AnalyseDie angespannte Energiesituation ist noch lange nicht ausgestandenDie Lage an den Energiemärkten ist kritischer, als die Rohölpreise suggerieren. Vor allem die Raffineriekapazitäten sind knapp, und bei Flüssiggas tobt ein harter Bieterwettkampf.Peter Rohner11.08.2026, 04.02 UhrWer in den vergangenen Wochen nur auf den Ölpreis schaute, konnte zum Schluss kommen, dass der Irankrieg zu Ende ist und Öl in grossen Mengen aus der Golfregion strömt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Fass der Sorte Brent kostete zeitweise weniger als 80 $. Der fossile Energieträger war damit nur rund 10% teurer als vor Beginn der israelisch-amerikanischen Angriffe vor fünf Monaten. In den letzten Tagen ist der Preis wieder etwas gestiegen, auf 86 $ pro Fass.Doch Notierungen von 100 $ oder mehr scheinen Geschichte: Es dominiert am Markt die Hoffnung, dass der Konflikt nicht weiter eskaliert und irgendwie und von irgendwoher genug Öl und Gas auf den Weltmarkt gelangen.Aber die Realität ist eine andere.De facto ist die Strasse von Hormuz nach wie vor unpassierbar. Zwar streben die USA nach einer Lösung, aber Iran kontrolliert die Meerenge und stellt Maximalforderung, die für die USA inakzeptabel sein dürften.Nach einer kurzen Zunahme nach der Unterzeichnung der Absichtserklärung zwischen Washington und Teheran im Juni ist der Schiffsverkehr an der kritischen Stelle wieder praktisch zum Erliegen gekommen.Die täglich registrierten Tanker, die es dennoch wagen, mit eingeschaltetem Transponder durch die Meerenge zu fahren, lassen sich an einer Hand abzählen. Goldman Sachs schätzt den Ausfall der Öllieferungen aus dem persischen Golf auf 15 Mio. Fass pro Tag. Statt täglich 24 wie vor dem Krieg, kommen nur noch knapp 9 Mio. Fass auf den Markt.Auch das Rote Meer ist nicht mehr sicherDie Ausweichroute über die saudische Pipeline zum Hafen von Yanbu im Roten Meer ist nun ebenfalls beeinträchtigt. Seit den Attacken der jemenitischen Huthi-Rebellen haben die Öltransporte durch den Suezkanal und die Meerenge Bab el-Mandab kombiniert um 30% abgenommen. Allein der Transit durch Bab el-Mandab ist von über 5 auf 0,9 Mio. Fass pro Tag eingebrochen.Saudi-Arabien versucht, sein Öl vermehrt über den ägyptischen Hafen von Ain Sukna aus der Region zu schaffen, wo die Sumed-Pipeline zum Mittelmeer beginnt. Doch bei einer geschätzten Kapazität von 2,5 Mio. Fass pro Tag kann sie die Versorgungslücke nicht schliessen.Dazu bräuchte es eine massive Steigerung Produktion in anderen Regionen. Doch das wird durch den Ukrainekrieg verhindert: Russlands Energieexporte sind tiefer als Anfang Jahr, wobei vor allem die Ausfuhr von Destillaten betroffen ist, da Raffinieren zerstört wurden und Moskau die Ausfuhr verbietet. Die Kriegshandlungen im Schwarzen Meer beeinträchtigen auch die Verladung von Öl aus Kasachstan, das durch die CPC-Pipeline an die Schwarzmeerhäfen gelangt. Die Produktion des kasachischen Tengiz-Ölfeld wurde deshalb gedrosselt.Da gleichzeitig die asiatische Nachfrage zunimmt, geht Goldman Sachs von einem Ölpreis zwischen 80 und 90 $ aus, solange der Krieg im Golf anhält. Gemäss der US-Grossbank hat Asien die Importe auf dem Seeweg in den letzten zwei Wochen um 5,6 Mio. Fass pro Tag erhöht. Die Hälfte geht auf das Konto Chinas.China kommt noch nicht zur HilfeDas ist der grosse Unterschied zur Situation zu Beginn der Hormuz-Blockade, als China die Importe zurückfuhr und die Lager anzapfte. Durch die Reduzierung seiner Rohölimporte um fast 50% im