Sorgen über die sorglosen Märkte: Droht in der Schweiz und in Deutschland im Winter wieder eine gefährliche Gasknappheit?Ein Ende des Iran-Kriegs und eine Öffnung der Strasse von Hormuz sind nicht absehbar. Die Energiepreise spiegeln dennoch eine gewisse Gelassenheit der Marktteilnehmer. Kommt das dicke Ende erst noch?30.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Füllstände sind «ausserordentlich tief»: Anlagen des Erdgasspeichers Katharina in Sachsen-Anhalt.Klaus-Dietmar Gabbert / DPADer Iran-Konflikt geht demnächst in den vierten Monat. Durch die weitgehende Sperrung der Strasse von Hormuz bleibt ein bedeutender Teil der Erdöl- und Erdgasversorgung vom Weltmarkt abgeschnitten. Die Blockade der Meerenge weckt Erinnerungen an das Krisenjahr 2022. Damals schossen die Energiepreise infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine in die Höhe, Regierungen warnten vor Mangellagen, und Unternehmen bereiteten Notfallpläne vor. Steht Europa – und damit auch die Schweiz – nun wieder vor einem schwierigen Energiewinter?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine lange Schliessung von Hormuz könnte Europas Energiesystem, besonders die Erdgasversorgung, erneut unter Stress setzen. In den Preisen spiegelt sich das bis jetzt aber nicht.Die Gaspreise notieren zwar mit 48 Euro pro Megawattstunde auf einem erhöhten Niveau, liegen jedoch noch unter den Höchstwerten der Jahre 2023 und 2025 sowie weit unter den Spitzen des Jahres 2022. Damals kostete eine Megawattstunde kurzzeitig deutlich mehr als 300 Euro. Damit besteht die Gefahr, dass die Märkte und die Öffentlichkeit die Risiken für die Energieversorgung im Winter unterschätzen.Verfügbarkeit von FlüssigerdgasDer Axpo-Chef Christoph Brand erlebte die Krise vor vier Jahren hautnah mit, sein Unternehmen schlitterte im Herbst 2022 in einen Liquiditätsengpass und musste den Bundesrat um einen milliardenschweren Rettungsschirm ersuchen. Nun blickt er skeptisch auf die bis anhin vergleichsweise gelassene Einschätzung der Krise im Nahen Osten. «Wir wissen nicht, ob die Märkte die Folgen der Hormuz-Blockade unterschätzen», sagt er. Klar sei aber, dass eine längerfristige Sperrung weitreichende Folgen für die Erdgasversorgung und damit die Energiepreise, aber auch die nachgelagerten Lieferketten hätte.Entscheidend ist für Brand die Verfügbarkeit von verflüssigtem Erdgas, kurz LNG. Steigen die Preise aufgrund der Sperre, wird Europa vorerst versuchen, teures oder knappes Gas zu ersetzen – etwa durch noch mehr Kohle. Werde Energie jedoch dauerhaft teuer, könne dies die Nachfrage zerstören, was sich negativ auf Wirtschaft und Arbeitsplätze auswirke.Ein Gasmangel würde die Schweiz laut Brand unmittelbar treffen: «Unser Land ist auf den relevanten Energiemärkten erstens Preisnehmerin und zweitens substanziell abhängig», sagt er. Mit anderen Worten: Werden Gas und Strom in Europa knapp und teuer, bekommt das die Schweiz unmittelbar zu spüren.Sorgen bei Axpo und BKWBei der Axpo-Konkurrentin BKW teilt man die Sorgen. «Dauert diese Situation weiter an, könnte die Ausgangslage für den kommenden Winter schwierig werden», sagt der Sprecher Philipp Mäder. Zwar sei die Verfügbarkeit von Gas und Öl an den internationalen Märkten weiterhin gut; besonders die Importkapazitäten für Flüssiggas in Europa seien vorhanden. Allerdings seien die Preise hoch – dies gelte zunehmend auch für den nächsten Winter. «Das führt dazu, dass die Gasspeicher in Europa nur zögernd gefüllt werden», sagt Mäder.Gemäss dem Lagebericht des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) sind die Speicherstände in Europa derzeit bloss zu 35 Prozent gefüllt – im Vergleich zum Durchschnitt der letzten Jahre sei das «ausserordentlich tief», heisst es darin. «Die Speicher für den kommenden Winter rechtzeitig aufzufüllen, wird zur grossen Herausforderung», sagt der BWL-Sprecher Thomas Grünwald. Die Gasbranche bereite sich zusammen mit der Wirtschaftlichen Landesversorgung entsprechend vor.Auch die Strommarktaufsicht Elcom schliesst Versorgungsengpässe im kommenden Winter nicht aus. Ein Restrisiko bleibe, falls mehrere Faktoren zusammenkommen würden: eine