Das Zitat ist mehr als 30 Jahre alt und hat nichts von seiner Wucht verloren: „Früher dachte ich, wenn es eine Wiedergeburt gäbe, würde ich gerne als Präsident, als Papst oder als Baseballspieler wiederkommen. Heute würde ich lieber als Anleihemarkt wiederkommen. Der kann jeden einschüchtern.“ Das Bonmot stammt von James Carville, dem Chefstrategen des von 1993 bis 2001 amtierenden US-Präsidenten Bill Clinton.
Amerikas aktueller Finanzminister Scott Bessent bekommt gerade die tiefere Wahrheit dieser Aussage zu spüren. Vor Kurzem griff er in die Anleihemärkte ein, nachdem die Renditen der US-Staatsanleihen mit 30 Jahren Laufzeit ein 19-Jahres-Rekordniveau von 5,3 Prozent erreicht hatten. Bessent ließ lang laufende Staatsanleihen kaufen, um die Renditen zu drücken. Der Effekt hielt kaum zwei Wochen. Die Anleihemärkte hatten ausgerechnet ihm, der einst als George Soros’ Statthalter in London an dessen spektakulären Coup gegen das britische Pfund mitgewirkt hatte, eine Lektion erteilt.Noch schmerzlicher dürfte für den Minister gewesen sein, dass sein alter Mentor, der legendäre Hedgefonds-Investor Stanley Druckenmiller, ihm öffentlich die Leviten las. Er nannte den angeblichen Liquiditätseingriff schlicht Preismanipulation in einem funktionierenden Markt.Mehr als 40 Billionen Dollar StaatsschuldenTatsächlich war die Intervention mehr als reine Fiskalakrobatik. Hinter ihr steckt die Anmaßung des Finanzministers, die Märkte disziplinieren zu wollen, obwohl nichts darauf hindeutete, dass die Renditen der dreißigjährigen Anleihe aus dem Ruder gelaufen waren. Sie reflektierten vielmehr unbequeme Wahrheiten einer Inflation, die seit fünf Jahren über dem Ziel der amerikanischen Notenbank liegt, eines Haushaltsdefizits von knapp sechs Prozent der Wirtschaftsleistung und einer Staatsschuld von mehr als 40 Billionen Dollar, die Zinskosten von mehr als 1,1 Billionen Dollar im Jahr auslösen und damit teurer sind als das Pentagon.Angesichts dieser Wirtschaftsdaten wirkt der Finanzmarkt zurzeit sogar ausgesprochen gnädig. Präsident Clinton kämpfte, als sein Berater Carville seinen Stoßseufzer absetzte, mit einer Anleiherendite von 7,7 Prozent bei einem Haushaltsdefizit von rund vier Prozent der Wirtschaftsleistung.Die ganze Sache ist ein Rückschlag für Bessent, der so sorgfältig seinen Ruf als Amerikas oberster Anleiheverkäufer gepflegt hat. In seinem offiziellen Lebenslauf auf der Website des Finanzministeriums heißt es: „Er war Anlagechef von Soros Fund Management und leitete von 1991 bis 2000 als Managing Partner das Londoner Büro. Mit seinen legendären Wetten gegen das britische Pfund und später gegen den japanischen Yen erwarb sich Bessent den Ruf eines der weltweit führenden Makro-Investoren.“Da mischt sich klassisch-amerikanisches Selbstlob mit halb legitimer Übertreibung. Die Männer, die damals die Bank of England in die Knie zwangen, waren Stanley Druckenmiller und der berühmte Investor George Soros. Doch Bessent war der Analyst vor Ort, der sah, dass das Umfeld wie gemacht war für das sogenannte Shortselling. Das Manöver brachte dem Soros-Fonds am Ende einen Gewinn von einer Milliarde Dollar und den Akteuren den Ruf, wagemutig, hochintelligent und mit außergewöhnlichem Spürsinn ausgestattet zu sein.Gelegentlich droht Bessent mit SchlägenEin Attribut fehlt in dieser Aufzählung: Scott Bessent ist ein bemerkenswert aggressiver Mann. Das zeigte jüngst seine Konfrontation mit Bill Pulte, einem Präsident Donald Trump nahestehenden Unternehmer und Chef der staatlichen Immobilienfinanzierungsbehörde Federal Housing Finance Agency. Bessent verdächtigte ihn der Intrige und drohte deshalb auf einer Party in einem Klub von reichen Unterstützern der „Make America Great Again“-Bewegung, ihm den Hintern zu versohlen. Bessent selbst hat die Berichte über diese Episode während einer Kongressanhörung bestätigt.Die Aggressivität bekam auch schon