Die Karte mit den beiden angedeuteten, in Rauch gehüllten Türmen, die Post-Secret Ende des Jahres 2005 erreichte, zählt bis heute zu den rätselhaftesten des amerikanischen Kunstprojekts. Der Unternehmer Frank Warren hatte ein Jahr zuvor die Idee entwickelt, seinen Landsleuten eine Plattform für ihre dunkelsten Geheimnisse zu bieten – per Postkarte und anonym. Auf Fotos und selbstgebastelten Karten haben inzwischen einige Hunderttausend Amerikaner ein bislang verborgenes Stück ihrer Vergangenheit offenbart.Die vor mehr als 20 Jahren verschickte Postkarte mit den in Rauch gehüllten Türmen lässt viele erschaudern. Der Satz „Jeder, der mich vor dem 11. September kannte, meint, ich sei tot“, den der Absender handschriftlich über die angedeuteten Zwillingstürme des World Trade Centers in Manhattan setzte, befeuert immer wieder Spekulationen zu heimlichen Überlebenden der Terroranschläge des 11. September 2001.Viele Amerikaner erinnern sich 25 Jahre nach „9/11“ an Suchplakate einer lächelnden Frau mit halblangem, schwarzem Haar. Sneha Anne Philip, eine indisch-amerikanische Ärztin, gehörte in den Monaten nach den Anschlägen zu den bekanntesten Vermissten. Die Eltern der Einunddreißigjährigen vermuteten, sie habe am Morgen des 11. September ihre Wohnung in Lower Manhattan verlassen, um Verletzten am World Trade Center zu helfen. Ermittler des New York Police Department zeichneten später ein Bild von beruflichen und privaten Abstürzen, das Gerüchte über Philips freiwilliges Verschwinden in den Wirren der Terroranschläge anheizte.Wo war die Ärztin am 11. September?Wie die Beamten und ein durch Philips Ehemann, den Mediziner Ron Lieberman, beauftragten Privatermittler herausfanden, hatte die Ärztin nach Alkoholexzessen und Partynächten in Lesbenbars nicht nur Arbeitsstellen an verschiedenen Krankenhäusern verloren. Am Tag vor den Anschlägen erhob ein New Yorker Gericht zudem Anklage gegen Philip, weil sie einen Kollegen zu Unrecht der sexuellen Belästigung beschuldigt hatte. Videos von Sicherheitskameras zeigten Philip am 10. September 2001 in einem Warenhaus in Manhattan und vor ihrem Wohnhaus.Nach dem Anschlag: Tagelang waren Helfer bemüht, einen Überblick über das Ausmaß der Zerstörung zu bekommen.Helmut FrickeWo sich die Ärztin am 11. September aufhielt, gilt dagegen bis heute als ungeklärt. Obwohl Philips Angehörige keine Beweise für einen medizinischen Einsatz an den zerstörten Twin Towers vorlegen konnten, gelang es ihnen nach jahrelangem Rechtsstreit, die Ärztin als eines der fast 3000 Todesopfer der Terroranschläge anerkennen zu lassen. Philips Name findet sich heute auf einer schwarzen Marmorplatte der Gedenkstätte National September 11 Memorial in Manhattan. Die Gerüchte, Philip habe sich abgesetzt und ein neues Leben begonnen, halten sich dennoch.Auch der Fall Juan Lafuentes gibt Rätsel aufAuch Juan Lafuentes Verschwinden beschäftigt viele Amerikaner bis heute. Das letzte Lebenszeichen hinterließ der Mitarbeiter einer Bank in Manhattan am Morgen des 11. September 2001, als er an der Station Grand Central die Subway in Richtung Wall Street bestieg. Wohin der Ehemann der damaligen Bürgermeisterin der Kleinstadt Poughkeepsie, Colette Lafuente, fuhr, bleibt bis heute ein Rätsel. Ehemalige Kollegen berichteten von einer Konferenz, die Lafuente am Tag der Terroranschläge angeblich im World Trade Center besuchen wollte.Wie Recherchen zeigten, hatte sich Lafuente aber nicht zu dem Treffen über Finanztechnologie angemeldet. Die Liste mit den Namen der Konferenzteilnehmer verbrannte, als die Piloten des islamistischen Terrornetzwerks Al-Qaida mit entführten Flugzeuge in die Zwillingstürme flogen.Freunde des gebürtigen Kubaners deuteten derweil Depressionen und den Wunsch nach Veränderung an. Ob Lafuente sich absetzte oder zu den insgesamt fast 3000 Todesopfern der Terroranschläge zählt, bleibt offen. Durch DNA-Analysen konnte die Gerichtsmedizin in New York bislang nur etwa 1650 Todesopfer des Anschlags auf das World Trade Center identifizieren. Zu weiteren rund 1100 Menschen stehen die Nachweise weiterhin aus.Zu ihnen gehört unter Umständen auch Fernando Jimenez Molinar. Der Mexikaner, der einige Jahre vor den Terroranschlägen illegal in die Vereinigten Staaten kam, war am 11. September 2001 nicht wie üblich von der Arbeit in einer Pizzeria in der Nachbarschaft des World Trade Centers nach Hause gekommen. Die Versuche seiner Familie in Mexiko, ihn mit Unterstützung der Organisation Tepeyac zu finden, blieben erfolglos.Aus Angst vor juristischen Querelen wegen Verbindungen zu einem Einwanderer ohne Aufenthaltsrecht hielten sich Jimenez Molinars Arbeitgeber, Kollegen und Freunde mit Auskünften zurück. Wie die „New York Post“ recherchierte, wurde Jimenez Molinar bis heute nicht für tot erklärt. Für die New Yorker Behörden hat es den Neunzehnjährigen nie gegeben – weder vor noch nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001.