Der erste Weg führt nach Sankt Elmo. Ein Festungsbau aus dem sechzehnten Jahrhundert, ein sternförmiges Puzzle von Bastionen, Kasematten und Kasernen – auf den ersten Blick keine dringend abzuhakende Attraktion auf einer Insel im Mittelmeer, die vom Tourismus und der Schiffsindustrie lebt und die in den Katalogen der Kreuzfahrtanbieter einen Stammplatz hat. Aber auf Malta ist der Besuch des Forts an der Nordspitze der Hauptstadt Valletta fast unvermeidlich. Denn hier, am Eingang zum Grand Harbour, der das ökonomische Zentrum des Inselstaats bildet, liegt die maltesische Geschichte wie eine Landschaft vor dem Auge des Besuchers ausgebreitet.Da ist zum einen die verzweigte Meeresbucht mit den beiden Halbinseln Birgu und Senglea, deren mittelalterliche Fischerdörfchen vor fünfhundert Jahren zu welthistorischer Bedeutung aufstiegen. Da ist das Häusermeer von Valletta, das um 1570 als barocke Planstadt auf einer unbewohnten felsigen Landzunge entstand. Da sind die Hotelkästen, Strände und Yachtanleger des westlich angrenzenden Hafens von Marsamxett. Und da ist schließlich Sankt Elmo selbst, in dessen Mauern heute das National War Museum residiert und gelegentlich Filmteams ihre Kameras aufstellen. Zweimal allerdings, im Jahr 1565 und dann wieder zwischen 1940 und 1942, lag dieses verschlafene Museumsfort im Brennpunkt der europäischen Geschichte – und das hat, wie fast alles auf Malta, mit seiner Lage zu tun.Die Osmanen schickten vierzigtausend Mann für die BelagerungWieso? Dafür genügt ein Blick auf die Landkarte. Da sieht man, dass das Mittelmeer aus zwei ungefähr gleich großen Becken besteht, die durch eine Meerenge getrennt sind, die Straße von Sizilien. Genau vor dem östlichen Ende dieses Flaschenhalses liegen wie zwei flache Kiesel die Insel Malta und ihr kleinerer Begleiter Gozo. Wer sie beherrscht, kontrolliert die Schifffahrt zwischen Istanbul und Gibraltar, zwischen Atlantik und Schwarzem Meer. Ab 1530 waren das die Ritter des Johanniterordens. Aus Rhodos, wo sie zuvor saßen, von den Heeren des osmanischen Sultans vertrieben, bauten sie den einstigen Außenposten der Römer, Byzantiner, Araber, Normannen und Staufer zu einer Seefestung aus. Von hier aus terrorisierten sie mit ihren schnellen Galeeren die Seewege von und nach Konstantinopel. Das, so fand der osmanische Sultan Suleiman I., den man den Prächtigen nannte, musste ein Ende haben.Im Frühjahr 1565 sandte er eine Flotte mit vierzigtausend Soldaten nach Malta, die größte Streitmacht, die das Mittelmeer bis dahin gesehen hatte. Ihr erstes Ziel war die Einnahme von Sankt Elmo, denn mit seinen Kanonen beherrschte es die Zufahrt zum Großen Hafen. Aber statt der geplanten fünf Tage dauerte die Eroberung fast fünf Wochen. Dadurch gewann der Großmeister des Johanniterordens, Jean de la Vallette, wertvolle Zeit, um die Befestigungen von Senglea und Birgu zu verstärken. In den folgenden zweieinhalb Monaten rannten sich die türkischen Soldaten an den Land- und Seemauern der Ordensritter die Köpfe ein. Dann kam ein Entsatzheer aus Sizilien den Belagerten zu Hilfe. Die Osmanen gaben auf und flohen auf ihre Schiffe. Sie hatten fast dreißigtausend Mann verloren, die Verteidiger achttausend. Die Bastion des christlichen Westens hatte gehalten, Türken kehrten nie wieder nach Malta zurück.Der zweite weltgeschichtliche Moment Maltas verbirgt sich in ein paar unscheinbaren Räumen in der nördlichsten der drei Hauptbastionen des Forts. Hier befand sich im Zweiten Weltkrieg die Leitstelle der britischen Küstenartillerie auf der Insel. Im Juli 1941 versuchte eine italienische Flottille aus Schnellbooten mit Sprengstoffladung, Kanonenbooten und Ein-Mann-Torpedos, in den Hafen einzudringen. Die Briten zerstörten fast alle Boote und kaperten den Rest, nur eine Seebrücke bekam einen Volltreffer und brach zusammen; erst 2012 wurde sie neu errichtet. In jenem Sommer befand sich Malta schon ein ganzes Jahr im Belagerungszustand, denn wieder einmal blockierte die Insel den Schiffsverkehr, diesmal zwischen Nord und Süd.Ankerplatz der Reichen und Schönen: Luxusyachten im Hafen von BirguPicture AllianceHier verliefen die Nachschubwege, auf denen das faschistische Italien seine Armee in Nordafrika versorgte. Bomber und Torpedoflugzeuge der Royal Air Force schickten Mussolinis Transportschiffe auf den Meeresgrund. Deshalb begann die italienische Luftwaffe, die Flugplätze, Werften und Städte rings um den Großen Hafen mit Bomben zu belegen. Ab April 1941 wurden sie dabei von deutschen Fliegerstaffeln im Dienst von Rommels Afrikakorps unterstützt. Bis zum Herbst 1942 gab es mehr als dreitausend Luftangriffe, große Teile des Ballungsgebiets am Grand Harbour