Nicht jede Heldenreise hält auf den zweiten Blick den Kriterien einer solchen stand. So ist es auch bei der von Caroline Maria Bolte. Dabei bietet ihre Geschichte so vieles: Blut – ein bisschen zumindest. Schweiß, ziemlich viel sogar, und auch ein paar Tränchen. Etwas Entscheidendes fehlt aber, um die Erzählung der sportlichen Außenseiterin, die binnen 52 Stunden die internationale Läuferszene aufmischte, perfekt zu machen: das Drama. Ohne Drama fühlt sich so eine Heldenreise ein bisschen ziellos an, oder nicht?Caroline Maria Bolte zuckt mit den Schultern. Sie kann vieles. Fast 350 Kilometer ohne längere Pausen laufen, beispielsweise. Aber Drama auf Knopfdruck liefern? Da muss die zierliche, aber keineswegs zerbrechliche Frankfurterin passen. Für Dramen sind andere zuständig. Und nein, künstlich das Erlebte ausschmücken, um es noch unglaublicher erscheinen zu lassen, das macht die Einunddreißigjährige auch nicht.Aber der Reihe nach. Die Heldin in dieser Geschichte trägt kein Cape, sondern Sportschuhe. Und sie muss auch nicht gegen Schurken kämpfen, sondern lediglich länger joggen, als es ihre Mitstreiter tun. Klingt einfach – und sieht auch so aus. Zumindest bei Bolte. Sie hat Mitte August an ihrem ersten Backyard Ultra, dem sogenannten Last Soul Ultra, in Norddeutschland teilgenommen. Ein Sportevent, das einfachen Regeln folgt. Die Teilnehmer starten zu jeder vollen Stunde gemeinsam auf eine 6,76 Kilometer lange Runde und müssen diese innerhalb von 60 Minuten beenden. Die verbleibende Zeit können sie zur Erholung nutzen. Wer es nicht rechtzeitig ins Ziel schafft, scheidet aus. Der Wettkampf endet erst, wenn nur noch eine Person übrig bleibt.Dank Videobewerbung im TeilnehmerfeldDabei ist der Last Soul Ultra nicht irgendein Backyard-Format, wie es derzeit vielerorts in der Laufszene angeboten wird, sondern hat sich für viele Zuschauer zu einem medialen Großereignis entwickelt. Das von dem Extremläufer und Content Creator Kim Gottwald ins Leben gerufene mehrtägige Lauf-Event wurde professionell begleitet: mit einem Livestream in deutscher und englischer Sprache, Drohnenaufnahmen und Einblicken in die Camps der Läufer. Tausende Zuschauer haben die Sportler über mehrere Tage und Nächte hinweg virtuell verfolgt – und das, obwohl die Dramaturgie der Ereignisse recht überschaubar ist. Knapp 170 Menschen laufen Runde für Runde den gleichen Kurs ab. Genauso lange, bis nur noch eine Person durchhält. Das kann lange dauern. Im konkreten Fall: 94 Stunden. Den Sieg holte sich der Amerikaner Mark Dowdle nach mehr als 600 Kilometern.Aber auch Außenseiter, die sich per Losverfahren oder über eine Videobewerbung einen Startplatz sichern konnten. Bolte ist eine von ihnen. Sie kennt alle. Niemand kennt sie. Mehrere Marathons hat sie schon in ihrer Laufkarriere absolviert. Ihre Bestzeit liegt bei 3:01:21. Aber das hier, das ist etwas anderes. Ein Lauf, dessen Länge völlig offen ist. In diesem Rennen geht es darum, strategisch zu laufen. Wer die Runde schnell absolviert, kann längere Pausen machen. Um zu essen, zu trinken, die Schuhe zu wechseln, auf Toilette zu gehen, sich behandeln zu lassen oder sogar zu schlafen.Es ist Freitag, 14 Uhr, 36 Grad, die Glocke wird geläutet, auf geht es in die erste Runde. 