Eine Schlucht und kleine FluchtenDie Zürcher Europaallee gilt manchen als Inbegriff einer Steinwüste. Aber die Wüste lebt, auch abends, zumindest in lauen Nächten.Urs Bühler10.09.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Benedikt Rugar«Es tötelet»: So lautet ein verbreitetes mundartliches Verdikt zur Zürcher Europaallee. Das in den letzten fünfzehn Jahren aus dem Boden gestampfte Quartier hinter den Bahngleisen gilt manchen als Mahnmal der Gentrifizierung, anderen als Beweis für die Ideenlosigkeit zeitgenössischer Architektur. Und viele halten diese Schlucht zwischen wuchtigen Hochbauten, die etwas Anziehendes und Abstossendes zugleich hat, nach Feierabend noch immer für ausgestorben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wahrscheinlich waren sie nie in lauen Sommernächten dort, in denen es draussen von Ess- und Trinkfreudigen wimmelt. So auch an einem der wohl letzten warmen Abende des Jahres, den der Nachtfalter auf dem Negrellisteg mit einem stillen Naturschauspiel beginnt: Der Blick schweift über die gleissenden Gleise hinauf zu einem glühenden Himmel, Passanten halten mit geöffnetem Mund inne, als blickten sie in den Grand Canyon.Der Negrellisteg bietet an diesem Septemberabend eine besonders spektakuläre Aussicht.Urs BühlerAm Fuss der elegant geschwungenen Wendeltreppe dieser Bahnüberführung aber sitzen gut hundert Gäste vor der «Tankbierbar». Deren moderne Version eines Biergartens liegt am Gustav-Gull-Platz, dessen Weiher gerade für ein Fit- und Wellness-Festival trockengelegt ist. Nimmt man alle Boulevardlokale zusammen, verteilen sich gewiss gegen tausend vorwiegend junge Leute über die Europaallee, deren stolzer Name angesichts der paar Bäumchen und Pflanzentröge etwas Hochstaplerisches hat.Sie ist der steingewordene Traum einer kleinwüchsigen Stadt, die sich so gerne mit Weltmetropolen misst. Vielleicht, so denkt sich unser flatternder Flaneur, ist es die Allee, die Zürich verdient: Diese sechshundert Meter lange Schneise zwischen nobler Innenstadt und einstigem Rotlichtviertel ist ein Statement der Reibungslosigkeit und unterkühlten Eleganz. Das Auge gleitet halt- und endlos über glatte Fassaden, kein Putz blättert, kein Holz fault, es rostet höchstens ein wenig der Verstand.Immerhin haben die Stadtplaner aus den Fehlern im Entwicklungsgebiet Zürich Nord gelernt und von Anfang an darauf geachtet, dass die Erdgeschosse gastronomisch belebt werden. Die fast täglich bis Mitternacht geöffnete «Tankbierbar» etwa, eine der originellsten Trinkhallen der Stadt, bringt seit genau fünf Jahren einen alternativen Hauch ins geschliffene Viertel. Das Interieur prägen Stalllampen und eine ganze Kolonne an mächtigen Metalltanks. Darin reifen die Gebräue des Bierwerks Züri, dem das Lokal gehört. Aus den Boxen dringt kein beliebiger Warenhauslift-Sound, stattdessen heizen gerade die Red Hot Chili Peppers ein.In turmhohen Tanks reifen die Gerstensäfte des Bierwerks Züri.Urs BühlerAn der Theke wird bestellt und hausgemachtes Bier in gut zehn Sorten gezapft, vom Pal Ale über das mit Yuzu aromatisierte Yuzella bis zum Kellerpils namens Hop Schwiiz, nur mit einem P geschrieben, damit die Anspielung aufs englische «Hop» für «Hopfen» funktioniert. Tatsächlich ist das Getränk (Fr. 9.— / 4 dl) stark gehopft und erfrischend rein, mit angenehmer Bitternote. Dem Falter, weder Kenner noch Liebhaber von Bier, gefällt’s jedenfalls.Er trinkt und sinniert über den Gastromix der Europaallee. Heimelige Beizen sucht man vergeblich, und die Sterneküche hat sich nach einem Gastspiel von Antonio Colaianni, dem Star von Zürichs italienischen Küchen, schon vor Jahren verabschiedet. Dafür dominieren Food-Konzepte mit internationalem Einschlag, und durchgestylte Systemgastronomie lockt die Belegschaft umliegender Geschäfte. Die Grossbank grüsst die Gelateria, und die Techfirma, die hier Hauptmieterin ist, biedert sich mit dem Hashtag «GrueziGoogle» an. Vielleicht sollte jemand der Marketingabteilung mitteilen, dass da ein «e» fehlt (es heisst «Grüezi», bitteschön, nicht «Grüzi»).Gewiss gegen tausend Gäste essen und trinken an diesem Abend draussen in der Europaallee.Urs BühlerAuf dem Weg zu seinem letzten Zug holt der Falter vis-à-vis des Hauptbahnhofs im fleisch-, aber nicht alkohollosen «Hiltl» einen Negroni (Fr. 17.50) zum Mitnehmen. Er wünscht die Eiswürfel in einem separaten Behältnis, damit sie unterwegs den Cocktail nicht verwässern, der im Becher nach kaum mehr als ein paar Fingerhüten voll aussieht. Die Bemerkung, das erscheine ihm etwas mager angesichts des stolzen Preises, quittiert die Angestellte hinter der Theke lächelnd mit dem Hinweis, das sehe ohne Eis halt nach wenig aus.Nun ja. Schlimmer ist: Schon werden in Ladenregalen wieder Weihnachtsguetzli gesichtet. Also naht auch die Zeit des raumgreifenden Adventsmarkts, der die Europaallee inzwischen Jahr für Jahr heimsucht und zur Eventmeile macht. Dann gibt es mitunter fast kein Durchkommen. Und der Falter wird sich zurücksehnen nach der Nonchalance sanft pulsierender Sommernächte.TankbierbarGustav-Gull-Platz 108004 ZürichTelefon 044 230 23 11Der Nachtfalter ist stets unangemeldet und anonym unterwegs und begleicht am Ende stets die Rechnung. Sein Fokus liegt auf Bars in Zürich, mit gelegentlichen Abstechern in andere Städte im In- und Ausland.Die Sammlung aller NZZ-Restaurantkritiken der letzten fünf Jahre finden Sie hier.Passend zum Artikel