Im Romanischen Café trifft man alle an: Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Marlene Dietrich und Albert Einstein. Dann kommen die NazisAls es 1943 von Bomben der Alliierten zerstört wird, ist Berlins berühmtestes Café nur noch eine Hülle. Nun zeichnet der Journalist und Filmemacher Christian Buckard die Geschichte des Lokals nach.10.09.2026, 05.30 Uhr5 Leseminuten«Nun sitzen sie da, einer neben dem anderen, und bilden doch wieder einen Verein», schrieb Erich Kästner. Gäste im Romanischen Café in Berlin, 1925.Ullstein / GettySelbst Erlebtes noch einmal zu erfinden, gehört zur Arbeit des Schriftstellers. Bei Wolfgang Koeppen muss die erotische Lage im Jahr 1927 dramatisch gewesen sein. Seine Geschichte hat er später unter dem Titel «Eine unglückliche Liebe» aufgeschrieben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Romanischen Café in Berlin sass oft eine junge Schauspielerin namens Sybille Schloss, die sich bei ihren Bewerbungen für Filmrollen gerne als «vollkommen hemmungslos» verkaufte. Sie liess ihre Hemmungen vor zahlreichen Männern fallen. Bei Koeppen aber machte sie eine Ausnahme. Er wurde nicht erhört.In grösster Verzweiflung ging der Autor eines Tages zu Sybilles Wohnung, bedrohte sie mit einem geladenen Revolver und gab bekannt, er werde sie jetzt mit Gewalt zur Liebe zwingen. Dann drückte er ihr die Waffe in die Hand. Als Angebot. Sie könne ihn erschiessen. Die Jungschauspielerin, die später in der Zürcher «Pfeffermühle» Erika Manns berühmt werden sollte, schoss knapp an Koeppens Kopf vorbei in einen Spiegel. Dann sass man noch eine Weile schweigend nebeneinander. «Sie weinte, und er weinte», heisst es in «Eine unglückliche Liebe».Neoromanische Architektur, dürftige SpeisekarteDas Romanische Café, das 1943 bei Luftangriffen der Alliierten endgültig zerbombt wurde, war eine Bühne für Geschichten. Ein Lebenslaboratorium. Ein Ort konjunktivischer und echter Karrieren. Wer schreiben wollte, musste sich nur umschauen unter den manchmal über tausend Gästen. Joseph Roth sass da, bevor er nach Paris emigrierte, und Erich Maria Remarque, der 1929 mit seinem Roman «Im Westen nichts Neues» eine Weltkarriere begann.Zum menschlichen Mobiliar des Cafés, das wegen seiner neoromanischen Architektur ebenso berühmt war wie für die Dürftigkeit der Speisekarte, gehörten auch Kurt Tucholsky und Egon Erwin Kisch, die Dichterinnen Else Lasker-Schüler und Mascha Kaléko. Erich Kästner hat das brodelnde Durcheinander der nonkonformistischen Köpfe auf den Punkt gebracht: «Die Leute hier verabscheuen das normale Aussehen, weil es zu egalisierend wirke. Sie wollen wie Persönlichkeiten aussehen. Und nun sitzen sie da, einer neben dem anderen, und bilden doch wieder einen Verein! Und was für einen . . .»Wie kann man die Geschichte des Romanischen Cafés erzählen? Der Journalist und Filmemacher Christian Buckard hat sich in seinem Buch «Café Babylon» für die Variante des Anekdotischen entschieden. Das ist ohne Zweifel eine gute Möglichkeit, das Haus nahe dem Kurfürstendamm zu würdigen.Aussenansicht des Cafés, vor 1939.Ullstein / GettyEgon Erwin Kisch kämpft gegen steife KragenBuckards Monografie ist von enormem Detailreichtum und legt feine thematische Linien durch die Geschichte des Hauses. Die Energien eines weltoffenen intellektuellen Aufbruchs im Deutschland der 1920er und 1930er Jahre werden ausgebremst durch die Kräfte brutaler Verengung. Es sind nicht viele Jahre, bis der Nationalsozialismus genau das zerstört hat, wofür das Romanische Café stand.Es war ein Ort, an dem die jüdische Diaspora eine marmortischgrosse Heimat hatte. Vor osteuropäischen Pogromen nach Berlin Geflüchtete kamen genauso ins Café wie Russen, die durch das Ende des Zarenreiches alles verloren hatten. Das «Romanische» wurde für ungarische Künstler zum Exil von Sehnsüchten, gleichzeitig zog es die Speerspitze der Wiener Kaffeehausphilosophen an. Filmproduzenten und junge Talente, die sich vor ihnen produzieren wollten, gehörten zu den Stammgästen. Und gesinnungselastische Prominente wie Gottfried Benn und der Hellseher Hanussen, die später mit den Nazis kooperierten. Aber auch Albert Einstein.Hausherr über diese höchst gemischte Wohngemeinschaft war Bruno Fiering. Er führte sein Etablissement