6,7 Kilometer durch Wald, Feld und über Asphalt. Was die Zuschauer an den Bildschirmen an diesem Tag nicht sehen: Runde null hat mehrere Monate zuvor schon begonnen. Im Februar hat Bolte von ihrer erfolgreichen Videobewerbung erfahren und ihren Körper gezielt für die außerordentliche Belastung trainiert. Sie hat die wöchentlichen Laufkilometer hochgeschraubt. Oft standen 100 Kilometer und mehr auf der Uhr. Zudem hat sie Krafttraining in ihren Plan eingebaut und noch bewusster Ruhezeiten eingehalten. Und sie hat die Zeit genutzt, ihr Team zusammenzustellen. Denn zu so einem Abenteuer bricht man nicht allein auf. Kein Held ohne Helfer. „Es sind alles Menschen, die ich gut kenne und denen ich vertraue.“Teamarbeit und akribische VorbereitungIhr Partner Mathis Ohlig ist die ganze Zeit an ihrer Seite, planerisch hat sich ihre Freundin Sophie Both in das Thema eingearbeitet, Freundin und Medizinstudentin Lorena Ganter ist dabei, ebenso ihr langjähriger Physiotherapeut und Laufpartner Mark Ong. „Der kennt einfach meine Beine.“Alle vier teilen die Liebe zum (Lauf-)Sport, machen Boltes Vision zu ihrer eigenen. Mit zwei Autos reisen sie an. Zelt, Schlafsäcke, Campingkocher, zehn Paar Laufschuhe, zwei Boxen mit Socken, darunter „Turbosocken“ und „supergute Socken“. Dazu noch Essen. Sehr viel Essen. Gels, Nudelgerichte, Reis, Kartoffeln, Weingummi. Sie alle wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie einen entscheidenden Denkfehler bei der Planung gemacht haben: Bolte wird so lange laufen, dass nicht nur sie nahezu ununterbrochen 52 Stunden auf den Beinen sein wird, sondern auch das gesamte Team mehr als zwei Tage und Nächte am Stück kaum Schlaf findet. Die Autos fahren andere nach Hause. Das Team Frankfurt ist nach diesem Rennen schlichtweg zu müde.Alle, bis auf Bolte. Denn deren Energie scheint endlos. Sie läuft. Runde eins, Runde zwei, Runde acht, es wird dunkel, es wird hell, Runde 16, Runde 30. Hell, dunkel, hell, dunkel. Hin und wieder hört sie Musik. Deutsch-Rap. Sie unterhält sich mit den Mitläufern. Irgendwann antworten ihr immer weniger. Die einen sind schon längst ausgeschieden, andere laufen, je weiter das Rennen fortschreitet, für sich, wollen allein sein mit ihren Gedanken und mit dem inneren Kampf. Weil Bolte weder mit Muskeln noch mit ihrer Mentalität zu kämpfen hat, schaltet sie einfach in den Modus des Genießens – und lächelt. Nichts lässt Mitläufer, deren Kräfte zu schwinden drohen, so sehr an der eigenen Leistungsfähigkeit zweifeln wie ein gut gelaunter Konkurrent.Lockerungsübungen: Physiotherapeut Mark Ong war im Helferteam. Er hat zwischen den Runden dafür gesorgt, dass Läuferin Caroline Maria Bolte wieder mit frischen Beinen ins Rennen einsteigen kann.Emil EichingerZuschauer und Mitstreiter registrieren schnell, dass hier eine an den Start gegangen ist, die mehr erreichen kann, als sie selbst vielleicht ahnt. Bolte selbst gibt an, in der Vorbereitung nie länger als 81 Kilometer am Stück gelaufen zu sein. Das sei bei einer Rennsimulation im Stadtwald gewesen.Die Zuschauer, die das Rennen zu Tausenden im Livestream verfolgen, wollen mehr von „dieser Caro“ erfahren. Einfach, weil sie Spaß zu haben scheint an einem Wettbewerb, der nach einer gewissen Rundenzahl nicht mehr auf Spaß ausgelegt ist.