Vergleich zum Vorkriegsniveau habe China eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung der Märkte gespielt, teilte die Internationale Energieagentur (IEA) Mitte Juli mit. China sei die neue Opec, meinte gar der Chef einer Ölhandelsfirma. Jetzt, so scheint es, fällt auch dieser Stabilisator weg.Die Konsumenten in Europa und in den USA können also nicht so bald mit einer Entlastung im Energiebudget rechnen, zumal die Entspannung am Rohölmarkt bisher an den Preisen für raffinierte Produkte und Erdgas ohnehin vorbeigegangen ist.An den Tankstellen in den USA kostet Benzin im Durchschnitt immer noch 35% mehr als vor den ersten Angriffen auf Iran. Auch in Deutschland und in der Schweiz gehen die Spritpreise trotz sinkender Rohölnotierungen nicht zurück.Das hat mit der globalen Knappheit an Raffinieriekapazität zu tun. Im Persischen Golf sind viele Anlagen noch nicht auf Normalbetrieb. Russland hat wegen der Angriffe durch ukrainische Drohen nicht einmal mehr genug Kapazität, um den eigenen Markt zu versorgen. Zudem setzen Hitze und Trockenheit auch der Benzin- und Dieselproduktion in Europa zu. Bei Hitze verlieren die Kühlsysteme der Raffinieren an Effizienz. Für die mit Wasser gekühlten Anlagen sind die tiefen Flusspegelstände ein zusätzliches Problem.Ausdruck des Engpasses ist der Anstieg des sogenannten Crack Spread. Der Preisunterschied zwischen Rohöl und raffinierten Produkten ist beidseits des Atlantiks weit über dem normalen Niveau. Der 3-2-1 Crack Spread, den eine Raffinerie für die Verarbeitung von drei Fässern Rohöl in zwei Fässer bleifreies Benzin (RBOB) und ein Fass schwefelarmen Diesel erzielt, beträgt für WTI 58 $ und für Brent 45 $. Bei europäischem Diesel betrug die Marge Ende Juli gar über 70 $.Folglich erstaunt es nicht, dass Diesel- und Benzinkontrakte für die Lieferung zu den Nordseehäfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen (ARA) fast so teuer sind wie im März.Der tiefe Lagerbestand deutet ebenfalls auf eine angespannte Versorgungslage am europäischen Dieselmarkt hin. Die Wasserknappheit im Rhein verteuert die Kraftstoffe für den Endkonsumenten in Mitteleuropa zusätzlich. Die Frachtraten haben sich seit März versiebenfacht.Europa braucht mehr GasAuch beim Gas ist der Markt weit von einer Normalisierung entfernt. Die Terminals für Flüssiggas (Liquid Natural Gas, LNG) in Katar verschiffen immer noch nur einen Bruchteil der Menge von vor dem Krieg. Gemäss Goldman Sachs betrug das Volumen in der letzten Juliwoche nur rund 13 mtpa (Mio. Tonnen per annum), nach fast 100 mtpa im Januar.Europa bezieht zwar weniger als 5% des Erdgases aus der Golfregion. Indirekt wirken sich die Produktions- und Verschiffungsunterbrüche in Katar jedoch ebenfalls auf Europa aus, weil asiatische Kunden um Flüssiggas aus anderen Regionen konkurrieren, etwa aus den USA. Der Konkurrenzkampf treibt die Preise in die Höhe – in einem Moment, in dem Europa mehr Gas braucht.Die Gasspeicher sind ungewöhnlich leer und müssen gefüllt werden. Der Winter und die Heizsaison werden kommen, auch wenn man sich das derzeit kaum vorstellen kann.In Grossbritannien, in den Niederlanden und in Belgien sind die Speicher zu weniger als 40% gefüllt. In der EU liegt der Füllgrad bei 57,9%, jedoch ebenfalls weit unter dem Fünfjahresmittel um diese Jahreszeit.Füllstand und Trend der EU-GasspeicherJahresverlauf des Speicherfüllstands im Vergleich zum MittelwertBundesamt für Energie, GIEVor allem Deutschland und Frankreich hinken beim