Frau Büttner, Sie sind Weltmeisterin im Ultracycling geworden: 2200 Kilometer rund um Österreich, 30.000 Höhenmeter, vier Tage, zehn Stunden und 30 Minuten Fahrzeit und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 20,66 Kilometer pro Stunde – Pausen inklusive. Wenn Sie heute noch mal am Start stehen würden und wüssten, was auf Sie zukommt: Würden Sie wieder losfahren?Das wäre eine schwere Entscheidung. Man weiß ja vorher, es wird hart, es wird wehtun, und es gibt Momente, da hat man keine Lust mehr. Aber diesmal bekam ich starke Knieschmerzen. Anfangs dachte ich: Das geht schon wieder weg. Aber es ging nicht weg.Wann ging es los mit den Schmerzen?Nach etwa 700 Kilometern. Dienstagabend war der Start. Am Mittwoch habe ich Schmerzen im rechten Knie gespürt, dann waren sie wieder weg. Später am Tag kamen sie zurück. Ich hatte eine Schlafpause und dachte: Eine Stunde Ruhe, und alles wird wieder gut. Aber das hat nicht funktioniert. Ich hatte zuvor noch nie Knieschmerzen. Keine Ahnung, woher sie kamen.Wie hält man das durch – drei Tage mit starken Schmerzen weiterfahren, mehr als 1500 Kilometer? Ich hatte Mario, meinen Physio, dabei. Der hat das Knie getapt und meinte: Es ist nichts im Gelenk, sondern irgendein Reiz. Es ist nicht überwärmt, alles gut, wir machen erst mal weiter. Mein Problem war, dass ich nicht mehr im Wiegetritt fahren konnte. Und wenn man so eine Tour nur im Sitzen fährt, kommen schnell die nächsten Probleme auf einen zu. Ich fahre sehr gern Berge, aber auch im Wiegetritt, weil da die Kraftübertragung eine andere ist. Ich habe das rechte Bein nicht mehr hundertprozentig benutzt und eine Schonhaltung entwickelt. Dann kamen Sitzprobleme dazu, und ich habe gemerkt, dass am Po wunde Stellen entstehen.Konnten Sie Ihr gewohntes Tempo halten? Nein, ich wurde langsamer. Der erste lange Berg war der Großglockner, auf den ich mich gefreut hatte, weil ich den so gern hochfahre. Er ist wunderschön. Wir sind morgens bei Sonnenaufgang angekommen, und ich musste den Berg komplett im Sitzen fahren. Oben war ich völlig hinüber.Wie oft denkt man in solchen Situationen: Es hat keinen Sinn mehr?Mein Gedanke war immer: Es sind so viele Leute mit dabei, die haben sich für dich freigenommen. Die sind selbst so müde und versuchen, dich irgendwie bei Laune zu halten. Wir sind zusammen hierhergefahren und wollen etwas mit heimnehmen. Andere hatten ihren Urlaub so geplant, dass sie bei meinem Zieleinlauf dabei sein können. Ich dachte: So viele sind gekommen – das kann ich nicht machen. Ich kann nicht aufgeben. Wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich vielleicht aufgehört. Aber Aufgeben ist gefährlich. Wenn man einmal damit anfängt, wird man es wieder machen. Und das wollte ich unbedingt vermeiden.Wie viele Leute waren in Ihrem Team?Wir waren insgesamt zu siebt. Wir hatten eine Tag- und eine Nachtschicht, jeweils drei im Pacecar, und einer ist das Wohnmobil gefahren. Für sie wurde es auch immer schwieriger, mich irgendwie zum Weiterfahren zu motivieren. Irgendwann war klar, dass ich mein Ziel, meine Bestzeit aus den vergangenen Jahren zu verbessern, nicht erreichen werde. Da war ich dann so sauer auf mich. Ich werde dann fast schon aggressiv auf dem Rad, weil ich mich so über mich ärgere.Wie viel haben Sie in den viereinhalb Tagen geschlafen?Viermal eine Stunde. Aber die Schmerzen zehren auch an der Energie, an der Fähigkeit, sich zu erholen. Es gab eine Schlafpause, aus der ich nicht richtig aufgewacht bin. Ich saß dann mehr oder weniger im Tiefschlaf auf dem Rad, bis sie mich wieder runtergeholt haben, weil ich fast in den Graben gefahren wäre. Da mussten wir länger anhalten. Das waren die ersten Momente, in denen wir uns gefragt haben: Fahren wir weiter oder nicht? Du wirst gerade nicht mehr richtig wach, und das ist