längere Blockade der Strasse von Hormuz, schwach gefüllte europäische Gasspeicher, ein sehr strenger Winter und wenig Stromproduktion aus erneuerbaren Energien. «Dann würde der Gasverbrauch steigen, während weniger Gas für Kraftwerke verfügbar wäre», sagt die Elcom-Sprecherin Antonia Adam.Pipeline-Gas aus Norwegen, LNG aus den USAEin Blick nach Deutschland zeigt, dass die Ausgangslage ebenfalls heikel ist. Dort liegt der Füllstand der Gasspeicher mit rund 30 Prozent, gemessen an der Jahreszeit, am untersten Rand des mehrjährigen Durchschnitts. Im Vorjahr waren die Speicher zum gleichen Zeitpunkt bereits zu 38 Prozent gefüllt. Laut der Gasspeicherfüllstandsverordnung muss die Mindestfüllmenge am 1. November 80 Prozent betragen, bei einigen speziellen Speichern jedoch auch nur 45 Prozent.Behörden und Verbände geben sich bis jetzt jedoch gelassen. «Die Gasversorgung ist sichergestellt», teilt eine Sprecherin des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) auf Anfrage mit. Die relevanten Einspeicherungen fänden üblicherweise ab den Monaten Mai und Juni statt. Bei vielen Speichern würde es sogar genügen, wenn die Einspeicherung erst im September erfolgte.Das BMWE verweist zudem darauf, dass die Wintervorsorge in Deutschland die Aufgabe von Lieferanten und Händlern sei. Für den nächsten Winter seien bereits über 70 Prozent der Speicherkapazitäten vermarktet, deutlich mehr als im letzten Jahr. Die hohen Preise der vergangenen Wochen haben für die Gashändler die Anreize gesenkt, die Speicher frühzeitig zu füllen. Sie setzen auf bessere Marktbedingungen nach einem – erhofften – baldigen Ende des Iran-Kriegs.Das Ministerium sieht keine Notwendigkeit für Markteingriffe. Eine Befüllung auf staatliche Anweisung würde enorme zusätzliche Kosten für Gaskunden und die deutschen Steuerzahler bedeuten, sagt die Sprecherin. Mit anderen Worten: In Berlin befürchtet man, dass ein staatliches Eingreifen sofort die Preise nach oben treiben würde.Deutschland ist bei der Gasversorgung inzwischen besser diversifiziert als 2022. Derzeit erhält das Land rund 90 Prozent des benötigten Erdgases über Pipelines, vor allem aus Norwegen. Die Importe von LNG kommen weitestgehend aus den USA.Keine Gasknappheit, aber höhere PreiseAuch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sendet beruhigende Signale. «Die Sperrung der Strasse von Hormuz hat wenig direkte Auswirkungen auf die physische Versorgung in Deutschland und Europa, da nur ein geringer Anteil des in der EU verbrauchten Erdgases direkt aus Katar kommt», sagt Kerstin Andreae, Vorsitzende des BDEW, der NZZ. Die globale Erdgas-Verflüssigungsmenge habe im Mai bereits wieder das Vorjahresniveau erreicht, erklärt Andreae weiter. Die benötigten Gasmengen seien also auf dem Weltmarkt verfügbar.Ein warnender Unterton kommt dagegen von Timm Kehler, Vorstand beim Verband Gas- und Wasserstoffwirtschaft. «Wir müssen die Lage aufmerksam beobachten, weil eine länger anhaltende Störung vor allem über die globalen LNG-Märkte auf Preise und damit auf Einspeicheranreize wirken kann», sagt er.Berlin erwägt strategische GasreserveFür die Schweiz ist die Versorgungssituation in Deutschland besonders relevant. Sie hat 2023 ein Solidaritätsabkommen mit Deutschland und Italien abgeschlossen, das die Länder in Mangellagen verpflichtet, sich auszuhelfen. Auch technisch ist das Netz flexibler geworden: Seit dem Winter 2023/24 kann Gas erstmals von der West- in die Ostschweiz transportiert werden. Das erhöht die Flexibilität im Krisenfall.Bund und Gaswirtschaft haben die Krisenorganisation zudem ausgebaut. «Die im Krisenwinter vor drei Jahren gebildete Task-Force besteht weiter und erarbeitet auch für den nächsten Winter Massnahmen, falls das Gas knapp würde», sagt Janos Kick, Sprecher von Gazenergie, dem Verband der Schweizer Gaswirtschaft.In Deutschland wird derweil über zusätzliche Instrumente für den Notfall nachgedacht, etwa den Aufbau einer strategischen Gasreserve. Diese strategische Reserve würde dann strikt vom Gasmarkt getrennt und soll die Versorgung für neunzig Tage sichern. Am besten wäre freilich, wenn diese Vorsorge nie gebraucht würde.Passend zum Artikel