Am Freitag bat José Mourinho zu seiner allerersten Pressekonferenz als neuer Trainer von Real Madrid, und er breitete sogleich eine Indiskretion aus. Nach jedem der Champions-League-Titel, die Real Madrid nach seiner ersten Amtszeit als Chefcoach (2010–2013) geholt hatte – und das waren nicht weniger als sechs –, habe er „einen Anruf vom ‚Präsi‘“ erhalten, sagte er. Immer wieder habe ihn Klubchef Florentino Pérez zu seinem Anteil an den Real-Titeln beglückwünschen wollen. „Ich habe immer geantwortet: ‚Nein, das hat doch nichts mit mir zu tun. Ich freue mich ja, dass meine Arbeit positive Dinge hinterlassen hat, aber die Titel gehören Carlo (Ancelotti) und (Zinédine) Zidane, den Spielern, den Fans‘“, erzählte Mourinho – und lächelte ob des gelungenen Twists.Denn er hatte es mit ein paar Sätzen geschafft, einerseits zu erklären, warum er nun zum zweiten Mal in seiner Karriere von Real rekrutiert wurde. Andererseits konnte er einen Punkt in eigener Sache machen: Mögen die Trophäen auch von anderen Trainern errungen worden sein – intern habe man bei Real die Triumphe von 2014, 2016, 2017, 2018, 2022 und 2024 stets ihm und nur ihm zugeschrieben. Ihm, Mourinho, dem „Special One“ von einst, der ab dem ersten Liga-Saisonspiel bei Espanyol Barcelona am Samstag (21.30 Uhr, Dazn) darum kämpfen muss, nicht doch als „Finished One“ zu gelten, als den ihn das US-Finanzblatt Wall Street Journal soeben verspottete.Sami Khedira zu Real Madrid:Mourinho bekommt seine WunschlösungDer frühere deutsche Nationalspieler wird Teil des Trainerteams von José Mourinho bei Real Madrid – er soll als eine Art Teammanager fungieren.Mourinho, 63, war noch nicht gar so ergraut wie jetzt, als er 2010 erstmals dem Ruf von Pérez folgte – mit dem Auftrag, das revolutionäre Barça von Pep Guardiola und Lionel Messi zu zerstören. Seinerzeit blieb er als Siegertyp direkt in der spanischen Hauptstadt, nachdem er kurz zuvor im Bernabéu-Stadion mit Inter Mailand gegen den FC Bayern den Champions-League-Titel 2010 gewonnen hatte (und die Lombarden danach schmählich sitzen ließ, er flog nicht mal mehr mit der Mannschaft zurück). Jetzt, beim zweiten Mal, ist alles insofern anders, als Mourinhos Prestige in den vergangenen Jahren welker wurde als seine Stirn.Denn seit seinem Abschied aus Madrid holte Mourinho einen einzigen Meistertitel (FC Chelsea/2015), eine Europa League (Manchester United/2017), zwei englische Ligapokale und einen Supercup, ebenfalls mit United und Chelsea. In diesem Jahrzehnt siegte er in einem einzigen Wettbewerb: als Coach der AS Roma in der Conference League 2022. Eine titellose Saison wie bei seinen jüngsten Stationen Benfica Lissabon (ab September 2025) und Fenerbahçe Istanbul (2024 bis August 2025) oder wie zuvor in Tottenham (November 2019 bis April 2021) kann er sich bei Real jedenfalls nicht erlauben. „Eine Saison ohne Titel ist sicher kein Erfolg“, sagte er am Freitag.Spaniens Liga ist alles, nur nicht homogenImmerhin: Der Kreis der Wettbewerber mit Titeloptionen ist in Spanien überschaubar. Am Horizont zeichnet sich wieder mal ein Zweikampf zwischen dem FC Barcelona und Real ab – es sei denn, Atlético Madrid greift in den Kampf um die Krone mit ein. La Liga ist zwar die Bühne der frisch gekürten Weltmeister, 19 der 26 Spieler, die für den Triumph in Nordamerika rekrutiert worden waren, spielen in Spanien, das Fachblatt As spricht daher von der „Liga der Champions“. Allerdings ist es zugleich eine Liga, die in diesem Sommer größere Schwierigkeiten denn je hat, sich als Einheit zu präsentieren.Der erste Spieltag fand schon am Vorwochenende statt, doch die Großkopferten der Liga durften wegen ihrer vielen WM-Fahrer ein paar Tage länger pausieren. Dass Spaniens Liga alles ist, nur nicht homogen, zeigt sich auch in anderer Hinsicht: Die Mittelklasse ist verarmt. Die 20 Erstligisten gaben in Summe 604 Millionen Euro für Zugänge aus; davon entfallen allein 540 Millionen auf Real (225), Barça (170) und Atlético (145). Athletic Bilbao – neben Barcelona und Real der dritte Klub, der noch nie aus der ersten Liga abstieg – versucht, sich mit dem früheren