mit menschenfreundlicher Toleranz, mahnte aber bisweilen gewisse Förmlichkeiten an. Das Lokal durfte nur mit Jackett und seriösem Hemdkragen betreten werden. Sehr zum Ärger des bekennend kommunistischen Journalisten Egon Erwin Kisch. In einer Auseinandersetzung mit Fiering bestand Kisch darauf, dass die junge Weimarer Republik wohl auf steife Krägen verzichten können werde. Es kam zum Eklat.Die neoromanische Architektur war genauso berühmt wie die Dürftigkeit der Speisekarte: Zeichnung von 1930.Ullstein / GettyBilly Wilder verdingt sich als GigoloDas Romanische Café war Individualismus als Massenphänomen. Es gab eigene Zeitungskellner, die als Sommeliers des Weltgeschehens fungierten. Sie wussten, welche Zeitung zu welchem Gast passte. Im Haus waren immer Dutzende Publikationen in unterschiedlichsten Sprachen vorrätig. Seismografisch wurden kommende Katastrophen vorausgeahnt oder künstlerische Revolutionen.Der Film, wie er später Jahrzehnte Hollywoods prägen sollte, wurde im Berliner Romanischen Café mitgeboren. Vor der grossen Flucht vorwiegend jüdischer Filmmenschen nach Amerika war es Durchgangsstation und Generator von Ideen. Der aus Galizien stammende und in Wien aufgewachsene Jungjournalist Billie Wilder, der sich erst später Billy nannte, reifte im Dunst des Romanischen Cafés in seine wahren Fähigkeiten hinein. Um sich das Leben in Berlin zu finanzieren, arbeitete Wilder als Eintänzer. Als Gigolo, der reichen Frauen gerade so viel Geld abnahm, dass er nicht in vollkommener Armut endete.Am Kaffeehaustisch ausgedachte Projekte waren die Nahrung dieser brotlosen Künstler, und man staunt, welche Skizzen direkt im «Romanischen» entstanden sind. Mit Fred Zinnemann, Edgar G. Ulmer und den Brüdern Siodmak, alle später auch Hollywood-Grössen, entwickelte Wilder den Film «Menschen am Sonntag», einen Klassiker der Neuen Sachlichkeit, der 1930 anlief. Der Film zeigt die Glückssuche der Berliner am Wochenende und vor jenem atmosphärischen Kipppunkt, der den Alltag in der Stadt endgültig verändert.«Das Romanische Café (...) steht enorm weit offen. Man kann von der Strasse in die Hinterräume blicken, in den ersten Stock», spottete Alfred Döblin 1947 angesichts der zerstörten Institution.Ullstein / GettyDie Nazis stürmen das CaféDie Wirtschaftskrise, die Krise der Weimarer Republik und der Aufstieg der Nationalsozialisten verteilten die politischen Kräfte neu. Die neue Propaganda brauchte Schuldige, und hinter den grossen Fensterscheiben des Romanischen Cafés waren sie versammelt wie Fische im Aquarium: Migranten, jüdische Intellektuelle und Internationalisten. Freigeister und mutmasslich entartete Künstler. Immer näher kam der Lärm des Mobs, der täglich am Kurfürstendamm Menschen verprügelte, die auch nur annähernd jüdisch aussahen.Nach dem Reichstagsbrand sind es Polizei und SA, später sind es Polizei und Gestapo. Billy Wilder beschreibt blutige Szenen, die sich auf der Terrasse des Cafés zugetragen haben. Im Lokal selbst sitzen die Spitzel, und bald gibt es sogar einen eigenen Gestapo-Tisch. Das Romanische Café war ein Ort fiebriger Affären, wie sie der junge Verliebte Wolfgang Koeppen erlebte. Und es war Ort jener Affäre, die Deutschland mit sich selbst hatte.Die unpolitische Kaffeehausrepublik der Lebenshungrigen wurde zum Stein des Anstosses, zum Feindesland. Wer konnte, emigrierte. Bruno Fiering, der Besitzer, starb im Kampf, wenn man das so nennen kann. Anfang März 1933 stürmte eine Gruppe Nazis das Café, um es von unerwünschten Elementen «zu säubern», wie es hiess. Das war zu viel für den damals 68-Jährigen. Herzinfarkt. Der Sohn übernahm.Noch zehn Jahre blieb die Hülle von Berlins berühmtestem Kaffeehaus bestehen, dann kamen die Bomben der Alliierten. 1947 kam der Schriftsteller Alfred Döblin an der Ruine vorbei, auf der nur noch das Wort «Romanisches» zu lesen war. In sarkastischer Trauer schreibt Döblin: «Das Romanische Café ist offen, man kann hineingehen, wenn man Lust hat; es steht enorm weit offen. Man kann von der Strasse in die Hinterräume blicken, in den ersten Stock.»Christian Buckard: Café Babylon. Berlin, Romanisches Café 1913–1933. Verlag C. H. Beck, München 2026. 352 S., Fr. 36.90.Passend zum Artikel
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