Basel und Bern schmücken Trams festlich – Zürich hat die Fähnchen aus «Sicherheitsgründen» abgeschafft. Nun kehren sie dank einer teuren Sonderlösung zurückSechs Jahre lang tüftelten die VBZ-Ingenieure an einem Ersatz. Er schlägt mit einer Viertelmillion Franken zu Buche.Vincenzo Togni09.09.2026, 18.43 Uhr4 LeseminutenNach sechs Jahren Pause werden die Zürcher Trams wieder beflaggt. Neu an der Front.Michael Schmid / KeystoneAm kommenden Montag feiert Zürich das Knabenschiessen. Rund 4000 junge Schützinnen und Schützen, die auf dem Albisgütli um den Titel des Schützenkönigs kämpfen, und mehr als 800 000 Gäste werden erwartet. Ein Grossteil von ihnen reist mit dem Tram an. Zum ersten Mal seit langem werden die Fahrzeuge beflaggt sein. Das ist weit weniger selbstverständlich, als es klingt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lange Zeit war klar: Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) schmückten ihre Trams mit kleinen Schweizer und Zürcher Fähnchen auf den Dächern. Wer die beflaggten Wagen durch die Stadt fahren sah, wusste: Heute ist in Zürich offizieller Fest- und Feiertag. Seit 1904 wurde diese Tradition gepflegt. Doch dann, im Sommer 2020, wurde nach fast 120 Jahren damit gebrochen.Die Montage der rund 30 mal 30 Zentimeter grossen Fähnchen sei laut der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) zu gefährlich geworden, hiess es bei der Stadt. Im Juli 2020 sagte eine VBZ-Mediensprecherin gegenüber Tele Züri, dass Investitionen in Millionenhöhe nötig wären, um die Fähnchen Suva-konform montieren zu können.Der Sender strich in seinem Beitrag genüsslich heraus, dass man in Bern und Basel kein Problem bei der althergebrachten Montage sehe – per Holzleiter. Die VBZ konterten damals, Zürich mit seiner hohen Kadenz an Fahrzeugen lasse sich nicht mit anderen Städten vergleichen.Nun, sechs Jahre später, soll ein Stück Zürcher Geschichte zurückkehren, wie die VBZ verlauten lassen. Eine über Jahre neu entwickelte Beflaggung erfülle die heutigen Sicherheitsanforderungen und werde am diesjährigen Knabenschiessen erstmals im Betrieb erprobt.«Die Fähnchen gehören zum Stadtbild»Bis 2020 wurden die Fähnchen an Festtagen mithilfe von Leitern auf den Tramdächern montiert. Mit den neuen Sicherheitsbestimmungen war das nicht mehr möglich. Stattdessen wären Hebebühnen nötig geworden.Der Aufwand wäre beträchtlich gewesen: Die VBZ hätten jedes Fahrzeug einzeln aus den dicht belegten Tramdepots fahren, von der Stromleitung entkoppeln und mit einer Hebebühne beflaggen müssen. Hinzu wären die Kosten für die entsprechenden Geräte gekommen.Am 1. August 1967 rollten die Trams, wie hier eines der Linie 10 auf der Bahnhofsbrücke, geschmückt durch die Stadt.ETH-BildarchivStadtrat Michael Baumer (FDP) bedauerte das Ende der Beflaggung. «Als Kind gehörten die kleinen Fähnchen zum Stadtbild», erzählt er. Als Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe, dem die VBZ angehören, setzte er sich deshalb immer wieder für eine Alternative ein. «Das kleine Detail ist auch anderen Zürcherinnen und Zürchern wichtig.»Zunächst stand sogar ein Ideenwettbewerb unter Zürcher Nostalgikern im Raum. Doch schnell zeigte sich, dass die Lösung kompliziert werden würde. «Neue technische Systeme, dichterer Verkehr und die Einhaltung der Arbeitssicherheit machten alles komplex», sagt Baumer.Die entscheidende Vorgabe: Die Fähnchen mussten sich vom Boden aus montieren lassen. Ein kleines Team interner Ingenieure begann zu tüfteln.Das Resultat befindet sich nicht mehr auf dem Dach, sondern an der Front der Trams. Der Projektleiter und VBZ-Flottenmanager Markus Ullmann sagt: «Alles musste fahrzeugspezifisch von der VBZ selbst in Zürich entwickelt werden.»Die Konstruktion besteht aus drei Komponenten: Hinter der Fahrzeugfront befindet sich eine fest montierte Metallvorrichtung. Darauf lässt sich nach dem Öffnen der Front temporär eine halbrunde Gummihalterung befestigen. In deren drei Öffnungen werden schliesslich die eigens entwickelten, elastischen Fähnchen gesteckt.Das flexible Material ist entscheidend. «Die Gummivorrichtung und die flexiblen Flaggen sorgen dafür, dass bei einem Aufprall keine zusätzliche Gefahr entsteht», erklärt Ullmann. Der tägliche Betrieb bleibe dadurch uneingeschränkt möglich.Die Gummihalterung der Fähnchen wird an der permanent montierten Metallvorrichtung jeweils an Festtagen angebracht.Michael Schmid / KeystoneDie Stadt finanziert die FähnchenParallel zur technischen Entwicklung lief im Gemeinderat der Budgetprozess. «Das Projekt wurde von der Stadt finanziert, nicht von der VBZ selbst», sagt Baumer. Insgesamt kostet es 275 000 Franken.Für ein paar kleine Flaggen sei das zwar viel Geld, räumt der Stadtrat ein. Dafür soll die neue Konstruktion entsprechend lange halten.Die 275 000 Franken decken allerdings nur die Tramflotte. Bei den Bussen bleibt eine Beflaggung vorerst komplizierter, weil an der Front technische Systeme wie Fahrzeugassistenten verbaut sind. «Hoffentlich finden wir später auch für die Busse eine Möglichkeit zur Schmückung», sagt Stadtrat Baumer.Ab Samstag werden die neuen Fähnchen erstmals im regulären Betrieb getestet, vorerst an 20 Trams. Bewährt sich das System, sollen anschliessend mehr als 200 Trams an Festtagen wieder beflaggt werden.Bis Montag werden Hunderttausende Menschen mit den «festlich geschmückten Trams» durch Zürich fahren. Und am Ende lässt sich vielleicht auch die neue Schützenkönigin oder der neue Schützenkönig, begleitet von den kleinen flatternden Fähnchen, durch die Stadt kutschieren.Passend zum Artikel
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