem diese ungeheuerliche Information stand. Dass Wohnungen in Hamburg-Harburg durchsucht und Nachbarn befragt worden seien, vermutlich wegen des 11. September. Ich ging zu meinem Chef Georg Mascolo und sagte ihm, es klinge total verrückt, aber es gebe da wohl eine Spur von New York nach Hamburg. Das Weltereignis rückte plötzlich ganz nah. Ich bin dann sofort hingefahren, das war am Abend des 12. September. In der Nacht war ich dabei, als die Wohnung von Said Bahaji gestürmt wurde, der zum engsten Kreis der Terrorzelle gehörte. Und ja. Was anfangs nur ein Verdacht war, bewahrheitete sich. Hamburg war der Ort, an dem die Anschläge vorbereitet wurden. Den Moment, als mir das klar wurde, werde ich nie vergessen.Was sagte Ihr damaliger Chef, als ausgerechnet eine der Jüngsten in der Redaktion an diese Geschichte geraten war?Einer meiner anderen Chefs meinte, dass dies gleich zu Beginn wohl die größte Geschichte meiner Karriere sei – und bleiben werde. Nun, es kamen doch große Krisen und andere Geschichten hinzu. Aber das konnte damals niemand absehen. Der „Spiegel“ hat sofort ein riesiges Team zusammengestellt, weil allen klar war, was es heißt, wenn ein Teil des Weltgeschehens vor der eigenen Haustür spielt.Wie ging es weiter für Sie als junge Reporterin?Ich habe mehr als ein ganzes Jahr lang daran gearbeitet, länger als an irgendeiner anderen Geschichte, bis heute. Schnell wurde klar, dass mehrere Verdächtige an der Hamburger Fachhochschule und an der Technischen Universität Hamburg-Harburg studiert hatten. Deshalb habe ich viel Zeit dort verbracht. Die Unileute standen unter Schock. Eine Mitarbeiterin riss mir das Vorlesungsverzeichnis regelrecht aus der Hand, in dem Mohammed Atta als Leiter der Islam AG aufgeführt war. Ich sprach damals auch mit Kommilitonen der Terroristen und mit Attas Professor.Wer war das?Dittmar Machule, der Attas Abschlussarbeit über die Sanierung eines Altstadtviertels von Aleppo betreut hatte. Ich habe ihn in seinem Dachzimmer in Harburg besucht. Wir saßen zwischen vielen Büchern, ich fragte ihn, was das für ein Gefühl sei, Professor eines Massenmörders zu sein. Er konnte es kaum fassen. Massenmörder, sagte er, was für ein Wort, aber ja, so sei es. Ich habe das häufig erlebt. Für viele Menschen, die die Terroristen gekannt hatten, schien es unvorstellbar, dass es sich um dieselben Personen handelte, die später die Flugzeuge ins World Trade Center steuerten. Die Vermieterin eines der Piloten, Ziad Jarrah, mochte ihren Mieter so sehr, dass sie mir ein Ölgemälde zeigte, das sie von ihm gemalt hatte. Ich habe auch Jarrahs Familie im Libanon besucht.Cordula Meyer 2001 in der TU Hamburg mit Unterlagen der „Islam-AG“ der TerroristenRonald FrommannWas wollten Sie dort herausfinden?Ich wollte verstehen, wer diese Leute waren, und zwar nicht aus den Akten der Polizei oder des Verfassungsschutzes, sondern aus ihrem persönlichen Umfeld. Ich habe mich gefragt, warum niemand gemerkt hat, was sie vorhatten. Deshalb habe ich mit ihren Freunden gesprochen, mit ihren Angehörigen, Lehrern und Kollegen.Was fanden Sie heraus?Jarrah war wohl der Wankelmütigste unter den Attentätern. Ein verwöhnter Sohn, der gern feierte und Freundinnen hatte. Als ich bei seiner Familie in Libanon war, zeigte mir sein Vater den Mercedes, den er seinem Sohn zum Studienabschluss schenken wollte. Und das Grundstück, das er für ihn und die künftige Schwiegertochter gekauft hatte. Und immer wieder sagte er: Das ergibt doch alles keinen Sinn. Der sehr kontrollierte und rigide Mohammed Atta war anders als Jarrah. Ihn zu verstehen, fiel mir schwerer. Er war erfolgreich in der westlichen Welt, sehr klug, ein gewissenhafter Student, und zugleich auch jemand, der in diesem Leben nie wirklich angekommen war. Er hatte Stadtplanung studiert und zerstörte dann eine Architektur, die er verachtete.Was schlossen Sie daraus?Wir haben uns damals nicht vorstellen können, dass