Ulrich Siegmund (AfD) kommt gemeinsam mit seiner Ehefrau Julia Siegmund auf einer Simson Schwalbe zur Stimmabgabe. Foto: Michael Kappeler/dpaDer Running Gag der AfD am Wahlabend ging so: Friedrich Merz wollte uns halbieren, hat aber stattdessen die CDU halbiert – und die AfD verdoppelt. Die Formel war so abschätzig und einprägsam, dass viele sie wiederholten. Sogar Beobachter im Ausland, wo das Ergebnis wie ein Menetekel für ganz Deutschland verstanden wurde.Ist die Implosion der zweiten Volkspartei also nunmehr einen flotten Spruch wert? Wie lustvoll diese Rechnung verbreitet wurde, verstört, zumal sie heillos übertrieben ist. In Baden-Württemberg haben im Frühjahr je 30 Prozent CDU und Grüne gewählt, in Rheinland-Pfalz lag die SPD bei 26 und die CDU bei 31 Prozent. Was kein Grund zur Entwarnung ist, natürlich sind Zeit, Stimmung und Momentum gegen Union und SPD. Die Lage ist verdammt ernst.Mit dem Fluxkompensator ins Jahr 1988Es ist nun viel von Zäsuren und Kipppunkten die Rede, und sicher war die Wahl in Sachsen-Anhalt all das. Aber nicht nur das Rekordergebnis der AfD bestürzt, sondern auch das Zerrbild, das inzwischen vom Kanzler, der Regierung und diesem Land gezeichnet wird.Ist Merz wirklich so furchtbar? Ist Deutschland tatsächlich am Ende? Die Lage komplett ausweglos?Landtagswahl Sachsen-Anhalt Warum die AfD gewonnen hat Das verlockendste Gefühl, das die Partei zu bieten hat? Ressentiment. Und Nostalgie nach einem Deutschland, das nie existierte. Wie es so weit kommen konnte – ein Kommentar. Kommentar von Max HaerderImmer mehr Menschen, weit bis in die Wirtschaft und das Bürgertum hinein, haben sich diese Abstiegserzählung zu eigen gemacht, ergeben sich ihr, manche weiden sich geradezu daran: Wir werden von Versagern regiert! Weg mit dem System!!! (Drei Ausrufezeichen!)Sachsen-Anhalt ist zum Symbol eines (teil-)kollektiven Fieberwahns geworden, wie verlassen, vergessen und abgehängt man doch sei.Ich habe viele Interviews mit Menschen gesehen, die klagten, man habe Jahrzehnte nichts für sie getan. Wie bitte? Man möchte sie mithilfe eines Fluxkompensators ins Jahr 1988 schicken, in eine der maroden DDR-Innenstädte oder direkt auf die Giftdeponie von Leuna.Ulrich Siegmund als „Easy Rider“Die Pointe ist, dass die AfD den Abstieg nur noch als Nährboden braucht; sie inszeniert sich als Hoffnungspartei und ihren Spitzenkandidaten als „Easy Rider“: Alles ist möglich, alles wird gut, alles wird wie früher. Während die schrumpfende Mitte sich zerlegt und grübelt, wer jetzt als Erstes ausgetauscht wird.Nein, diese vernichtenden Urteile hat weder Friedrich Merz noch irgendein Mitglied der Regierung verdient. Merz macht viele Fehler, ihm rennt die Zeit davon. Aber er zweifelt, arbeitet, arbeitet an sich, hat ein Anliegen. Oder wollen wir ihm das auch absprechen?Das Problem ist noch ein anderes: Alle wollen, dass sich etwas bewegt und besser wird. Außer man redet über Feiertage, Arbeitszeiten oder die Rente. Dann sind wir empört. Nach dieser Wahl sollte nicht nur der Kanzler sich hinterfragen. Wir alle sollten es – und uns vom Fieber von Magdeburg nicht so willfährig anstecken lassen.
Wahl in Sachsen-Anhalt: AfD erzielt Rekordergebnis, Regierung unter Druck
Hat Friedrich Merz die CDU wirklich halbiert? Nach dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt greift eine gefährliche Abstiegserzählung Raum. Warum die pauschale Wut auf das System in die Irre führt.











