PfadnavigationHomeKulturFilm„NAZA“ bei den FilmfestspielenVenedig hat seinen neuen SkandalfilmStand: 18:11 UhrLesedauer: 6 MinutenIm Dunkeln ist gut munkeln: Szene aus „NAZA“Quelle: MK2 FILMSAls einzige Doku im Wettbewerb läuft „NAZA“. Der Film, nachts auf den Dächern von Tel Aviv gedreht, will „die Mechanismen hinter Israels gezielten Massentötungen von palästinensischen Zivilisten im Gaza-Streifen“ aufdecken. Ein Skandal mit Ansage.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenEs gibt wohl keinen nüchterneren Film als „NAZA“. Nüchtern im Sinne der filmischen Mittel, mit denen er sein ungeheuerliches Anliegen vorbringt. Es ist ein Film, der fast komplett nachts spielt. Im Hintergrund glitzert die Skyline von Tel Aviv, und im Vordergrund sitzen im Dunkeln immer zwei Personen. Der eine ist der israelische Journalist Yuval Abraham, auf den manchmal etwas Licht fällt. Seine wechselnden Gesprächspartner sieht man nur als Silhouetten im Profil.Es sind frühere Angehörige der israelischen Armee (IDF), Datenanalysten, Drohnenführer und Scharfschützen. Sie erzählen davon, wie der Gaza-Krieg geführt wird. Nicht nur ihre Gesichter sind unkenntlich gemacht, sondern auch ihre Stimmen und sogar ihre Handschrift – alles, was sie identifizieren und, wie sie nur zu gut wissen, wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen ins Gefängnis bringen könnte.Das Programm der 83. Filmfestspiele von Venedig wurde, wie üblich, einen guten Monat vor deren Beginn bekannt gegeben. Jedoch gab es eine mysteriöse Lücke am Donnerstag, dem 10. September 2026, einen „Film, der noch bekanntgegeben wird“; auf Nachfrage war nur Gemurmel von „Sicherheitsgründen“ zu hören.Als das Rätsel Ende August schließlich gelöst wurde, war man nicht viel klüger. Es handelte sich um den neuen Film von Yuval Abraham und Rachel Szor, deren „No Other Land“ bei der Berlinale den Dokumentarfilmpreis gewonnen hatte (und kurz darauf den Oscar), worauf Abraham in seiner Dankesrede die israelische Besatzung im Westjordanland als „Apartheid“ bezeichnete, was das Festival in eine politische Kontroverse und tiefe Krise stürzte.Abrahams neuer Film trug einen Titel, mit dem niemand etwas anfangen konnte – „NAZA“ – und deshalb wird er gleich zu Beginn erklärt: Es ist die armeeinterne Bezeichnung für Kollateralschaden. „4 NAZA“ bedeutet zum Beispiel, dass man bei einem Angriff auf einen Hamas-Angehörigen auch den Tod von vier Menschen aus seiner Umgebung in Kauf nimmt, also Ehefrau, Kinder, Eltern, Freunde.Das weiß die IDF im Voraus, denn sie weiß auf Adresse und Stockwerk genau, wo ihre Feinde wohnen. Und die Armeeführung hat die Grundsatzentscheidung getroffen, diese nicht tagsüber unterwegs anzugreifen, sondern nachts in ihren Wohnungen, so behauptet der Film. Dass sich ihre Ziele tatsächlich dort befinden, schließt sie aus den Signalen, die deren Mobiltelefone ausstrahlen.Lesen Sie auchFalls Zweifel bestehen, werden die Apparate der Familienmitglieder abgehört; die Armee ist in der Lage, sämtliche Funktionen eines Handys zu aktivieren, auf Verbindungen zuzugreifen, auf die Kamerafunktion, auf gespeicherte Fotos und hinterlassene Nachrichten. Ist der Hamas-Agent lokalisiert, wird die Drohne mit der Bombe losgeschickt. Die Überwachung – „Du fühlst dich etwas wie Gott“, sagt ein Ex-Soldat – ermöglicht die komplette Kontrolle. Die Wirkung des Angriffs lässt sich gut beurteilen.Auf der IDF-Todesliste, so behauptet der Film, stehen rund 40.000 Hamas-Verdächtige. Die Ziele würden von der KI empfohlen, die sämtliche Handys im Gaza-Streifen überwache und in deren Daten nach einem „Hamas-Profil“ suche; eine Fehlermarge von bis zu 15 Prozent sei einkalkuliert, sagt ein Ex-Soldat, sprich: Menschen, die fälschlicherweise auf der Liste landen. Nach der Hamas-Attacke vom 7. Oktober, sagt ein anderer, habe in der Armee die Auffassung vorgeherrscht, es gebe