Die Suche nach intelligenten Aliens ist grosser Unsinn – oder?Am Seti-Institut suchen Forscher seit den achtziger Jahren nach ausserirdischen Zivilisationen. Jetzt arbeiten sie mit der ETH Zürich zusammen. Porträt einer ungewöhnlichen Forschungsstätte.11.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMit dem Allen-Teleskop wollen Forscher in Kalifornien Aliens belauschen.Photo Library SPL / KeystoneSind wir allein im Universum? Oder gibt es da draussen noch andere intelligente Wesen? Die Forscher am Seti-Institut in Kalifornien gehen diesen Fragen seit vierzig Jahren nach.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Genau dieses Institut knüpft nun Verbindungen in die Schweiz: Anfang September hat die ETH Zürich bekanntgegeben, mit dem Seti-Institut zusammenzuarbeiten. Dazu wird eine neue Assistenzprofessur an der ETH geschaffen – für die ersten zehn Jahre finanziert vom Seti-Institut. Man gewinne damit einen renommierten Partner, sagt der ETH-Präsident Joël Mesot laut einer Pressemeldung.Dabei hätte lange Zeit niemand die Suche nach extraterrestrischer Intelligenz (Seti) als «renommiert» bezeichnet. Jahrzehntelang wurde sie von Wissenschaftern ausgegrenzt und belächelt.Die Anfänge: Frank Drake stellt eine Gleichung aufDabei begann alles so optimistisch. Gerade waren die ersten Menschen ins All geflogen, Kennedy hatte angekündigt, einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen: 1961 schien in Sachen Astronomie alles möglich. Vielleicht auch der erste Kontakt zu ausserirdischen Lebewesen?Newsletter «Quantensprung»Wir prüfen Ideen, die wirklich etwas verändern könnten – und wie sie Realität werden. Jeden Freitag diskutiert unsere Wissenschaftsredaktion über visionäre Forschung und ihre Auswirkung auf die Welt – als Podcast und Newsletter.Jetzt kostenlos abonnierenZumindest begannen Astrophysiker, die Frage ernsthaft zu stellen: In Green Bank im amerikanischen West Virginia fand die weltweit erste Konferenz zum Thema Seti statt. Organisiert hatte sie der Astrophysiker Frank Drake. Er formulierte die zentrale Frage des Treffens: Wie schwierig ist es, eine ausserirdische Zivilisation zu entdecken? Und Drake stellte direkt eine Gleichung auf, die diese Frage beantworten sollte.Die Drake-Gleichung ist berühmt und gilt als eine Art Leitfaden für die Suche nach Leben im All. Sie besteht aus insgesamt sieben Variablen, die miteinander multipliziert werden. Dazu gehören die Rate, mit der Sterne entstehen, die Anzahl Planeten pro Stern und die Zahl, wie häufig diese sich in einem Abstand befinden, der Leben ermöglichen könnte. Aber auch: Wie häufig entsteht auf solchen Planeten tatsächlich Leben? Wie oft entwickelt sich daraus Intelligenz und eine Zivilisation, die wahrnehmbare Signale aussendet? Und nicht zuletzt: Wie lange überleben solche Zivilisationen?Würde man all diese Variablen kennen, könnte man abschätzen, wie viele ausserirdische Zivilisationen es im Universum gibt – und das bestimmt unsere Chancen, eine davon zu entdecken. 1961 konnte man gerade einmal den ersten Teil, die Rate der Sternentstehung, genauer beziffern. Bis zum ersten Nachweis eines Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems sollte es noch mehr als dreissig Jahre dauern.Dennoch begann eine kleine Gruppe von Forschern mit der Suche nach Aliens. Und das sogar sehr aktiv: 1974 schickte Drake die sogenannte Arecibo-Nachricht los. Sie war als Demonstration gedacht, wie mithilfe von Radiowellen eine Kontaktaufnahme mit Aliens gelingen könnte. Radiowellen sind Licht mit einer so geringen Frequenz, dass unser Auge sie nicht wahrnehmen kann. Sie breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit zwischen den Sternen aus und können die fernsten Winkel des Universums erreichen.Drake sandte ein solches Radiosignal ins All hinaus, das Ausserirdischen verraten sollte, wie menschliches Leben aussieht und wo es zu finden ist. Er wurde dafür von Astronomenkollegen heftig kritisiert – für seine Arroganz, allein stellvertretend für die Menschheit eine Nachricht zu verfassen, und für das Risiko, das er damit einging. Später warnten auch bekannte Stimmen wie Stephen Hawking immer wieder vor ähnlichen Kontaktversuchen: Die Aufmerksamkeit fremder Zivilisationen auf die Erde zu lenken, könne schlecht für uns enden.Während die Nasa noch 1992 ein grosses Forschungsprogramm zur Suche nach ausserirdischen Zivilisationen anstiess, wandten sich Politiker bald gegen die Unternehmung. Das Budget sei zu knapp, um es in die «Suche nach Mars-Männchen» zu investieren. 