Hinter José Mourinho lag eine fürwahr „verrückte Partie“, wie er sie nannte, und so musste man ihm nachsehen, dass sogar der Bereich, in dem in seinem Hirn das Sprachzentrum angesiedelt ist, arg durcheinandergeworfen war. Der Trainer von Spaniens Rekordmeister Real Madrid sollte dem TV‑Sender Movistar nach dem Spiel gegen seinen Ex-Klub Inter Mailand auf Spanisch antworten. Doch der Portugiese sprach auf Italienisch, unter anderem wahrheitsgetreu davon, dass die erste Champions-League-Begegnung der neuen Saison auch 7:6, 6:5 oder 6:6 hätte enden können. Das Ergebnis war ein anderes gewesen: Real Madrid hatte den italienischen Meister 2:1 besiegt und diesem damit die erste Niederlage seit dem 8. März bereitet. Und dennoch hatte Spaniens Rekordchampion Zweifel unter dem eigenen Anhang gesät, und auch Groll.Es rührte daher, dass die Mailänder hernach von sich behaupten durften, mehr fürs Spiel getan zu haben als die Hausherren im Estadio Santiago Bernabéu. Es gab kaum einen Parameter, der nicht die Überlegenheit Inters aufwies: Die Mailänder hatten unter anderem mehr Abschlüsse (21:16), mehr Ecken (11:4) und mehr Ballbesitz (64 Prozent) als Real Madrid. Dass sie verloren, war zuvorderst darauf zurückzuführen, dass sie auch in der Sparte sinnbefreite Interventionen obsiegt hatten. Allen voran durch Aktionen von Curtis Jones und Torwart Josep Martínez, den intellektuellen Urhebern der Madrider Treffer durch Kylian Mbappé (14.) und Federico Valverde (23.).Champions League:Dortmund überwindet den Schock um KaretsasDer junge Grieche Konstantinos Karetsas muss gegen Villarreal in Halbzeit eins mit einer Trage den Platz verlassen – offenbar wegen Kreislaufproblemen. In einer schwungvollen zweiten Halbzeit ist Serhou Guirassy beim 3:2 der Mann des Abends.Jones kompromittierte DFB-Innenverteidiger Yann Bisseck mit einem hanebüchenen Zuspiel vor dem eigenen Strafraum; als Bisseck auch noch im stumpfen Rasen hängen blieb, dauerte es Sekunden, bis Mbappé die zu diesem Zeitpunkt absurd anmutende Führung erzielt hatte. Kurz danach trödelte der frühere Leipziger Keeper Martínez (zwei Spiele) so lange am Fünfmeterraum herum, bis Valverde ihm den Ball unter der Sohle weg- und dann ins Tor spitzelte. Sowohl Jones als auch Martínez übten sich später in tätiger Reue, Inter aber kam nur zum Anschluss (Carlos Augusto/77.). „Gott vergibt, die Champions nicht“, dozierte am Mittwoch die Gazzetta dello Sport.Womöglich hätte sogar Mourinho diesen Satz unterschrieben, er dankte aber nicht irgendeinem Gott, sondern seinem Torwart Thibaut Courtois: „Wer immer Valverde und nicht Courtois als den wertvollsten Spieler der Partie ausgezeichnet hat, muss geschlafen haben“, blaffte Mourinho. Courtois hatte gegen die von der italienischen Presse gern exzessiv hochgejubelten Marcus Thuram, Lautaro Martínez oder Hakan Çalhanoğlu exzellente Szenen, insgesamt kam er auf neun Paraden. Mourinho betonte aber, dass nicht alles schlecht gewesen sei, „ein paar Sachen haben wir schon auch gut gemacht“. Die Madrider Treffer seien Folge einstudierter Muster gewesen. „Das Pressing, seine Trigger, übt man, heute hat es funktioniert: Hinter dem Tor von Valverde stecken Stunden und Stunden an Arbeit“, beteuerte Mourinho.Vinícius lässt sich bei der Auswechslung zu viel Zeit – und beschert seinem Team damit eine UnterzahlDiese Bemerkung war auch an das naserümpfende Umfeld gerichtet: Wie schon in der Vergangenheit steht bei vielen Anhängern in Abrede, dass namentlich Vinícius Jr. und Mbappé defensiv arbeiten. Vinícius bleibt der Zorn des Publikums treu. Er löste ihn unter anderem aus, als er sich wieder mal an einer sogenannten „Lambretta“ versuchte und zum x-ten Mal am Kunststück scheiterte, den Ball hinterrücks zwischen die Füße zu klemmen und dann über den eigenen Kopf sowie den des Gegners zu ziehen. Mourinho nahm Vinícius demonstrativ in Schutz: Indem er quasi bis zum Schlusspfiff zögerte, ehe er ihn auswechselte, ihm dann applaudierte und auch noch einen Kuss auf die Wange drückte. „Das ist für mich Respekt vor der Arbeit für die Mannschaft“, sagte Mourinho.Ein großer Teil des Publikums pfiff – auch weil sie nicht verstehen können, dass sich Vinícius im Sommer mit Fragen der Regelreformen weniger intensiv auseinandergesetzt haben muss als mit der Harmonisierung seiner Gesichtszüge durch einen plastischen Chirurgen. Er bummelte bei der Auswechslung so sehr, dass sein Team mit einer Zeitstrafe belegt wurde: Einwechselspieler Álvaro Carreras musste am Ende mehr als zwei Minuten draußen warten, ehe er aufs Feld gelassen wurde. Inter Mailand hätte um ein Haar noch ausgeglichen. Doch dass sich Inter „zweimal in die eigene Schläfe geschossen“ hatte, wie die Zeitung As am Mittwoch berichtete, blieb einmal zu viel.