Auffüllen verglichen mit den Vorjahren hinterher. Gemäss dem Verband der deutschen Gas- und Wasserstoffspeicher-Betreiber, waren die deutschen Gasvorräte seit Beginn der Aufzeichnungen zu dieser Jahreszeit noch nie tiefer.Kampf um knappes LNG treibt Gaspreis in die HöheDie Gründe für die leeren Speicher sind vielfältig: Zum einen ging Europa bereits mit relativ niedrigen Vorräten in die Wintersaison 2025/26 und holte dieses Versäumnis nie mehr auf. Seit Ausbruch des Irankriegs ist ein Grossteil der weltweiten LNG-Versorgung unterbrochen. Die Gaspreise sind entsprechend hoch und machen das Speichern unwirtschaftlich, weshalb die Gasbetreiber mit dem Einkauf zögerten.Doch auch das Wetter ist ein Faktor: Bei Hitze steigt der Stromverbrauch für Klimaanlagen. Und dieser Strom kommt derzeit häufiger von Gaskraftwerken, da die Flüsse zu warm und zu leer für die Kühlung von Atomreaktoren sind und auch die Stromproduktion der Wasserkraftwerke abnimmt. Selbst in Norwegen sind die Wasserkraftstauseen im Süden des Landes auf den tiefsten Stand seit dreissig Jahren gesunken. Das alles hat zu einem erhöhten Gasverbrauch geführt.Da Europa die Speicher füllen muss, sich aber im Preiskampf gegen asiatisch Käufer befindet, drohen die Gaspreise weiter zu steigen.Bereits heute bezahlt Europa 75% mehr als vor dem Irankrieg, während die US-Gaspreise gesunken sind.Die Grossbanken erhöhen ihre Prognose für europäische Gaspreise nach und nach. Preisspitzen von über 80 € pro Megawattstunde seien nicht auszuschliessen, wenn die Hormuz-Strasse nicht verlässlich geöffnet werde, schreibt Bank of America. «Wenn sich die Exporte aus dem Nahen Osten nur graduell normalisieren, müsste der Dezemberkontrakt über 100 € steigen, um die asiatische Nachfrage spürbar zu dämpfen», schätzt Goldman Sachs. Und das Researchhaus Capital Economics betont, dass «die Risiken nach oben» überwögen.Energiekonzerne mit RekordergebnisIm Vergleich zur Energiekrise vor vier Jahren wäre ein Preisanstieg auf 80 oder 100 € noch harmlos. Damals, nach Russlands Überfall auf die Ukraine im Frühling 2022, wurden Spitzen von über 300 € pro Megawattstunde registriert.Doch die derzeitigen Entwicklungen deuten an, dass sich Europa womöglich für längere Zeit auf erhöhte Energiepreise gefasst machen muss. Nicht nur, weil sich in den Verhandlungen zwischen Iran und den USA keine tragfähige Lösung abzeichnet, sondern auch weil einem Rückgang der Preise zu viele andere Hindernisse im Weg stehen. Das sorgt für anhaltenden Inflationsdruck.Aus Anlegersicht bieten sich als Absicherung gegen eine Verschärfung des Ungleichgewichts am Energiemarkt Aktien aus dem Sektor an. Die Ölkonzerne haben im ersten Halbjahr wegen der Irankrise Rekordgewinne erzielt und erhöhen die Dividenden.Wenn aber die Versorgungslage länger prekär bleibt und die hohen Preise die Nachfrage zerstören, leiden früher oder später auch Energieaktien. Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist der politische Gegenwind: Selbst US-Präsident Donald Trump, der grösste Freund der Ölindustrie, hat jüngst die ausserordentlich hohen Gewinne der Konzerne kritisiert. Es wäre nicht das erste Mal, dass Regierungen eine Übergewinn- oder Zufallsgewinnsteuer erheben.
Kein Deal mit Iran, hohe Raffineriekosten und leere Gasspeicher: Energie bleibt teuer
Die Lage an den Energiemärkten ist kritischer, als die Rohölpreise suggerieren. Vor allem die Raffineriekapazitäten sind knapp, und bei Flüssiggas tobt ein harter Bieterwettkampf.






