KommentarPro ArtikelEuropa geht mit gefährlich niedrigen Gasvorräten in den Winter – weil die Händler sich im Iran-Krieg verzockt habenDer Konflikt am Persischen Golf hat die Gaspreise angeheizt und die Füllung der Gasspeicher verzögert. Jetzt wird die Zeit knapp, denn der Winter naht. Schlimmstenfalls droht im Januar eine Mangellage.10.09.2026, 05.25 Uhr3 LeseminutenGasspeicher mit ihrer typischen runden Form in Köln-Godorf: Die Füllstände in Deutschland sind für die Jahreszeit extrem niedrig.Christoph Hardt / ImagoDie europäischen Gashändler und Energiekonzerne haben sich verzockt. Der Ausbruch des Iran-Krieges Ende Februar hatte den Preis für europäisches Erdgas deutlich in die Höhe getrieben. Im Sommer lag er zwischen 40 und 60 Euro pro Megawattstunde (MWh) und damit weit über den Werten der Vorjahresperiode. Für Unternehmen war es dadurch wirtschaftlich unattraktiv, wie sonst üblich bereits im Sommer mit der kontinuierlichen Speicherfüllung für den Winter zu beginnen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die über Monate währende Hoffnung, dass der Iran-Konflikt nur von kurzer Dauer sei und die Preise dann bald wieder auf ein normales Niveau sänken, hat sich nicht nur zerschlagen, sondern die Situation hat sich sogar verschlimmert. Diese Woche erreichte der Preis knapp 80 Euro. Das ist der höchste Wert seit Ende 2022, wenngleich er noch deutlich unter den Spitzenpreisen nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs liegt. Im Ergebnis sind die Füllstände der europäischen Gasspeicher jetzt auf einem sehr niedrigen Niveau – und der Winter naht.Warnung des Gasspeicher-VerbandesIn der EU beträgt der Füllstand derzeit 67 Prozent. Dieser Wert liegt 16 Prozentpunkte unter dem Mittel der letzten fünf Jahre und auch klar unter dem Minimalwert in dieser Periode. Die meisten Mitgliedstaaten haben auf ihrem Gebiet eigene Speicheranlagen. Insgesamt zwei Drittel der gesamten Kapazität entfallen auf fünf Mitgliedstaaten, nämlich Deutschland, Italien, Frankreich, die Niederlande und Österreich.In Deutschland sind die Gasspeicher sogar nur gut zur Hälfte (55 Prozent) gefüllt, das ist das tiefste Niveau seit Beginn der Aufzeichnungen vor fünfzehn Jahren. Der Wert liegt fast 30 Prozentpunkte unter dem Mittelwert der vergangenen fünf Jahre. Auch in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Österreich sind die Stände tief. Lediglich in Italien beträgt der Wert bereits 84 Prozent, weil die Regierung dort zusätzliche Anreize zur Auffüllung gesetzt hat.Die Schweiz hat nicht einmal eigene inländische Gasspeicher, sondern nutzt Speicher in Nachbarländern. Sie ist deshalb, abgesehen von etwas Biogas, vollständig von Importen abhängig. Auch die Schweiz operiert beim Nettoimport und bei der Speicherung derzeit am untersten Ende der Vergleichswerte der vergangenen fünf Jahre. Aufs Gesamtjahr gesehen deckt die Schweiz rund 12 Prozent ihres Energiebedarfs mit Gas.Aus Brüssel, Berlin und Bern kommen bis anhin beruhigende Aussagen. Von der EU heisst es, es drohe kein Versorgungsnotstand. Dennoch wies in Deutschland diese Woche der Gasspeicher-Verband Ines warnend darauf hin, dass der Zielwert eines 80-prozentigen Füllstands in den deutschen Speichern bis zum 1. November aus technischen Gründen nicht mehr erreichbar sei. Möglich seien noch 77 Prozent, allerdings wohl auch nur unter idealen Bedingungen. Ob das für eine sichere Versorgung im Winter reicht, hängt vor allem davon ab, wie kalt der Winter werden wird.Bei normalen Temperaturen betrügen die Füllstände bis zum 1. April laut Ines immerhin noch 38 Prozent. Bei einem sehr kalten Winter, wie etwa 2010, könnte es hingegen bereits im Januar erhebliche Probleme geben, mit täglichen Unterdeckungen von bis zu 25 Prozent des Bedarfs. Klimaforscher erwarten derzeit aufgrund des herrschenden El-Niño-Phänomens für Mitteleuropa einen milden und stürmischen Winter. Das spielt den Betreibern in die Hände und sorgt offenbar für eine gewisse Entspannung und Selbstgefälligkeit.Schwarze Schwäne am ErdgasmarktDiese ist jedoch völlig unangebracht. Zwar halten viele Experten eine effektive Mangellage für sehr unwahrscheinlich, weil Europa bis zu einem gewissen Punkt notfalls kurzfristig Flüssiggas kaufen und dabei an den Spotmärkten ärmere asiatische Länder überbieten könnte. Dann gäbe es zwar hohe und volatile Preise, doch die Versorgung wäre sicher.Doch erstens kann es durchaus einen harten Winter geben. Und zweitens können unerwartete Entwicklungen eintreten – etwa Probleme mit dem Pipelinegas aus Norwegen oder an den Verladestätten in den USA wegen eines starken Hurrikans. Aus diesen beiden Ländern bezieht beispielsweise Deutschland fast den gesamten Bedarf. Auch die deutschen LNG-Terminals könnten überraschend mit technischen Schwierigkeiten konfrontiert oder Ziel von hybriden Angriffen sein.Derlei schwarze Schwäne, also völlig unerwartete Ereignisse, tauchen erfahrungsgemäss öfter auf als befürchtet. Die Gashändler und Lieferanten sollten sich besser nicht noch einmal verzocken.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel
Europas Gasvorräte sind gefährlich niedrig. Die Händler sollten sich besser nicht erneut verzocken
Der Iran-Konflikt hat die Gaspreise angeheizt. Viele Gashändler habe sich mit ihrer Wette auf ein schnelles Kriegsende und bald wieder sinkende Preise verzockt. Jetzt wird die Zeit knapp, denn der Winter naht.