auch weltgewandte, eloquente Studenten zu islamistischen Terroristen werden können. Wenn ich mich in ihrem Umfeld bewegte, wurde ich oft belogen. Den Terrorhelfer Abdelghani Mzoudi habe ich zum Beispiel gefragt, warum er das Testament von Mohammed Atta unterschrieben hatte. Er antwortete, das habe er nur aus Nettigkeit gemacht, er habe von den Terrorplänen und einer Radikalisierung nichts geahnt. Hinterher stellte ich fest, dass diese Treffen im Umfeld der Terroristen von den Behörden observiert wurden. Da gab es dann Fotos von mir und meinem Kollegen Dominik Cziesche mit Mzoudi. Die Behörden überprüften auch den alten Golf meiner Mutter. Vermutlich rätselten sie, was eine siebzigjährige Dame im Terrormilieu suche. Der Wagen war auf sie zugelassen.Sie waren damals 30 Jahre alt, selbst vor einigen Jahren noch an der Universität gewesen und erlebten jetzt den akademischen Betrieb in Aufruhr. Was herrschte da für eine Stimmung?Die Uni Hamburg-Harburg erklärte sofort, sie sei ein weltoffener Ort und das werde sie bleiben. Aber manchmal kam es mir so vor, als fühlten sie sich betrogen. Atta war ein guter, engagierter Student gewesen, auch andere hatten tatsächlich studiert und Prüfungen abgelegt. Sie galten als Aushängeschilder für eine gelungene Integration. Dass aus ihrer Mitte heraus so etwas geplant werden würde, das konnten sich die Leute an der Uni nicht vorstellen.Haben Sie Anhaltspunkte, warum sie sich ausgerechnet Hamburg und ausgerechnet diese Universität ausgesucht haben?Alles spricht dafür, dass sie nicht als Terroristen nach Hamburg kamen. Sie haben hier studiert und sich dann gefunden. Mohammed Haydar Zammar war der Islamist, der die Gruppe wahrscheinlich zusammenführte. Er war in Afghanistan gewesen, und er war es, der die Gruppe radikalisierte. Er hatte sie vermutlich in einer Moschee kennengelernt und erkannt, welches Potential sie für seine Zwecke hatten. Aber das sind Erkenntnisse, die auf Recherchen der Ermittlungsbehörden beruhen.Die Geheimdienste hatten Gespräche der Attentäter in der Wohnung in Hamburg-Harburg abgehört, aber konnten sich darauf keinen Reim machen.dpaWie kann es sein, dass die Geheimdienste davon derart überrascht wurden?Tatsächlich waren sie ihnen auf der Spur, allerdings ohne es zu wissen. Sie hatten Zammar überwacht und Gespräche in der Marienstraße mitgehört, wo auch Mohammed Atta und Ramzi Binalshibh lebten. Auch Said Bahaji wohnte dort, einer der Hauptunterstützer. Da hörten die Behörden also mit, konnten sich aber keinen Reim machen. Sie waren zufällig auf die Gruppe gestoßen, aber das große Ding haben sie nicht kommen sehen. Auch weil all das, was heute in den USA Standard ist, Massenüberwachung, Datensammlungen und so weiter, damals in dieser Form nicht existierte.Die Islam AG, in der sie sich jahrelang getroffen haben, als was wurde diese von der Uni angesehen, als ein religiöser Zirkel, ein harmloser Studententreff?Einem Asta-Vertreter wurde sie damit erklärt, dass Mohammed Atta nicht studieren könne, wenn er nicht beten könne. Das war die Erklärung, deshalb wurde die Islam AG eingerichtet. Die Treffen fanden in einer Baracke bei den anderen Studentenklubs statt, und man hat sie als Ausweis der eigenen Toleranz, Weltoffenheit und Vielfältigkeit angesehen.Hatte der 11. September Einfluss auf den Journalismus?Die intensive Recherche, bei der ein großes Team von Kollegen mit ganz unterschiedlichen Methoden zusammenarbeitet, wurde für uns beim „Spiegel“ zum Modell. So sind wir später dann auch bei anderen großen Themen vorgegangen. Wir recherchieren bei Behörden und Geheimdiensten, aber wir gleichen diese Informationen immer wieder ab mit Recherchen vor Ort. Davon bin ich überzeugt: Man muss dorthin gehen, wo die Dinge passieren, muss dort mit Menschen sprechen, Hinweise suchen. Diese Kombination von guten Quellen in Behörden und Recherche vor Ort halte ich für elementar. Im besten Fall entsteht