Eine Rücktrittsforderung an Merz und mögliche Abweichler in Sachsen-Anhalt: Die verlorene Wahl wird zur Zerreissprobe für die CDUIn Sachsen-Anhalt hat die CDU ihren Titel als Volkspartei eingebüsst. Die Partei treibt immer mehr die Frage um, ob ihr Vorsitzender Friedrich Merz seinen Aufgaben gewachsen ist.09.09.2026, 16.24 Uhr5 LeseminutenNach der Wahl in Sachsen-Anhalt treten der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze in der Parteizentrale vor die Presse.Michael Kappeler / DPAWenn eine Partei eine Wahl verliert, sind Richtungsdebatten der Normalfall. Doch was momentan in der CDU stattfindet, entspricht nicht der Norm: Seit der Wahl zum Landesparlament in Sachsen-Anhalt, bei der die CDU ihr Ergebnis innert fünf Jahren auf 17,2 Prozent halbiert hat, ist die Partei in Panik. Im CDU-Landesverband in Sachsen-Anhalt, dessen Fraktion im Landesparlament in Magdeburg auf nur 15 Abgeordnete geschrumpft ist, ist ein Machtkampf entbrannt. Und um den Parteivorsitzenden und Kanzler Friedrich Merz wird es zunehmend einsam.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zunächst hatte der aus Sachsen-Anhalt stammende CDU-Bundestagsabgeordnete Sepp Müller seine Kandidatur für den Posten des Landesvorsitzenden verkündet. Müller zählt zum eher konservativen Flügel der Landespartei und gilt als Rivale des noch amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze. Vor der Wahl hatte Müller dem Ministerpräsidenten von einer künftigen Zusammenarbeit mit der Linkspartei abgeraten; Merz warf Müller in einer Pressekonferenz nach der Wahl vor, er sei damit Schulze «in den Rücken» gefallen. Dass der Kanzler den Vizevorsitzenden der Unionsfraktion aus CDU und CSU auf offener Bühne angeht, ist ungewöhnlich.In der Zwischenzeit hatte Schulze, der geschäftsführend als Ministerpräsident im Amt bleibt, seine eigenen Schlüsse aus Müllers Angriff gezogen. In einer überraschenden Kampfabstimmung liess er sich mit einem Ergebnis von 8 gegen 7 Stimmen zum Fraktionsvorsitzenden wählen. Darüber hinaus bat Schulze den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Gordon Schnieder, vorerst den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz zu behalten und diesen nicht, wie eigentlich geplant, im Oktober an Sachsen-Anhalt abzugeben.Die Ministerpräsidentenkonferenz ist zwar ein informelles Gremium ohne Verfassungsrang, in dem die Regierungschefs der Bundesländer zusammenkommen. Dennoch leistete sich Schulze damit einen Affront gegenüber jenen Kräften in der CDU, die den Umgang mit der AfD und ihrem sachsen-anhaltischen Spitzenkandidaten und Wahlsieger Ulrich Siegmund normalisieren wollen.Wen er damit im Blick hatte? Womöglich einige seiner Kollegen aus dem Landesparlament, wie etwa den Christlichdemokraten Tobias Krull. Er hatte zunächst angekündigt, er werde sich bei Siegmunds Wahl zum Ministerpräsidenten im Parlament enthalten. Später ruderte er zurück und teilte mit, er werde gegen den AfD-Kandidaten stimmen.Diesmal zeigt sich der Unmut auf mehreren EbenenLäuft etwas in der Volkspartei CDU schief, beginnt der Unmut in der Regel an der Basis. Anschliessend wächst der Druck auf die Parteispitze so sehr, dass diese sich entscheiden muss, ob sie am bisherigen Kurs beziehungsweise an einer umstrittenen Personalie festhält. So war es zuletzt auch bei Jens Spahn, dem früheren Vorsitzenden der Unionsfraktion aus CDU und CSU, der sich angreifbar machte, weil er eine Leihmutter in den USA engagiert hatte. Nach anhaltendem Protest von unten trat er zurück.Was die jetzige Krise innerhalb der CDU von früheren unterscheidet, ist ihr grundsätzlicher Charakter. Anders als normalerweise kocht der Protest gegen die Führung diesmal nicht schrittweise von der Basis zur Spitze hoch, sondern er artikuliert sich gleichzeitig auf mehreren Ebenen. Inzwischen stellt sich der Eindruck ein, dass nicht mehr viel dazu fehlt, dass dem Parteivorsitzenden Merz die Kontrolle über seine Partei entgleitet.Ein Landrat aus Mecklenburg-Vorpommern machte den ersten Schritt. Tino Schomann, der stellvertretende Landesvorsitzende der dortigen