Knallheiß ist es in der hübschen Kurpfalz. So heiß, dass es dem betagten Wanderer zu Kopf steigt. Er referiert vollmundig über sein früheres Dasein als Arzt. Die anderen Ausflügler, die der gleißenden Sonne unter den wenigen Bänken im Schatten entrinnen, werden wohl oder übel Zeuge seiner ausufernden Selbstdarstellung. So hatten sie sich die Verschnaufpause unter den Feigenbäumen nicht vorgestellt.Mit kräftiger Stimme berichtet der pensionierte Mediziner von seinen Heldentaten: Keine Operation zu herausfordernd, kein Bruch zu kompliziert. Minimalinvasive Eingriffe hat der begnadete Mensch laut seiner Laudatio in eigener Sache schon Jahre, ach was, Jahrzehnte praktiziert, bevor andere auf den Trichter gekommen seien. Schweiß, Tränen, Heldentum.Spektakulärer als „Grey’s Anatomy“Wegzuhören, fällt zusehends schwerer, denn er ist in seiner Hybris auf eine verstörende Art faszinierend. Von all den spektakulären Fällen, die ihm auf dem Tisch untergekommen sind, könnten sich die lahmen Drehbuchautoren von „Grey’s Anatomy“, „Dr. House“ oder „Emergency Room“ mal eine mächtige Scheibe abschneiden.Nur die freundliche Frau an seiner Seite hat mental abgeschaltet, die scheint die Geschichten zu kennen. Und die Art seiner Trauerbewältigung nach einem erfüllten, ehrenvollen Berufsleben. Was für ein Pausenprogramm für die Wanderer! Als wäre das nicht schon genug, krönt er seine Schilderungen mit seinem fulminanten Einsatz für den Nachwuchs. Die jungen Assistenzärzte, die habe er seinerzeit heftig rangenommen, die mussten durch seine knochenharte Schule. Aber es war natürlich nur zu ihrem Besten, heilende Hände halt.Unterbrechung naht in Form einer erschöpften Frau, die sich humpelnd auf die Bank schleppt. Ihr geht es gar nicht gut. Zum Glück haben wir einen Arzt in unserer Mitte, was für eine Fügung! Der Herr Dr. lässt nicht lange bitten. Seine Expertise ist gefragt.Doch das Operationsfeld ist überschaubar, die Anamnese erschließt sich auch den medizinischen Laien: übelst aufgescheuerte Fersen. Auslöser: nicht eingelaufene Wanderschuhe, feuchte Socken. Schmerzhaft, aber harmlos. Der Anblick beleidigt den großen Geist des Halbgottes im Karohemd. Hilfsbereite Zuhörer holen Blasenpflaster aus dem Rucksack. Geht doch.In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.