sehr, sehr gefährlich.Besonders auf Abfahrten. Da kann ein Sturz tödliche Folgen haben.Ja. Ich bin da den Berg runter und habe im Headset nur gehört, wie die hinter mir im Auto geschrien haben, um mich wach zu halten. Die haben mich richtig angebrüllt. Im Nachhinein denke ich: Das war grenzwertig. Und es war dann auch der Moment, wo ich gesagt habe: Ich glaube, wir müssen aufhören. Wir haben uns dann noch einmal ein bisschen Zeit genommen und gesagt: Okay, der WM-Titel ist noch drin. Wir versuchen es, wir fahren weiter. Und da hat sich ein Schalter in mir umgelegt. Da bin ich noch einmal über den Schmerz hinausgegangen. Ich wollte es schaffen.Wie viele Kilometer hatten Sie da noch vor sich?Ungefähr 500. Irgendwie ging es. Und dann kam der letzte richtig ekelhafte Berg. Mein Team hatte sich mit Freunden abgesprochen, die schon am Straßenrand warteten. Sie alle wollten, dass ich diesen Berg nicht alleine hochfahren muss. In der Nacht bildeten sie eine Kette, alle paar Hundert Meter stand jemand und lief neben mir her, bis der Nächste übernahm. Es war wie ein Staffellauf – grandios.Wie war es im Ziel? Wann sind Sie angekommen?Morgens um sieben. Man wird mit Motorrädern abgeholt und fährt die letzten Meter hinter dem Motorrad her. Dann kommt man zu einem Platz mit einer Bühne, wo man kurz warten muss. Auf einer Leinwand sieht man schon die Übertragung. Und da habe ich gesehen, dass vor der Bühne alles voll mit unseren lila Shirts war. Da waren ganz viele Freunde und Familienmitglieder versammelt und haben auf mich gewartet. Das war Gänsehaut pur. Für uns alle. Wir lagen uns erst einmal in den Armen und haben alle geheult, weil wir so froh waren, dass wir es geschafft hatten.Wie geht es nach dieser Anstrengung und dieser riesigen Freude weiter? Bricht danach alles zusammen?Das ist schwierig. Am Tag danach war ich auf der Heimfahrt noch völlig mit den vielen Nachrichten und mit Social Media beschäftigt. Am nächsten Tag hatte mich der Alltag wieder. Unser Wohnmobil sieht noch aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, und ich arbeite auch schon wieder. Ich habe ja nur 30 Tage Urlaub im Jahr, die muss ich mir gut einteilen.Wie lange dauert es, bis Sie sich von so einem Rennen erholt haben?Bis ich wieder richtig schlafen kann, dauert es meistens zwei Wochen. Ich schlafe zwar viel, aber ich wache morgens auf und bin trotzdem nicht erholt. Auch die blauen Flecken und Wunden vom Sitzen brauchen ihre Zeit. Aber wenn ich die Knieprobleme nicht hätte, würde ich mich schon gern wieder aufs Rad setzen und die Beine ein bisschen locker bewegen. Sie arbeiten in einer orthopädischen Praxis. Was wird Ihr Chef zu Ihrem Knie und zu diesem Rennen sagen?Generell ist es so: Wenn ich zu einem Arzt gehe und sage, mir tut etwas weh, wird oft erst einmal ein bisschen gelächelt, so nach dem Motto: Ja, wunderst du dich da drüber? Aber an extreme Belastungen ist mein Körper mittlerweile ja auch gewöhnt. Und wie gesagt: Knieschmerzen hatte ich vorher noch nie.Wie lautet Ihr Fazit? Sie sind nach großen Strapazen mit dem WM-Titel nach Hause gekommen. Hat sich das Ganze gelohnt?Ja, es hat sich gelohnt. Ich habe zwischendurch unter Tränen zu meinem Team gesagt: Ich will nicht wieder, wie in den vergangenen Jahren, nur Zweite werden. Ich bin hierhergekommen, um den Titel zu holen. Ich bin glücklich, dass ich es durchgezogen habe. Das entschädigt für die Schmerzen. Und ich darf jetzt ein Jahr lang im Regenbogentrikot der Weltmeisterin fahren. Das ist etwas ganz Besonderes.
Ultracycling-Weltmeisterin Tina Büttner: "Ich saß mehr oder weniger im Tiefschlaf auf dem Rad"
Zum ersten Mal hat Tina Büttner starke Knieschmerzen, trotzdem wird sie nach mehr als 1500 Kilometern Weltmeisterin im Ultracycling. Ein Gespräch über eines der härtesten Rennen im Radsport.








