Nach dem haushohen Sieg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt läuft bei den anderen Parteien die Aufarbeitung und Fehlersuche. Auch die Koalition aus Union und SPD im Bund und Kanzler Friedrich Merz stehen nach dem Wahlerfolg der in dem östlichen Bundesland als gesichert rechtsextremistisch geltenden Partei massiv unter Druck. Der CDU-Chef selbst räumte Fehler ein.Mit großer Sorge wird auch auf die Wahlen am 20. September in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern geschaut. Einem Medienbericht zufolge hat die sozialdemokratische Ministerpräsidentin in Schwerin, Manuela Schwesig, bei der Sitzung des SPD-Präsidiums am vergangenen Montag Merz scharf kritisiert und für das schlechte Erscheinungsbild der Bundesregierung verantwortlich gemacht. Dies berichtet der „Spiegel“ unter Berufung auf mehrere Teilnehmer.Demnach habe Schwesig gegen die Kommunikation des Kanzlers gewettert. Merz rede „von oben herab“, habe keinerlei Verständnis für die Sorgen und Nöte der Menschen. Ferner soll Schwesig gerügt haben, dass der CDU-Chef nichts gegen die steigenden Spritpreise unternehme. Sie werde bei ihren Haustürbesuchen im Wahlkampf häufig auf Merz angesprochen.Entscheidend ist, Unterschiede nicht jeden Tag öffentlich zum Koalitionsdrama zu machen.Dietmar Woidke, Brandenburgs Ministerpräsident (SPD)Der Frust der Bürgerinnen und Bürger sei enorm, die Beliebtheitswerte nicht ohne Grund im Keller. Der Kanzler ziehe die ganze Regierung mit nach unten, sagte Schwesig den Teilnehmern zufolge – und wird mit den Worten zitiert: „Das Problem heißt Merz.“Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fuhr die AfD einen haushohen Sieg ein und konnte ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppeln. Die CDU erlebte einen bisher beispiellosen Absturz, die SPD verbesserte sich leicht.Vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Leif-Erik Holm auch dort in Umfragen vorn. Der Abstand auf die SPD von Schwesig ist allerdings je nach Erhebung unterschiedlich hoch. So rückten die Sozialdemokraten (32 Prozent) in einer Befragung von Infratest dimap vor einer Woche bis auf drei Prozentpunkte an die Ultrarechten (35 Prozent) heran. In einer nur einen Tag zuvor veröffentlichten Forsa-Erhebung lag der Vorsprung der AfD bei neun Punkten.Insgesamt konnte Schwesigs SPD im Nordosten allerdings deutlich Boden gutmachen. Die Fokussierung auf die Spitzenkandidatin und ihren Amtsbonus scheint sich auszuzahlen. Die SPD-Politikerin ist zuletzt auch wiederholt bundesweit in Erscheinung getreten und forderte unter anderem deutliche Änderungen an dem Rentenpaket der schwarz-roten Regierung von Merz.Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) rief Union und SPD im Bund am Donnerstag zu raschen Ergebnissen statt neuem Knatsch auf. „Es geht um konkrete Verbesserungen – bei Wirtschaft und Arbeitsplätzen, Energiepreisen, Infrastruktur, Bildung, Sicherheit und sozialem Zusammenhalt“, sagte Woidke der Deutschen Presse-Agentur.„Die Menschen wollen nicht wissen, wer sich in einer internen Debatte durchgesetzt hat. Sie wollen wissen, ob die Rechnung bezahlbar bleibt, ob Unternehmen investieren, ob der Staat Entscheidungen zustande bringt und ob sich ihr Alltag verbessert.“ Juso-Chef Türmer fordert Neustart von Schwarz-Rot „SPD und CDU haben nicht bei allen Fragen denselben Blick, das ist normal und gehört dazu. Entscheidend ist, Unterschiede nicht jeden Tag öffentlich zum Koalitionsdrama zu machen, sondern in den internen Gesprächen nach tragfähigen Lösungen zu suchen.“Der Juso-Vorsitzende Philipp Türmer forderte dagegen am Donnerstag einen Neustart für die Bundesregierung und kritisierte die Reformpakete der Koalition. „Reformen dürfen nicht nur Kürzungen bedeuten“, sagte Türmer der Agentur AFP zufolge im ARD-„Morgenmagazin“ im Gespräch mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Pascal Reddig. Die Wahl in Sachsen-Anhalt habe gezeigt, dass soziale Sicherheit ein wahlbestimmendes Thema sei.Gleichzeitig sei der Eindruck entstanden, in Berlin werde Politik gegen die Wähler gemacht, speziell mit Blick auf die Renten. Auf das Wahlergebnis aus Sachsen-Anhalt, das Türmer als Zäsur beschrieb, müsse eine entsprechende Reaktion aus Berlin folgen. „Wir müssen um jeden Einzelnen kämpfen, den wir noch zurückgewinnen können für die Demokratie“, sagte Türmer. Die Menschen hätten deutlich gemacht, dass sie mit der Arbeit der Bundesregierung nicht zufrieden seien. Deren Beliebtheitswerte seien „unterirdisch“.Reddig hingegen verteidigte demnach den Kurs der Bundesregierung. „Unser Problem ist nicht, dass wir in den letzten Jahren zu viele Reformen gemacht haben, sondern zu wenig.“Die Rentenkommission biete eine gute Perspektive für die Rentenpolitik und steigende Renten, sagte der CDU-Abgeordnete, der selbst Mitglied der Kommission war. Laut Reddig geht es darum, den Menschen in dieser Legislaturperiode funktionierende Systeme zu hinterlassen. Gleichzeitig müsse der Sozialleistungsmissbrauch bekämpft werden.