„Wer ist diese Caro?“, schreibt einer im Chat. „Sie ist eine mentale Macht“, antwortet Physiotherapeut Ong Tage später auf genau diese Frage. Und sie ist eine Teamspielerin. Sie vertraut zwar ihrem Körper. Aber noch mehr ihren Freunden. Ihre Leistung hat sie komplett in die Hände derer gelegt, die sie seit Jahren begleiten. Zuvor haben die Helfer sich akribisch auf den Einsatz im Camp vorbereitet. Sie haben Hochrechnungen aufgestellt: Wie viele Kalorien benötigt Bolte je Runde? Wie viel Flüssigkeit muss sie zu sich nehmen, wie viel Glukose, wie viele Elektrolyte? Alle Daten wurden zuvor analysiert, die Nahrung präpariert. Je Loop, so die Ansage, muss ein Gel verzehrt werden, außerdem immer wieder auch feste Nahrung wie Nudeln oder Reisgerichte. Und Müsliriegel. Unzählige. „Ich habe gegessen wie auf einem Kindergeburtstag. Meine armen Zähne“, erinnert sich Bolte.Den vier Freunden hat sie zudem die Erlaubnis erteilt, sie aus dem Rennen zu nehmen, sollte sich der Eindruck erhärten, die Belastung könnte ihrer Gesundheit schaden. „Es gibt einen Punkt, da muss man für den Athleten sprechen“, sagt Ong. „Wenn du zwei Tage durchmachst, bis du nicht mehr zurechnungsfähig.“Schluss nach 52 Stunden und knapp 350 KilometernAber wenn Bolte eines auszuzeichnen scheint, dann ein gutes Körpergefühl und die Fähigkeit, für sich selbst einzustehen. Sie hat sich nicht nur körperlich vorbereitet, sondern auch mental. Hat Atemübungen trainiert, um sich selbst zu regulieren, sich Strategien zurechtgelegt, sollte der Kopf den Körper überlisten wollen. Sie sollte sie brauchen. In der ersten Runde der zweiten Nacht sei da plötzlich ein mentales Loch gewesen, erinnert sich Bolte. Die Runde habe sich anders angefühlt als all die vielen zuvor, sagt sie. In dieser Nacht entschied sie sich bewusst dafür, die Zweifel anzunehmen, ohne sie kleinzureden. „Vielleicht müssen ein paar Loops keinen Spaß machen. Dann arbeite ich sie eben ab“, so ihre Haltung. Schon in der nächsten Runde sei der innerliche Kampf überstanden gewesen, das Selbstvertrauen zurückgekehrt. Bolte geht immer wieder an den Start. Sie kommt immer wieder ins Ziel, läuft in diesem Format weiter, als es je eine Frau in Deutschland getan hat. 50 Minuten benötigt sie im Schnitt für eine Runde. Zehn Minuten bleiben ihr meist, um sich neu zu sortieren.„Ich konnte einfach Runde um Runde dem Sport nachgehen, den ich liebe“, sagt sie rückblickend. Dabei, so sagt sie, sei sie nie ein Wettkampftyp gewesen. Ein Lauftyp ohnehin nicht. „Ich fand das früher ganz schrecklich.“ Für ihre Abiturnote habe sie einen Zwei-Kilometer-Lauf in einer möglichst schnellen Zeit absolvieren müssen. Die Leidenschaft für den Sport habe sie erst entwickelt, als der Druck verschwunden sei, laufen zu müssen. Heute will sie laufen. Um abzuschalten, den Körper zu spüren, die Welt zu entdecken. „Man kann einfach loslegen. Ich mag das Rhythmische. Man kann es mit anderen teilen, muss es aber nicht.