DatenanalyseDas sind die letzten grünen Inseln im AfD-LandIn Sachsen-Anhalt dominiert die Farbe Blau – mit zwei Ausnahmen. Welchen Anteil hatten sie an der verpassten absoluten Mehrheit?09.09.2026, 15.23 Uhr4 LeseminutenSachsen-Anhalt ist blau – fast bis in den letzten Winkel. In allen 218 Gemeinden wurde die AfD stärkste Kraft, selbst in Halle und Magdeburg. Doch in den Zentren der beiden Grossstädte halten sich grüne Inseln: In insgesamt zwölf Stadtteilen liegen bei den Zweitstimmen die Grünen vorn. Auch schnitten sie dort deutlich besser ab als bei der Landtagswahl im Jahr 2021.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei den Erststimmen zeigt sich in den Innenstädten ein ähnliches Bild. Mit dieser Stimme wählen die Bürger den Direktkandidaten ihres Wahlkreises. Auch hier liegt in mehreren Vierteln nicht die AfD vorn, sondern die Linkspartei oder die CDU.In Halle und Magdeburg gewann die Linke drei der insgesamt acht Direktmandate – die einzigen im Land, die nicht an die AfD gingen. Alle drei hatte 2021 noch die CDU geholt.Das Nebeneinander von grüner Zweitstimme und linker Erststimme deutet darauf hin, dass manch ein Wähler seine Kreuze strategisch verteilt haben könnte. Auch das linke NGO-Vorfeld warb dafür.Strategisch gegen die AfDDie Kampagnenorganisation Campact etwa rief dazu auf, die Zweitstimme den Grünen oder der SPD zu geben, mit dem erklärten Ziel, beide über die Fünf-Prozent-Hürde zu bringen und damit eine absolute Mehrheit der AfD zu verhindern. Eine Wahlempfehlung für die Linke gab Campact nicht ab, weil ihr Einzug als sicher galt. Die FDP, die am Ende mit 2,6 Prozent am Einzug scheiterte, wurde ausdrücklich nicht empfohlen: Campact hielt ihre Chancen auf fünf Prozent für zu gering und warnte davor, dass die Stimme «verfallen» könnte.Am Ende schnitten die Grünen deutlich stärker ab als in den Umfragen: Statt der zuletzt prognostizierten 6 Prozent erreichten sie 8,9 Prozent. Welchen Anteil die Aktion von Campact wirklich hatte, ist unklar. Dass strategische Motive grundsätzlich eine wichtige Rolle spielten, dafür spricht eine Befragung von Infratest dimap: 68 Prozent der Grünen-Wähler und sogar 78 Prozent der SPD-Wähler gaben an, ihre Partei «vor allem» gewählt zu haben, um einen AfD-Ministerpräsidenten zu verhindern.Regional unterschieden sich die Zugewinne von Grünen und SPD aber deutlich. In Halle und Magdeburg, den einzigen Grossstädten Sachsen-Anhalts, legten beide stärker zu. Bei den Grünen betrug das Plus dort 6,1 Prozentpunkte, in Kleinstädten lediglich 2,3 Punkte.Doch auch innerhalb der Grossstädte sind die Unterschiede gross. Wie stark politische und soziale Gegensätze zusammenfallen, zeigt exemplarisch Halle. Im Paulusviertel in der Innenstadt liegt eine der grünen Hochburgen. Dort kamen die Grünen auf rund 41 Prozent. Die Briefwahlstimmen hat die NZZ dabei teilweise geschätzt zugeordnet.Das Quartier rund um die Pauluskirche entstand einst als repräsentative Wohngegend für das gehobene Bürgertum der Kaiserzeit: Professoren, Ärzte, Offiziere. Villen und gründerzeitliche Mietshäuser prägen das Bild. Unmittelbar daneben liegt der Steintor-Campus der Universität mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Instituten. Heute gehört das Paulusviertel zu den jüngsten der Stadt Halle.Nur wenige Kilometer weiter liegt Halle-Neustadt, eine AfD-Hochburg. Im westlichen Teil einschliesslich des Gewerbegebiets Neustadt kam die AfD auf rund 48 Prozent. Das Viertel wurde einst als sozialistische «Chemiearbeiterstadt» für die Beschäftigten der Werke in Buna und Leuna gebaut.Die Plattenbauten standen damals für modernen Wohnkomfort. Heute gehören sie zu den sozial schwächeren Teilen Halles. Die Bevölkerung dort ist im Schnitt älter, zugleich ist das Viertel deutlich weniger dicht besiedelt als die grünen Altstadtviertel.Zwei Welten in Halle: Plattenbauten in der AfD-Hochburg Neustadt (2017), sanierte Altbauten aus der Kaiserzeit im grünen Paulusviertel (2013).ullstein bild / Getty ImagesNoch deutlicher zeigt sich der Niedergang in der Silberhöhe im Süden von Halle. Inklusive Briefwahl schnitt die AfD dort mit 51 Prozent noch stärker ab als in der Neustadt. 1994 lebten in dem zu DDR-Zeiten für Beschäftigte der Chemieindustrie errichteten Plattenbauviertel knapp 37 000 Menschen; heute ist es nur noch etwa ein Drittel davon.Nach der Wiedervereinigung verschwanden erst die Arbeitsplätze, dann die Bewohner, schliesslich ganze Wohnblöcke. In der westlichen Neustadt verlief die Entwicklung ähnlich.In Halle zeigt sich der Gegensatz zwischen den beiden Milieus wie unter einem Brennglas. Das Wahlergebnis des Landes erklärt er aber nicht. Die AfD wurde keineswegs nur von älteren oder sozial schwächeren Wählern gewählt. Landesweit war sie bei Arbeitern besonders stark, lag laut der Forschungsgruppe Wahlen aber auch unter Hochschulabsolventen vor allen anderen Parteien. Die grünen Viertel in Halle und Magdeburg sind deshalb eher politische Ausnahmen in einem Land, in dem die AfD in viele gesellschaftliche Gruppen vorgedrungen ist.Grossstädte als Bremse für die AfDDoch wie viel machten die urbanen Gegenmilieus für die Machtverhältnisse im Land rechnerisch aus? Gut ein Fünftel der Wähler kommt aus Halle und Magdeburg. Die Grünen wären jedenfalls auch ohne ihre Stimmen im Landtag gelandet. Für die AfD sieht die Rechnung etwas anders aus.Würden Halle und Magdeburg insgesamt bei den Zweitstimmen so wählen wie das Land ausserhalb der beiden Städte, käme die AfD in einer NZZ-Simulation unter sonst gleichen Bedingungen auf 42 von 83 Sitzen – und damit auf die absolute Mehrheit.Teaserbild: Joana KelénPassend zum Artikel
12 grüne Inseln im AfD-Land – verhinderten sie die absolute Mehrheit?
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