Dortmunder Trainer Edin Terzic zumindest fußballideologisch zu erneuern.Zu den Teams, die bislang kein oder kaum Geld ausgegeben haben, zählen auch solche, die zuletzt ziemlich erfolgreich waren: der Pokalsieger und Europa-League-Starter Real Sociedad San Sebastián (mit Trainer Pellegrino Matarazzo), der Champions-League-Teilnehmer Betis Sevilla und der Conference-League-2026-Finalist Rayo Vallecano. Das Desinteresse am pauperisierten Unterbau ist in Spanien so groß, dass das Testspiel von Real bei Schalke 04 in der Vorwoche mehr TV-Zuschauer hatte als der erste Ligaspieltag.Beim 3:0 in Gelsenkirchen trat noch nicht zutage, was für Mourinho die größte Herausforderung werden dürfte: aus Real „eine Mannschaft zu machen“, die, wie er sagt, „nicht über unverhandelbare Dinge verhandelt“. Zuletzt war das anders, interne Divergenzen wie zwischen Kylian Mbappé und Vinícius Jr. oder Aurélien Tchouaméni und Federico Valverde harren einer endgültigen Befriedung. Zudem muss der 140-Millionen-Euro-Einkauf Yan Diomande (RB Leipzig) in das komplizierte, oft defensiv faule Angriffsgeflecht integriert werden, dem auch teure frühere Einkäufe wie Jude Bellingham und Arda Güler angehören. Zugang Bernardo Silva (bisher Manchester City) soll dem Mittelfeld mehr Ordnung geben; Denzel Dumfries (Inter Mailand) und Marc Cucurella (Chelsea), ebenfalls neu, sollen die Flügel beleben.In seinem Trainerstab wird Mourinho vom deutschen 2014-Weltmeister Sami Khedira assistiert, der sofort zusagte: „Er ließ mich etwas spüren, was ich gerne spüre. Denn als ich ihn anrief, sagte er: ‚Ich arbeite gerade für die Fifa in den USA. Aber wenn ich morgen da sein muss, bin ich da‘“, erzählte Mourinho über Khediras Anwerbung. Die dürfte jedoch nur ein schwacher Trost dafür sein, dass Weltmeister Rodri Real absagte und stattdessen für rund 75 Millionen Euro von Manchester City zum Rivalen Barcelona gewechselt ist. Sogar Mourinho räumte am Freitag ein, dass der Mittelfeldspieler „die Kirsche (auf der Torte)“ gewesen wäre. Mit seinem Kader sei er dennoch zufrieden.Beim Nachbarn Atlético steht eine Saison des Umbruchs anBei Reals Stadtnachbar Atlético sind die atmosphärischen Störungen nicht kleiner, aber aktueller. Das große Problem: Torjäger Julián Álvarez will – wie Rodri, Karim Adeyemi (Dortmund) und Anthony Gordon (Newcastle) – zum FC Barcelona. Atléticos Idee, ihn an den FC Arsenal zu verkaufen, lehnte der Argentinier ab. Das dürfte aber nicht das letzte Wort gewesen sein. Am Mittwoch wurde Álvarez von Atlético-Fans als Deserteur wüst beschimpft; Trainer Diego Simeone äußerte hingegen Verständnis, insofern erscheint ein Abschied von Álvarez mehr als nur denkbar.So oder so steht für Atlético eine Saison des Umbruchs an. Der Franzose Antoine Griezmann, der seit 2014 im Grunde nie wegzudenken und von einem Intermezzo bei Barça reuig zurückgekehrt war, schloss sich Orlando City in den USA an. Und ob Morten Hjulmand (Sporting Lissabon), Kang-in Lee (PSG), Cristian Romero (Tottenham) und Weltmeister Alejandro Grimaldo (Leverkusen) diesen Weggang kompensieren können, ist fraglich.In Barcelona ist die Frage, wie die Abschiede von Robert Lewandowski (USA) und Ferran Torres (PSG) aufgefangen werden, die in den letzten beiden Spielzeiten für mehr als 100 Pflichtspieltore sorgten. Trainer Hansi Flick pocht seit Monaten auf einen Ersatz im Sturm, daher das Werben um Álvarez. Zuletzt soll es auch wieder Interesse an Lautaro Martínez gegeben haben, doch dass Inter Mailand den Argentinier ziehen lässt, gilt als nahezu ausgeschlossen. Bleiben „kleinere“ Lösungen – wie der deutsche U21-Nationalspieler Nicolò Tresoldi oder Viktor Gyökeres (Arsenal). Die unmittelbare Herausforderung für Flick ist es, wie Pep Guardiola (2009, 2010, 2011) drei Meisterschaften in Serie zu holen. Vor allem aber: die Champions League zu gewinnen. Das wäre mit einem echtem „Neuner“ eher einfacher als schwieriger.
Real Madrid vor dem Ligastart: José Mourinho kämpft um sein Prestige
In seiner zweiten Amtszeit bei Real Madrid muss José Mourinho beweisen, dass er als Trainer noch Titel gewinnen kann.