“Aber Bolte, studierte Psychologin, teilt ihre Leidenschaft gerne. Sie hat über den Sport einen festen und engen Freundeskreis gefunden, leitet eine Tempogruppe bei den Adidas Runners in Frankfurt. Und sie hat immer wieder im Training erlebt, dass es lohnt, Grenzen zu verschieben, sie aber nicht zu übergehen. „Für mich steht an oberster Stelle die Leidenschaft fürs Laufen und meine Gesundheit. Zeiten und Erfolge, das ist alles zweitrangig.“25.000 Follower auf InstagramUnd so, ganz ohne Drama und fast ohne Leid, verkündet sie in Runde 52, nach 348 Kilometern, überraschend ihr Aus. Keine Tränen, kein Zweifel an ihrem Entschluss, dafür aber die volle Unterstützung durch ihr Team. Bis hierhin, so sagt sie, kurz nachdem sie die Glocke geläutet hat, die das Ausscheiden besiegelt, habe es sich einfach nur gut angefühlt. Und das wolle sie konservieren. Sie wolle ihrem Körper nicht schaden, obwohl er ihr klar signalisiere, noch weiterlaufen zu können.Eine Aussage, die nicht in ein Format passen will, das eher martialisch wirkt. Laufen, bis nichts mehr geht, bis nur noch eine „Seele“ steht. Den Entschluss, auszusteigen, respektiert ihr Team. Wenig später, im Camp, fließen dann doch ein paar Tränen. Der Erleichterung, der Freude über das gemeinsam Geleistete – und der Erschöpfung. „Das ist Caro. Sie ist einfach wertestark“, sagt Ong.Der Ausstieg aus dem Rennen, obwohl die körperlichen Grenzen noch nicht ausgereizt wurden, wird im Internet gefeiert. Weil Bolte damit als Sportlerin eben nicht propagiert, dass es am Ende nur um „höher, schneller, weiter“ geht, sondern auch darum, den eigenen Körper zu achten. 1000 Follower hatte sie vor dem Rennen auf der Plattform Instagram, mehr als 25.000 sind es danach. Viele haben ihr in den Tagen nach dem Lauf geschrieben. Dass sie durch sie inspiriert worden seien, wieder die Laufschuhe zu schnüren. Nicht, um Rekorde zu brechen, sondern um zu sehen, wohin die Reise gehen kann. Bolte ist nicht zur Heldin geworden, weil sie Grenzen überschritten, sondern weil sie sie eingehalten hat.Die Frankfurterin weiß, dass Extremläufe im Allgemeinen, Formate wie der Last Soul Ultra im Besonderen, in der Kritik stehen. Sie machten, so heißt es, eine körperlich und psychisch extreme Ausnahmesituation zum unterhaltsamen Social-Media-Spektakel – wobei körperliche Schäden in Kauf genommen würden und die Belastung, die durch Erschöpfung und Schlafentzug entstehen könne, nicht richtig eingeordnet werde. „Ich verstehe die Diskussion“, sagt Bolte. „Schon ein Marathon zählt nicht zum Gesundheitssport. Aber wie viel Verantwortung kann man den Menschen abnehmen? Der Athlet muss für sich selbst entscheiden, was er mit dem eigenen Körper macht.“Sie selbst habe sich nach dem Rennen von einem Arzt das Herz checken und ein Blutbild erstellen lassen. Keine Auffälligkeiten. Eine Pause hat sie ihren Beinen trotzdem gegönnt. Schließlich wolle sie nicht nach außen transportieren, dass nach einer solchen sportlichen Belastung der Übergang in den Alltag nahtlos gelinge. Stattdessen gibt sie ihrem Körper die Zeit, die er braucht, um sich zu erholen. Was sie selbst während der 52 Runden gelernt hat? „Dass man sich große Ziele setzen darf“, sagt sie. Und dass mit guten Freunden an der Seite vieles gelingen kann, was zuvor noch unmöglich erschien. Nun klingt sie doch wie eine, um deren Schultern ein imaginäres Cape weht.