1993 entschied der amerikanische Kongress, keine öffentlichen Gelder mehr für Seti-Forschung auszugeben.Das Seti-Institut entstehtDie wenigen Forscher, die sich weiter der Suche nach intelligentem Leben im All widmen wollten, fanden einen Rückzugsort am Seti-Institut. Gegründet 1984 von der Astrophysikerin Jill Tarter und Thomas Pierson, war das unabhängige Forschungsinstitut die letzte Bastion der Seti-Forschung.Doch ohne öffentliche Gelder war das Institut auf private Investoren angewiesen. Der Microsoft-Mitgründer Paul Allen etwa spendete in den frühen 2000er Jahren insgesamt 30 Millionen und ermöglichte damit den Bau des Allen-Teleskops.Das Allen-Teleskop in Kalifornien sollte ursprünglich aus 350 Radioantennen bestehen. Gebaut wurden nur 42.Das Allen-Teleskop ist eine Ansammlung von insgesamt 42 Radioantennen, die im Norden Kaliforniens aufgestellt sind und nach Radiosignalen aus dem All suchen. Statt nach Aliens zu rufen, will man sie hören. «Wenn es auf anderen Welten Zivilisationen gibt, die das elektromagnetische Spektrum verstehen, dann haben sie vermutlich auch Radiowellen entdeckt», sagt Bill Diamond, Präsident und Geschäftsführer des Seti-Instituts.Bis jetzt hat das Allen-Teleskop aber nur Störsignale von der Erde entdeckt.Das Seti-Institut wird seriöser – dank weniger SetiFür die Suche nach intelligenten Wesen im All blieb das Geld knapp. Und so begann das Seti-Institut in den neunziger Jahren, seine Forschungsaktivitäten auf klassischere Forschungsgebiete auszuweiten: die Entdeckung und Untersuchung von Planeten in anderen Sonnensystemen, die Erforschung von Meteoriten oder die Suche nach Anzeichen von primitivem Leben auf anderen Himmelskörpern. Für diese Forschung konnten sich die Wissenschafter auf Gelder von der Nasa bewerben. «Als ich 2015 die Leitung des Seti-Instituts übernommen habe, haben dort nur drei oder vier Leute tatsächlich an Seti geforscht», sagt Diamond. Heute sind es vierzehn.Auch die ETH will sich in ihrer Zusammenarbeit mit dem Seti-Institut auf die klassischen Bereiche der Astrophysik konzentrieren. «Niemand hier ist an der Suche nach intelligentem Leben interessiert», sagt der Physik-Nobelpreisträger Didier Queloz, der an der ETH das Zentrum für den Ursprung und die Verbreitung des Lebens leitet. An diesem Zentrum wird die vom Seti finanzierte Professorenstelle angesiedelt sein.Die Forschung dort soll sich darauf konzentrieren, mehr über die Eigenschaften fremder Planeten herauszufinden und Fragen zu beantworten wie: Ist die Erde ein besonderer Planet, oder gibt es viele ähnliche Planeten im Universum? Wie ist Leben entstanden, und wie hat es sich verbreitet? Auch die Erforschung von Biosignaturen gehört dazu – so bezeichnet man Stoffe, die auf die Existenz von Leben hindeuten und die man auf fernen Planeten entdecken könnte. Wissenschafter vermuten aber, wenn überhaupt, auf einfaches Leben zu stossen, wie etwa Einzeller.Ob es da draussen intelligentes Leben geben könnte, sei eine philosophische oder gar spirituelle Frage, sagt Queloz. Jedenfalls keine wissenschaftliche.Die Suche nach echten Aliens geht weiterBill DiamondPDAm Seti-Institut will man die Suche nach intelligentem Leben dennoch nicht aufgeben. «Wen interessieren schon Mikroben?», sagt Bill Diamond. «Das einzig Spannende an Mikroben auf anderen Planeten ist doch, dass durch Evolution aus ihnen interessanteres Leben entstehen könnte, mit dem wir vielleicht sogar ins Gespräch kommen können.»Weil die Suche nach einfachem Leben im All zu einer der zentralen Fragen der Astronomie aufgestiegen sei, sei auch die Suche nach intelligentem Leben weniger abwegig geworden, sagt Diamond. «Es ist ein zunehmend beliebtes Forschungsgebiet.»Am Seti-Institut jedenfalls wird die Forschung daran weitergehen. Auch weil die Sorgen um die Finanzierung der Vergangenheit angehören. Franklin Antonio, einer der Mitgründer der Chipfirma Qualcomm, hatte das Seti-Institut bereits seit 2012 finanziell unterstützt und sich als Nachrichtentechniker auch aktiv in die Forschung eingebracht. Nach seinem Tod vermachte er dem Institut 200 Millionen US-Dollar. Gut angelegt, soll dieses Geld die Forschung über Jahrzehnte hinweg finanzieren.Dabei konzentrieren sich die Forscher längst nicht mehr nur auf Radiosignale. Sie suchen den Himmel auch nach Laserpulsen ab und entwickeln immer neue Ideen, welche sogenannten Techno-Signaturen sonst noch auf hochentwickelte Zivilisationen im All hinweisen könnten. Die Vorschläge reichen von Raumschiffen über terraforme Planeten bis hin zu winzigen Müllpartikeln, die auf dem Mond gelandet sein könnten.Auch nach sechzig Jahren ohne Alien-Funde: Die Suche geht weiter.Passend zum Artikel