Befinden: schlecht. Befund: keiner. Wie ein Mediziner mit der Lücke zwischen subjektivem Leid und objektiver Diagnose umgehtWo verläuft die Demarkationslinie zwischen krank und gesund? Als Hausarzt gerät unser Autor mit seinen Patienten manchmal in Grenzkonflikte. Die Kolumne «Hauptsache, gesund».Giovanni Fantacci06.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMedizinische Untersuchungen liefern bestenfalls messbare Ergebnisse. Uneinigkeit herrscht oft darüber: Wie sind sie zu interpretieren?Illustration Simon Tanner / NZZEin 40-jähriger Patient kommt mit einem geschwollenen Knie in die Praxis. Er hat sich bei der Arbeit verletzt – nichts Dramatisches, aber schmerzhaft. Die Untersuchung zeigt keine gravierende Verletzung, keinen Riss, keinen Bruch. Ich verordne Schmerzmittel, Ruhe und bescheinige ihm für ein paar Tage eine Arbeitsunfähigkeit. So weit, so klar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Hauptsache, gesund»In dieser Kolumne werfen Autorinnen und Autoren einen persönlichen Blick auf Themen aus Medizin und Gesundheit. Doch die Beschwerden halten an. Wir starten eine Physiotherapie, machen ein MRI, um ein objektives Bild der Situation zu erhalten. Doch das Ergebnis zeigt keine strukturellen Schäden am Knie. Medizinisch gesehen ist das eine gute Nachricht. Für den Patienten jedoch eine schwierige. Denn das Knie schmerzt noch immer.Aus ein paar Tagen werden zwei Monate Arbeitsunfähigkeit. Wir besprechen eine Teilarbeitsfähigkeit, vielleicht 50 Prozent. Doch auch das scheint unmöglich. Der Patient beteuert: «Wenn ich gesund wäre, würde ich wieder 100 Prozent arbeiten.»Und da halte ich kurz inne. Was bedeutet «gesund» für ihn? Wann wird er das sein – und wieso soll bis dahin kein bisschen Arbeit möglich sein, wenn das Knie objektiv in Ordnung ist? Solche Fälle kennt jeder Hausarzt, sie können zu Konflikten führen. Die Patienten empfinden sich als krank, während die Befunde kaum Auffälligkeiten zeigen.Zwischen der subjektiven Wahrnehmung und der objektiven Einschätzung öffnet sich ein Graben. Auf der einen Seite steht das persönliche Erleben – Schmerz, Unsicherheit, Angst. Auf der anderen Seite steht die medizinische Realität – und die ökonomische, die von Versicherungen und Arbeitgebern geprägt ist.Erstaunlich oft geht es dann auch wiederWie löst man diesen Widerspruch? Ehrlich gesagt: Es ist schwierig. Es braucht Geduld, Gespräche, Vertrauen – und manchmal behutsame Überzeugungsarbeit. Wir versuchen gemeinsam, kleine Schritte zurück in den Alltag zu finden. Manchmal jedoch kommt die Wende von ganz woanders: wenn ein von der Versicherung beauftragter Vertrauensarzt die Arbeitsunfähigkeit aufhebt. Und plötzlich – erstaunlich oft – geht es dann doch wieder.Das mag zynisch klingen, ist aber eine Realität, die viel über unser Verständnis von Arbeit, Gesundheit und Motivation sagt. Arbeit ist eben nicht nur Belastung, sondern auch Struktur, Identität, Zugehörigkeit. Manchmal ist der Weg zurück dorthin länger, als ein MRI-Bild vermuten lässt. Den umgekehrten Fall, dass ich objektiv schwer kranke Patienten davon abhalten muss, wieder arbeiten zu gehen, gibt es auch. Aber er ist deutlich seltener.Vielleicht sollten wir uns öfter fragen, was gesund sein wirklich bedeutet. Ist es die völlige Schmerzfreiheit? Die volle Funktion? Oder ist es die Fähigkeit, trotz gewissen Einschränkungen wieder ins Leben – und eben auch in die Arbeit – zurückzufinden? Gesundheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Als Hausarzt begleite ich Menschen genau darin: zwischen Befund und Befinden, zwischen Knie und Kopf, zwischen Wollen und Können.Bereits erschienene Texte unserer Kolumne «Hauptsache, gesund» finden Sie hier.Passend zum Artikel