Bundeskanzler Friedrich Merz während der Generaldebatte. Foto: Christoph Soeder/dpaGenug ist genug. Über weite Strecken seiner Rede gibt sich Friedrich Merz sichtlich Mühe, ruhig zu bleiben. Aber es fällt ihm schwer. Sehr schwer. Es ist ihm nicht mal zu verdenken.Seit der Wahl am Sonntagabend in Sachsen-Anhalt, diesen historischen fast 44 Prozent, war bei der AfD viel von Hand ausstrecken die Rede. Die Hand im Bundestag am Mittwoch glich eher einem Stinkefinger. Schon bemerkenswert, wie die AfD-Fraktion bürgerliche Umgangsformen interpretiert.AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt „Der Imageschaden ist jetzt in der Welt“ Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding warnt: Der AfD-Wahlsieg schadet dem Image von Sachsen-Anhalt – vor allem bei ausländischen Investoren. von Henrike AdamsenJedenfalls haben sie Merz irgendwann so weit. Er habe sich das eigentlich sparen wollen, sagt er. Aber dann macht er es doch und zitiert einen erst wenige Tage alten Satz des sachsen-anhaltinischen AfD-Landeschefs: Der Staat gleiche einem nach „Dope stinkenden, faulen Asi“. Merz fragt in Richtung der AfD: Ob man so über ein Land rede, das man angeblich so liebe?Das ist der Moment, in dem aus der Unionsfraktion kraftvoller Applaus aufbrandet. Es ist sein stärkster an diesem Tag. Ungeplant.Zwischen Demut, Gift und GalleEs ist ein schmaler Grat, auf dem der Kanzler gerade wandelt. Er hat mehr Emotionalität versprochen nach dem Desaster von Magdeburg. Gerede und Geraune von einem Kanzlersturz gehen um. Er muss also kämpfen. Soll zeigen, dass er verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat. Aber je mehr er selbst Lautstärke und Schärfe erhöht, desto unsouveräner könnte er wirken. Und umgekehrt genauso: Gäbe er sich demonstrativ ungerührt, nährte er nur noch mehr die Erzählung seiner Gegner: abgehoben, volksfern, elitär, dieser Merz.Würde und Wut, Haltung und Hass, Zukunft und Zorn. Es geht alles durcheinander. Seltsame Zeiten.An diesem Mittwoch wählt Merz einen Mittelweg, irgendwie, und auch der hat natürlich Folgen. Der Kanzler gibt sich über weite Strecken in dieser traditionellen Generaldebatte zum Kanzleretat nur sehr dosiert kämpferisch, dafür nachdenklich, fast demütig. Inhaltlich aber findet er keinen Fokus: Ukraine, Waldbrände, Rente, Steuern, Bürokratie, KI, Gasspeicher – und diese Aufzählung ist nicht einmal vollständig.Ein Kessel Blasses vom Kanzler. Sieht man von dem einen Ausbruch ab.Wohlstand für die Jugend, der nachfolgenden Generation dienen, für sie Chancen erarbeiten – dieses Leitmotiv seiner Kanzlerschaft schält sich seit einigen Monaten heraus. Es passt zum Vater und Großvater, der er ist. Auch in der Rede am Mittwoch vergisst Merz gegen Ende nicht, diesen Antrieb zu erwähnen. Aber wie er das tut, passt in die Lage: halbherzig.Eine Erzählung, die ihn trägt, die ihm Kraft und Entschlossenheit gibt, ist das noch lange nicht. Friedrich Merz steht an einer entscheidenden Wegmarke seiner Amtszeit. Die Verhältnisse zerren an ihm. Vielleicht reißen sie ihn nieder.Er weiß das. Und jeder kann es spüren.