sanken in Schutt und Asche. Die Briten schickten ihrerseits Konvois, um die Insel am Leben zu erhalten. Eine Zeitlang hing das Schicksal Maltas am seidenen Faden. Im August 1942 war es ein einziger Öltanker, die SS Ohio, dessen Ankunft die Verteidigung vor dem Zusammenbruch rettete. Ihr Namensschild und Steuerrad sind im Museum von Sankt Elmo ausgestellt.Die Insel lebte zwei Jahre lang im BombenhagelWas diese zweite Belagerung der Insel für die Zivilbevölkerung bedeutete, erfährt man auf der anderen Seite des Grand Harbour. Dort residiert das Malta at War Museum in den barocken Verteidigungsanlagen von Birgu. Über eine schmale Treppe steigt man in die Unterwelt des Museums hinab, in ein vier Stockwerke tiefes Labyrinth von Schlafräumen, Unterständen, Notküchen, Krankenstationen und Funkzentralen, die allesamt direkt in den Fels gehauen wurden. Malta gehörte zu den am stärksten bombardierten Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs, vergleichbar mit Dresden oder Coventry. Heute ahnt man davon wenig, denn die meisten entstandenen Lücken wurden mit Bauten aus demselben rosa schimmernden hellen Sandstein geschlossen, den schon die barocke Architektur verwendet hatte.Das berühmteste Gemälde der Insel: Caravaggios „Enthauptung Johannes des Täufers“ aus dem Jahr 1608Picture AllianceWie aber kamen die Briten nach Malta? Eine mögliche Antwort gibt ein Besuch im berühmtesten Gotteshaus Vallettas, der Ko-Kathedrale von St. John’s, die von außen wie eine schlichte Gemeindekirche aussieht, sich innen aber als wahre Schatzkiste des Johanniterordens entpuppt: Decken- und Tafelgemälde des Barockmeisters Mattia Preti, vergoldete Reliefs an Pfeilern und Kuppelwölbungen, marmorne Grabmäler zwischen Porphyrsäulen in den Kapellen der verschiedenen „Zungen“, der Nationen, aus denen sich der Orden rekrutierte, Grabplatten mit üppigen Einlegearbeiten im Kirchenboden. Das wichtigste Kunstwerk aber hängt in einem Seitenraum rechts neben dem Haupteingang: Caravaggios „Enthauptung Johannes des Täufers“ von 1608.Im selben Jahr war der Maler nach Malta gereist, verfolgt von den Häschern des Papstes und getrieben von der Hoffnung, durch Aufnahme in den Orden jenen Adelstitel zu erringen, der ihm in Rom verwehrt geblieben war. Nur achtzehn Monate später musste er wieder von der Insel fliehen, nachdem er bei einer Straßenschlägerei einen anderen Ritter erstochen hatte, im Kerker des Forts St. Angelo auf Birgu eingesperrt und als „verdorbener und stinkender“ Übeltäter aus der Ordensliste gestrichen worden war. Die „Enthauptung“, das größte Bild, das Caravaggio je gemalt hat, wirkt wie eine Prophezeiung dieser Ereignisse, denn es verlegt den Tod des Täufers in eine düstere Gefängniswelt, in der die zuschauenden Wächter, der Henker, der Schlüsselmeister und die Magd mit der Schale für den abgeschnittenen Kopf einen Kreis um Johannes bilden. Eine Blutlache ergießt sich aus dem Hals des Hingerichteten, und mit diesem Blut hat der Maler seine Signatur gezeichnet.Kirchen und Türme aus Sandstein: Skyline der Hauptstadt Valletta bei NachtPicture AllianceDer Reichtum von St. John’s Co-Cathedral und die Caravaggio-Episode verraten viel über die Situation des Ordens nach der türkischen Belagerung. Mit den reichlich fließenden Spenden aus dem christlichen Europa konnten die Johanniter den Grand Harbour zur stärksten und prächtigsten Festung im Mittelmeer ausbauen. Aber ihre Moral und Wehrhaftigkeit sanken. Der Zölibat, zu dem sie sich verpflichtet hatten, führte zu einem Boom der Prostitution, die Seepiraterie machte sie zu Sklavenhaltern und -händlern. Zudem machten sich auch in der Mittelmeerwelt die neuen Großmächte England und Frankreich breit. Als Napoleon auf dem Weg nach Ägypten mit seiner Flotte im Sommer 1798 vor Malta aufkreuzte, ergaben sich die Ritter fast ohne Widerstand. Zwei Jahre später eroberten ein britisches Landungskorps, unterstützt von einem Aufstand der Einheimischen, die Inselhauptstadt. Der Kiesel im Hals des Mittelmeers wurde zum Pfeiler in der Sicherheitsarchitektur des Empires. Bis 1964 regierten in Valletta britische Gouverneure.Die heißen Sommer führen zu StromausfällenHeute ist Malta eine blühende Republik unter dem Dach der Europäischen Union. Das Durchschnittseinkommen liegt über dem der EU, gut dreieinhalb Millionen Touristen kommen jährlich hierher. Aber unter der glänzenden Oberfläche macht sich Unruhe breit.
Die Insel Malta und ihre düsteren Geheimnisse
Die Insel Malta hat mehr zu bieten als Strände und blaue Buchten. Jahrhundertelang war sie ein wichtiger Stützpunkt für Ordensritter und britische Flotten – und für kurze Zeit eine Zuflucht für den Maler Caravaggio.