keine unschuldigen Menschen in Gaza.Der Algorithmus – so behauptet es der Film – (vor)entscheidet also über Leben oder Tod. Den Angriffsbefehl geben Menschen, nachdem vorher der NAZA-Wert berechnet wurde: Wie viele Kollateral-Tote könnte ein Angriff kosten? Es gab, sagen die Insider in Abrahams Film, verschiedene Quoten je nach Wichtigkeit des Ziels; zeitweise wurden bis zu 500 unbeteiligte Tote für einen Hamas-Führer bei einem Schlag in Kauf genommen. Und es habe nicht nur die gezielten Tötungen gegeben, sondern auch den Vorsatz, die Häuser ganzer Viertel in Nord-Gaza zu zerstören, damit dorthin niemand mehr zurückkehren könne.Lesen Sie auchAbrahams und Szors Film ist nicht nur eine Aufreihung beklemmender Aussagen – allerdings stammen sie, daran sollte man sich stets erinnern, aus dem Munde ehemaliger israelischer Soldaten. Die Co-Regisseure haben seit „No Other Land“ auch erheblich als Filmemacher dazugelernt: Es gibt in „NAZA“ fast kontemplative Sequenzen, in denen ihre Kamera von außen in beleuchtete Tel-Aviver Hochhauswohnungen blickt und – 60 Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt – friedliche Alltagsszenen einfängt, während ein Ex-Scharfschütze davon erzählt, wie er Menschen abgeschossen hat, die in einer Schlange um Lebensmittel anstanden.Abraham stellt seinen Gesprächspartnern wiederholt die Frage, ob niemand diese Art der Kriegsführung infrage gestellt habe, und erhält stets die Antwort: „Nein, wir haben nur unsere Mission erfüllt.“ Das kann kaum eine Antwort sein, mit der sich die Menschen zufriedengeben, und bei denen, die sich vor die Kamera gewagt haben, ist sie es auch nicht geblieben.Das Entsetzen, das den Zuschauer angesichts der konkreten Erzählungen packt, geht aber darüber hinaus, denn die Zeugen betonen einerseits, in ihren Einheiten habe es keine Araberhasser gegeben, und andererseits, dass sie bei den Einschlägen ihrer tödlichen Drohnen so etwas wie Spaß und Euphorie verspürt hätten. Theoretische Befürchtungen, die videospielartige Remote-Kriegsführung habe die Schwelle zum entmenschlichten Töten erheblich abgesenkt, werden von der Praxis allem Anschein nach bestätigt.„Was bin dann ich?“ Abraham stellt auch die berüchtigte Frage nach einem vermeintlichen Genozid. Die Antworten darauf erfolgen indirekt, dabei suggestiv-polemisch. Einer der Soldaten erwähnt einen Besuch in einem Konzentrationslager in Polen und sagt, er halte die Nazis immer noch für böse, aber: „Was bin dann ich?“ Und mitten in die Erzählungen des Gaza-Horrors montieren die Regisseure Bilder der Schweigeminute in Tel Aviv am Holocaust-Erinnerungstag.Die Enthüllungen von „NAZA“ fallen nicht wie ein Sprengsatz aus heiterem Himmel (man verzeihe die Formulierung) in eine ahnungslose Öffentlichkeit. Die Brisanz von „NAZA“ liegt vor allem in der weltweiten Aufmerksamkeit, die der Film generieren wird; viele Beobachter sehen ihn, kurz vor Ende des Festivals, als Favoriten auf den Goldenen Löwen, der am 12. September 2026 vergeben wird – man fühlt sich an „The Voice of Hind Rajab“ erinnert, den Sieger vor zwei Jahren. Und er kommt sechs Wochen vor der Parlamentswahl in Israel.Abrahams und Szors Film passt in kaum eine der existierenden Genrekategorien. Es ist ein Dokumentarfilm – wird aber als parteiisch angegriffen werden, weil er den 7. Oktober zwar anfangs benennt, aber gar nicht auf das Selbstverteidigungsargument Israels eingeht. Und es ist ein deutlicher Aktivistenfilm, denn er hat die klare Agenda, die in ihm dargestellte Art der Kriegsführung zu beenden.
„NAZA“ bei den Filmfestspielen: Venedig hat seinen neuen Skandalfilm - WELT
Als einzige Doku im Wettbewerb läuft „NAZA“. Der Film, nachts auf den Dächern von Tel Aviv gedreht, will „die Mechanismen hinter Israels gezielten Massentötungen von palästinensischen Zivilisten im Gaza-Streifen“ aufdecken. Ein Skandal mit Ansage.