CDU, forderte Merz zum Rücktritt vom Amt des Kanzlers auf. Er kritisierte, dessen mangelnde Führungsfähigkeit in der Koalition mit der SPD und der CSU koste die Partei in den Bundesländern Wählerstimmen. Am 20. September wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt, die CDU rangiert in den Wahlumfragen bei etwa 9 Prozent. Dass Landespolitiker unter dem Druck einer Wahl gegen die Bundespolitik keilen, ist normal; dass der Vizechef einer Landespartei öffentlich die Ablösung des eigenen Kanzlers fordert, ist die absolute Ausnahme.Weiter ging es mit Boris Rhein, dem christlichdemokratischen Ministerpräsidenten des Bundeslands Hessen. Er sagte dem Fernsehsender Welt am Dienstag, Wahlkämpfe seien kaum zu gewinnen, wenn der Kandidat im «Gegenwind» aus Berlin stehe. Damit meinte er die Regierung von Kanzler Merz, der laut demoskopischen Erhebungen so unbeliebt ist wie kaum ein Regierungschef vor ihm.Ausserdem sagte Rhein, die CDU müsse Wählern der AfD «Brücken in die Mitte» bauen, statt diese hinter «Brandmauern» zu stossen. Auf diese Weise stellte er indirekt die Linie des Kanzlers infrage, der die Abgrenzung der CDU von der AfD zur Schicksalsfrage seiner eigenen Kanzlerschaft erklärt hatte.Markus Söder und Hendrik Wüst setzen sich von Merz abAuch andernorts wird bereits vorsichtig getestet, was innerhalb der Union politisch sagbar ist. In Bayern hatte Markus Söder, der Ministerpräsident und Vorsitzende der Schwesterpartei CSU, zwar kürzlich seinen Kanzlerambitionen demonstrativ abgeschworen. Auf die Frage der ARD-Moderatorin Sandra Maischberger, ob Merz «der richtige Kanzler für diese Zeit» sei, wich er allerdings am Dienstagabend aus. Seine vielsagende Antwort lautete: «Ich glaube, dass er Kanzler ist.» Es klang also mehr nach einer Glaubensfrage als nach einer Tatsache.Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst wiederum forderte Anfang der Woche die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die ein mögliches Parteiverbot der AfD prüfen solle. Damit überholte er den Kanzler von links, denn Merz hatte sich wiederholt gegen ein solches Verfahren ausgesprochen. In Nordrhein-Westfalen regiert Wüst in einer Koalition mit den Grünen, 2027 möchte er sich als Ministerpräsident wiederwählen lassen. Im linken Parteiflügel der CDU gilt Wüst als möglicherweise aussichtsreicher Merz-Nachfolger.Am Mittwoch erreichte die Panik schliesslich auch das Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, die Parteizentrale der Christlichdemokraten. Ein Journalist des Portals «Table Media» berichtete, die stellvertretende Generalsekretärin Christina Stumpp werde ihren Posten aufgeben. Sie wies diese Gerüchte als unwahr zurück. Dass sie aber überhaupt an die Öffentlichkeit kamen, ist ein Indiz für die Unruhe in der Parteizentrale.Als untrügliches Zeichen dafür, dass Merz angeschlagen ist, kann auch die Wortmeldung der früheren Kanzlerin, seiner alten Rivalin Angela Merkel, gelten. Sie sagte, die «Brandmauer» der CDU nach rechts sei nicht ihre Idee gewesen. Dabei war sie es, die die AfD seit ihrer Gründung im Jahr 2013 rigoros ausgegrenzt hatte.Selbst frühere Unterstützer sprechen Merz inzwischen die Fähigkeit ab, seine Ämter angemessen auszufüllen. Dass er am Mittwoch in seiner Rede zur Generaldebatte in erster Linie gegen die AfD polemisiert hat, deuten sie als Zeichen seiner Schwäche. In Fraktionskreisen heisst es hinter vorgehaltener Hand, sollte die CDU auch in Mecklenburg-Vorpommern die Wahl krachend verlieren, wäre ein weiterer Autoritätsverlust für Merz unausweichlich.Doch ein christlichdemokratischer Neuanfang ist vorerst nicht in Sicht. Dafür fehlen der CDU sowohl das Personal, das die Partei von innen reformieren könnte, als auch die zündende Idee, wie mit dem Aufstieg der AfD künftig umzugehen ist.Passend zum Artikel
Das Wahldebakel in Sachsen-Anhalt wird zur Zerreissprobe für die CDU
In Sachsen-Anhalt hat die CDU ihren Titel als Volkspartei eingebüsst. Die Partei treibt immer mehr die Frage um, ob ihr Vorsitzender Friedrich Merz seinen Aufgaben gewachsen ist.