daraus ein präzises und vielschichtiges Bild, eine genaue und spannend erzählte Rekonstruktion dessen, was passiert ist. Wir haben heute manchmal einen Hang zur Ich-Erzählung im Journalismus, der Reporter nimmt das Publikum mit auf seine Recherche und spielt selbst eine große Rolle im Text, der stark personalisiert ist. Manchmal ist das toll, aber ein großes Team, das viele Facetten zusammenträgt, kann oft ein mindestens ebenso starkes Ergebnis liefern. Wir haben damals eine große Serie gemacht, aus der auch ein Buch hervorging, das gerade neu aufgelegt wurde.Wie verhindert man als Reporter, dass man etwa Terroristen durch so viel Aufmerksamkeit ungewollt historische Größe verleiht?Ich kenne diese Debatte, sie ist wichtig und legitim, aber nach meiner Erfahrung ist es gerade in solchen Fällen wichtig, genau hinzugucken. Aus welchem Milieu kommt jemand, was motiviert Täter, warum gibt jemand sein bürgerliches Leben auf? Und warum bemerkt das niemand? Das halte ich für zentral und da sollten wir uns als Journalisten keine Beschränkungen auferlegen.Von der Polizei fotografiert: Cordula Meyer und ihr „Spiegel“-Kollege Dominik Cziesche sprechen mit dem Terrorverdächtigen Abdelghani Mzoudi.SpiegelWenn man sich so lange im nahen Umfeld der Terroristen aufhält wie Sie als junge Frau, macht das etwas mit einem?Der 11. September, der Tag, an dem es passierte, ist mir nahegegangen. Ich hatte gerade an einer Geschichte zum Pflegenotstand gearbeitet, als auf dem Redaktionsflur jemand rief, da ist was in New York passiert. Und dann sahen wir, wie das zweite Flugzeug in den Südturm flog. Diesen Effekt hatten die Terroristen bewusst kalkuliert. Sie wollten dieses Symbol schaffen, das Bild dieser beiden mächtigen Türme in Flammen. Menschen, die sich aus den Fenstern stürzten. Bei den Recherchen war es aufwühlend, mit den Familien der Terroristen zu sprechen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen war, und trotzdem litten. Aber es blieb da immer eine innere Distanz, ein Punkt, an dem man nicht mehr weiterkam, etwa die Motivlage wirklich zu entschlüsseln.Was hat der 11. September verändert?Das Lebensgefühl, jedenfalls in meiner Generation. Vor den Anschlägen sprach man nicht ohne Grund vom Ende der Geschichte, vom Siegeszug westlicher Demokratien. Mit dem 11. September war das vorbei, es war ein Schock. Alles, was danach kam, der Krieg gegen den Terror, der Krieg in Afghanistan, im Irak und Abu Ghraib, Guantánamo, die große Überwachung, die islamistischen Anschläge in Madrid, in London, in Paris, all das nahm seinen Ausgangspunkt am 11. September.Zuvor hatte es bereits die Fatwa gegen Salman Rushdie gegeben, sein Buch „Die satanischen Verse“ wurde überall auf der Welt von Islamisten verbrannt. Waren wir naiv, so unvorbereitet zu sein?Vielleicht. An der Planung der Anschläge war ja nicht nur Osama Bin Laden beteiligt gewesen, sondern auch Chalid Scheich Mohammed, der bereits 1993 einen Anschlag auf das World Trade Center verübt hatte. Aber dieser koordinierte Angriff auf das Herz New Yorks und damit der westlichen Welt – das lag dann doch außerhalb der Vorstellungskraft, jedenfalls meiner.Man nannte die Terroristen aus Hamburg seinerzeit „Schläfer“. Eigentlich ein irreführender Begriff, oder?Sie waren Schläfer höchstens in dem Sinne, dass sie bewusst besonders unauffällig lebten, als sie ihren Plan gefasst hatten. Das ist ihnen gelungen. Geformt hat sich die Zelle erst in Hamburg, ehe die Männer nach Amerika gingen, um sich dort als Piloten ausbilden zu lassen.Wie schaut Hamburg heute auf diesen Tag 25 Jahre später?In der Erinnerung der Beteiligten von damals spielt das eine riesige Rolle. Es hat die Stadt schon geprägt, aber auch uns als Gesellschaft. Es hat zu einem anderen Verhältnis zum Islamismus geführt, wir schauen genauer hin.Wie hat es Sie als Journalistin geprägt?Sehr. Scheu vor großen Geschichten hatte ich danach jedenfalls nicht mehr.