Multi-Unternehmer Elon Musk zu spüren, der die amerikanische Staatsverwaltung radikal zu verschlanken trachtete. Mit Howard Lutnick wiederum lieferte sich Bessent hinter den Kulissen einen brutalen Machtkampf um das Amt des Finanzministers. Bessent machte während dieses Wettstreits klar, dass er mit Haut und Haaren hinter Trumps America-First-Agenda steht, der zufolge die Weltgemeinschaft die USA jahrzehntelang ausgebeutet hat und nun für den Zutritt zum US-Markt zahlen muss. Lutnick wurde schließlich Handelsminister.Wie sehr Bessents Sicht der Dinge die Grenze zwischen Freund und Feind verwischen lässt, bekam Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj zu spüren, nachdem er gezögert hatte, den USA als Gegenleistung für Militärhilfe die Hälfte der Rechte an wichtigen Mineralien zu gewähren. Bessent war für diesen Deal extra nach Kiew gereist. Nach Berichten der „Financial Times“ und nach Darstellung zweier Reporter der „New York Times“ im Buch „Regime Change“ eskalierte das Gespräch rasch. Selenskyj wurde wütend; beide Männer sollen sich 45 Minuten lang angeschrien und beschimpft haben. Bessent drängte Trump danach, Selenskyj erst ins Weiße Haus zu lassen, wenn das Rohstoffabkommen unterschrieben sei. Intern soll er Selenskyj als „Sorgenkind der Europäer“ bezeichnet und sein Verhalten mit „Mr. Bean auf Crack“ verglichen haben. Jüngst auf dem G-20-Gipfel gab Bessent der Ukraine zudem Mitschuld an den hohen Energiepreisen. „Die Ukraine hat beschlossen, russische Energieanlagen und Raffinerien in die Luft zu jagen. Das treibt die Preise weltweit nach oben“, sagte der Minister.Manchmal paart sich Bessents Aggressivität mit Herablassung. Die Politikerin Elizabeth Warren, führendes Mitglied des Bankenausschusses des Senats, hatte eine Intervention des Finanzministers zugunsten des japanischen Yen kritisch hinterfragt und dabei sachliche Fehler gemacht. Bessents Antwort triefte vor Verachtung für die gewählte Volksvertreterin. Es zeige sich, „dass Sie von Devisenmärkten noch weniger verstehen als vom Bankwesen“. „Für eine ausführlichere Erklärung empfehle ich Ihnen und Ihren Mitarbeitern einen Anfängerkurs in internationaler Finanzwirtschaft. Oder ich gebe Ihnen eine Einführung in ‚Devisenmärkte für Dummies‘.“Eigennützige Hilfe für JapanDie Aggressivität soll offenkundig die Widersprüchlichkeit von Bessents eigener Politik vergessen machen. Er hatte die überraschende Yen-Intervention damit begründet, einem engen Verbündeten helfen zu wollen, der sich gegen die Abwertung seiner Währung stemmte. Demselben Verbündeten hatte die US-Regierung zuvor mit hohen Zöllen gegen das Schienbein getreten. Dass Zollerhöhungen auf japanische Güter tendenziell den Yen schwächen, könnte man auch in einem Devisengrundkurs lernen.In Wahrheit steckt hinter der Währungsintervention ein eigennütziges Motiv. Japan hält in großem Umfang amerikanische Staatsanleihen, die es zur Stützung der eigenen Währung verkaufen könnte. Die Folge wären noch höhere Renditen. Das wollte Bessent dringend vermeiden.Journalisten ist Bessent ebenfalls nicht wohlgesinnt, speziell jenen der sogenannten Mainstreammedien. Er nennt sie „Mob“ und greift einige auf der Plattform X persönlich an. Zum jüngsten G-20-Gipfel verweigerte sein Haus Journalisten von Bloomberg, „Wall Street Journal“ und „New York Times“ die Akkreditierung.Ein Teil dieses Verhaltens ist milieubedingt: Aggressivität und die Herabwürdigung politischer Gegner und Journalisten hat Trump zu Erkennungszeichen seiner Auftritte gemacht. Er erwartet dasselbe auch von seinen Ministern, die diesem Wunsch mehr oder weniger folgen, je nach Mentalität und Kinderstube. Bessent verdient sich in dieser Hinsicht Trumps Bestnoten, auch was das generelle Betragen angeht. In seinen öffentlichen Beiträgen versäumt er nie, die Führungs- und Strahlkraft des Präsidenten in dessen unermüdlichem Kampf für Amerikas Größe