Am kommenden Mittwoch wird Ursula von der Leyen vor dem Europaparlament in Straßburg zur „Lage der Union“ sprechen. Diese Rede hat große Tradition, im September eines jeden Jahres hält die Kommissionspräsidentin vor den Abgeordneten eine Art Regierungserklärung. Die Themen sind absehbar: wie sich die Europäische Union in einer gefährlich gewordenen Welt behaupten kann gegen Russland, China und die USA. Bliebe die Frage: Hört der Kommissionspräsidentin jenseits von Brüssel jemand zu – und wenn ja, glauben die Bürgerinnen und Bürger, dass von der Leyen hält, was sie verspricht?Nur sehr bedingt, lautet die Antwort einer Studie des paneuropäischen Thinktanks European Council on Foreign Relations (ECFR) und der in Amsterdam ansässigen European Cultural Foundation (ECF), die an diesem Mittwoch veröffentlicht wird. Bei einer Umfrage in sechs europäischen Ländern stellte sich heraus: Die Regierenden in Europa stecken in einer gefährlichen Vertrauenskrise. Zwar teilen drei Viertel aller Bürgerinnen und Bürger den Wunsch Ursula von der Leyens, Europa möge stärker und souveräner werden, aber viele können sich nicht vorstellen, dass die EU in ihrer aktuellen Verfassung und mit dem derzeitigen Personal dazu in der Lage ist. Deshalb ist von einer „Vorstellungslücke“ die Rede, die den Rechtspopulisten einen gefährlichen Nährboden biete.„Brüssel“ ist zum Reizwort in den politischen Debatten gewordenFür die Studie wurden 5834 Bürgerinnen in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, den Niederlanden und Großbritannien um ihre Meinung zu Europa gebeten. Die von einer KI moderierten Interviews ergaben, dass fast drei Viertel der Menschen glauben, Europa gehe derzeit nicht gut mit den geopolitischen Herausforderungen und der wirtschaftlichen Krise um. 56 Prozent sind der Meinung, Europas Zukunft sei „in Gefahr“. Eine Aufbruchstimmung spüren nur zwölf Prozent.„Europa“ tauche immer öfter im politischen Diskurs als Reizwort auf, auch dieser Befund ist Teil der Studie. Drei Gründe werden dafür genannt. Da sind zum einen die geopolitischen Krisen, die die Frage nach der Eigenständigkeit und Wehrhaftigkeit Europas aufwerfen. Da ist zweitens eine Brüsseler Politik, die Menschen in ihrem Alltagsleben immer mehr betrifft, seien es Klimagesetze, die Migrationspolitik oder die Energiepreise. Und da ist drittens der Kulturkampf rund um den Begriff „Brüssel“: Europäische Politik wird von rechts angegriffen als volksfernes Elitenprojekt, das nationale Identität zerstöre. Die große Frage ist: Wie soll sich eine europafreundliche Politik verteidigen?Wenn es um die Grundeinstellungen zu Europas Zukunft geht, teilt die Studie die Bürgerinnen und Bürger in vier Lager ein. Zwölf Prozent fühlen sich laut den Umfrageergebnissen von europäischer Politik gar nicht betroffen. 19 Prozent der Befragten sind EU-Fans: Sie wähnen Europa auf einem guten Weg, stärker und geeinter zu werden. 39 Prozent sehen dagegen überall in Europa Verfall und werten jede Krise als Beleg dafür, dass das vereinigte Europa seine besten Tage hinter sich hat.Die vierte Gruppe bilden mit 31 Prozent die „Unsicheren“: Sie haben sich noch keine abschließende Meinung über Europas Zukunft gebildet. Die Studie empfiehlt den europafreundlichen Kräften, gerade um diese Menschen, immerhin fast ein Drittel des politischen Spektrums, zu werben. Die Vorbehalte, die es dabei zu überwinden gilt, sind enorm. Viele Bürgerinnen und Bürger halten Europa in seiner Entscheidungsfindung für zu langsam. Viele bemängeln, Europa verrate in der praktischen Politik seine Werte, wenn etwa Russland als Aggressor verurteilt, aber Israel nicht sanktioniert werde. Viele halten Europa für unfähig, die eigene Sicherheit zu garantieren.Die Studie rät zu einer „praktischen Politik mit einem Zeithorizont“Hinzu kommt ein besorgniserregender Befund: Kaum jemand von den „Unsicheren“ konnte bei der Umfrage einen Hoffnungsträger benennen. Am besten schneidet der spanische Regierungschef Pedro Sánchez ab. Acht Prozent der Befragten nannten ihn als ermutigendes Beispiel. Gerühmt wird die Unerschrockenheit, mit der Sánchez sich dem US-Präsidenten Donald Trump entgegenstellt. Niemand sonst kommt auf einen ähnlichen Wert. Der französische Präsident Emmanuel Macron, der einstige Star Europas, wird noch von vier Prozent benannt. Ursula von der Leyen, die Kommissionspräsidentin, findet kaum Erwähnung.Ursula von der Leyen ist bekannt dafür, ihre Reden mit viel Pathos zu spicken. Die Studie kommt allerdings zu dem Schluss, das Verbreiten von europäischen Visionen sei der falsche Weg, um Bürgerinnen und Bürger zu überzeugen. Gefragt sei eine „praktische Politik mit einem Zeithorizont“ – also konkrete politische Maßnahmen, die den Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl vermitteln, Europa löse ihre Probleme.