herauszustellen.Bessent gehört zur Spezies konservativer Politiker, die in ihren Lebensläufen ihre kirchliche Prägung hervorheben, ohne im öffentlichen Diskurs viel Nächstenliebe erkennen zu lassen. Allerdings folgt er der Tradition reicher Amerikaner – sein Vermögen wird auf eine halbe Milliarde Dollar geschätzt –, Geld für Kirchen, Universitäten und spezielle Projekte zu spenden. Er gibt seit Jahren Geld für Projekte, die die finanzielle Allgemeinbildung fördern.Ein harter Hund? Nicht in seinem KerngeschäftEin Finanzminister muss kein netter Mann sein. Es ist sogar besser, wenn er ein harter Hund ist, der Forderungen nach staatlichen Mehrausgaben abwehrt. Ausgerechnet in diesem Punkt lässt Scott Bessent aber überraschend wenig Härte erkennen. Er mahnt die Abgeordneten seiner Partei nicht etwa, ihre Ausgabenwünsche zu bezähmen. Er stoppt Trump auch nicht, wenn dieser mit neuen Steuernachlässen seine Wähler beglückt. Allein dessen „Big Beautiful Bill“ mit umfangreichen Steuersenkungen für Unternehmen und Wohlhabende dürfte die Schulden in den kommenden zehn Jahren um 3,4 Billionen Dollar steigern. Eine Schimpfkanonade bekommen dafür die Richter ab, die Trumps „Liberation Day“-Zölle zu Fall gebracht haben und damit hohe Rückzahlungen auslösten, die Bessents Haushaltsposition schwieriger machen.Bessent hatte mit einer griffigen Formel für sich geworben: Sie lautet 3-3-3. Um drei Prozent soll Amerikas Wirtschaft wachsen, die tägliche Ölproduktion in den USA soll um drei Millionen Barrel à 159 Liter zulegen und das Haushaltsdefizit auf drei Prozent der Wirtschaftsleistung schrumpfen – und das alles bis zum Ende von Trumps zweiter Amtszeit.Fromme WünscheDie Zwischenbilanz sieht so aus: Die Wirtschaft wächst eher um etwas mehr als zwei Prozent, sagen zumindest Institutionen wie der Internationale Währungsfonds. Seit Trumps Amtsantritt im Januar 2025 schwächelt das Wachstum, was angesichts der Zölle und des Irankriegs kein Wunder ist. Es gibt einen Investitionsboom rund um die Künstliche Intelligenz, aber sonst sind kaum andere Wachstumssektoren auszumachen. Die tägliche Ölproduktion wächst tatsächlich, wenn auch nicht im gewünschten Tempo. Bessents Ziel wird nur erreicht, wenn die Gasförderung mitgerechnet wird.Das Erreichen des Defizitziels schließlich erweist sich als ein frommer Wunsch. Das Haushaltsamt des Kongresses erwartet für das Haushaltsjahr 2026 ein Defizit des Bundes von 5,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Bis 2028 soll es auf sechs Prozent steigen. In seinem Kerngeschäft liegt der Minister also weit daneben. Er kündigte zwar dramatische Einschnitte in Sozialprogramme durch die Eliminierung von Sozialbetrug im großen Stil an, doch Einzelheiten blieb er bisher schuldig. Kürzungen stoßen überdies auf Widerstand von Republikanern in umkämpften Wahlbezirken.Bessents öffentliche Äußerung, dass die USA aus ihren Schulden herauswachsen könnten, glaubt er vermutlich selbst nicht. Man könnte sie als Resignation vor politischen Verhältnissen verstehen, in denen eine sparsame Haushaltsführung weniger wichtig scheint als die teuren Renovierungsarbeiten am Wasserbassin der Lincoln-Gedenkstätte. Anders gesagt: Ein Makroökonom würde vielleicht für ein Sparprogramm kämpfen. Ein Makro-Trader versucht eher, die Anleiherenditen zu manipulieren.Wenn es blöd läuft, könnte Scott Bessent als der Finanzminister in die Geschichte eingehen, der seinen Nachfolgern einen Schuldenberg von 123 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hinterlässt. So hat es die Ratingagentur Fitch errechnet. Dafür gibt die dem Finanzministerium unterstehende US-Münzanstalt nun eine Ein-Dollar-Münze mit Donald Trumps Konterfei heraus. Seit Calvin Coolidge 1926 ist Trump damit der erste lebende Präsident, der sich auf einem Geldstück findet. Das ist ja auch irgendwie eine Leistung, für die sich Scott Bessent feiern lassen kann.










