Auf samtweichen Pfoten beschleicht mich das Gefühl, dass das hier ein Fehler war. Dabei ist gerade erst ein Hundertstel dieses Radrennens vorbei, also sechs oder sieben Minuten, und ich möchte nicht daran denken, was da noch alles kommt. Sollte ich auch nicht. Ich sollte mich vielmehr auf die Straße konzentrieren. Vor fünf Minuten war im Zwielicht des frühen Morgens bei vier Grad der Startschuss gefallen, und nun rauschen 4300 Radler mit Tempo 60 oder 70 das Ötztal hinunter, dicht an dicht, durch enge Kurven und über feuchten Asphalt.Wie ein aufgeschreckter Wespenschwarm schießen sie an mir vorbei, links, rechts, links, angefeuert vom Kreischen der Freiläufe kämpfen sie jetzt schon um die Sekunden und riskieren viel, manche zu viel – und krachen in eine Verkehrsinsel, für sie ist das Rennen vorbei. Es gehört zum Wahnsinn dieses Wahnsinnsrennens, dass es die ersten 30 Kilometer bergab führt – und ich bin heilfroh, es heil bis nach Ötz geschafft zu haben. Dort beginnt der lange Anstieg ins Kühtai, die erste von vier Bergwertungen, die dieses Rennen prägen.
Ein Dreivierteljahr zuvor hatte ich mich in einem leichtsinnigen Moment des Übermuts für diese Veranstaltung angemeldet, deren Name wie ein Peitschenhieb durch die Radfahrerpsyche schnalzt: Ötztaler Radmarathon! Seit 45 Jahren führt er jeden letzten Sonntag im August durch Tirol, hinüber nach Südtirol und wieder zurück. Den Tirolern wird ja bisweilen ein Hang zum Größenwahn unterstellt. Das ist natürlich blanker Unsinn, aber wenn man eine Bestätigung für diese Unterstellung finden möchte, dann ist es dieses Rennen. Es gilt als eines der härtesten Amateur-Radrennen der Welt und ist vergleichbar mit der Königsetappe der Tour de France. 227 Kilometer und 5500 Höhenmeter sind zu bewältigen. Es geht durch 66 Kehren, 30 Tunnel und allein 99 Kilometer bergauf. 99 Kilometer bergauf! Würde man hier auch Hunde oder Pferde starten lassen, dann käme mit Sicherheit der Tierschutzverein. Bei uns kommt höchstens der Besenwagen.Gleich geht’s los: Um halb sieben Uhr morgens fällt der Startschuss in Sölden.Andreas LestiWie zum Trotz nennen die Veranstalter es ein „touristisches Rennen“. Ja ja. Genau. Ein „touristisches Rennen“, das klingt nach einer harmlosen Spazierfahrt, nur ist das hier eine Spazierfahrt, die heute ein ehemaliger Mountainbike-Weltmeister gewinnen wird und deren allgemeines Niveau so hoch ist, dass man sich als ambitionierter Hobbyfahrer vorkommt, als hätte man sich tatsächlich in die Tour de France verirrt. Am Start standen ein paar ausgezehrte 60-Kilo-Burschen neben mir. Auf ihren Lenkern hatten sie Aufkleber mit den Wattzahlen für die einzelnen Pässe. Geht’s noch humorfreier? Es waren übrigens ziemlich hohe Zahlen.KühtaisattelDas sind die Burschen, die nun in den ersten steilen Kehren hinauf zum Kühtai auf und davon sind und das Feld entzerren. Ich dagegen werde von unsichtbaren Kräften Richtung Tal gezogen, mir ist kalt und warm gleichzeitig, und die hübsche Nebeldecke, die unten im Tal wie Daunen über der Landschaft liegt, steht im absoluten Kontrast zu meiner Anstrengung. Ich sehe am Wegesrand zwei junge Männer, die in Lederhosen trommeln, Menschen, die Kuhglocken schwingen, Kühe, die Kuhglocken schwingen, und Frauen in Bademänteln, die irgendwelche Ehemänner anfeuern. Mich nicht.Die ersten 30 Kilometer des Rennens führen durchs Ötztal bergab.Jürgen SkawranAber noch bin ich gut dabei und erreiche in einer Art Trance den Kühtaisattel. Die Pässe werden am Renntag für den Autoverkehr gesperrt, und schon Hunderte Meter vor dem höchsten Punkt stehen die Massen am Straßenrand, mit Rasseln, Tröten, Soundboxen, Bannern und Plakaten, auf einem steht „Lächeln bringt Watt“. Ein anderes halten zwei junge Frauen in die Höhe, darauf steht: „Scream, if you think we are sexy“. „Yeah“, krächzt es leise aus mir heraus – immerhin beweisen sie Sinn für Humor. Ich fahre durch eine schmale Gasse aus schreienden Fans, der Lärm dröhnt in meinen Ohren, die Energie geht auf mich über, der Schweiß rinnt, und das Blut rauscht. Und für ein paar unendlich lange Sekunden komme ich mir vor wie ein Profi vor dem größten Triumph seiner Karriere. Es ist ein trügerischer Höhenflug.BrennerpassDenn von nun an geht’s bergab. Erst auf der Straße ins Inntal, dann mit meinem Körper. Die rasend schnelle Abfahrt, die Dörfer im Tal, die Fahrt durch Innsbruck, der sanfte Anstieg hinauf zum Brenner – das nehme ich alles verschwommen wie in einem Fiebertraum wahr. Ich kann mich später an kaum etwas erinnern, mein Radcomputer wird mir mitteilen, dass ich mit 93,6 km/h den Berg hinuntergefahren bin. War ich jetzt völlig übergeschnappt?Am Brenner ist eine von sechs Verpflegungsstationen, die auch den logistischen Irrsinn dokumentieren. 1300 Helfer sind an der Strecke, die unter anderem 55.000 Liter Flüssigkeit und 51.000 Energiegels bereitstellen. Davon fülle ich mir nun drei in Folge in meinen leeren Tank, esse eine Banane und ein Stück Kuchen. „Essen ist das A und O“, hatte gestern Abend der deutsche Ex-Profi Toni Palzer gesagt und „100 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde“ empfohlen. „Dodici gel“, rechnete ein Italiener neben mir. Tatsächlich verbrennt man 6000 bis 10.000 Kilokalorien während des Rennens – wollte man das ausgleichen, dann wären es nicht zwölf, sondern 30 bis 50 Gels. Palzer riet, am Kühtaisattel „nicht zu tief zu gehen“, „mit Augerl“ zu fahren, und wünschte uns „einen guten Fuß am Timmelsjoch“, was auch immer das alles bedeuten mochte.Über 4000 Radfahrer nehmen am Ötztal-Marathon teil. In Innsbruck hat sich das Feld schon etwas entzerrt.Jürgen SkarwanIch packe noch zwei Gels ein und setze mich widerwillig wieder auf mein Rad. Nun geht es nach Italien und bergab bis nach Sterzing und dann, man ahnt es, wieder bergauf.Schon Wochen vor dem Rennen hätte ich stutzig werden sollen. Wenn ich von meinem Vorhaben erzählte, gab es nur zwei Reaktionen: Bewunderung und Skepsis. „Wow“ und „Respekt“, sagten die einen. „Wirklich?“ und „Bist du dir sicher?“ die anderen. Eine Bekannte fragte mich ganz ernsthaft, ob ich „etwas nehmen würde“. Xenon zum Beispiel, das neue Mode-Doping. Anders würde man das ja nicht durchstehen. Ich wischte alles beiseite, aber jetzt weiß ich, was sie meinten. Dabei ist es nicht so, dass ich mich nicht vorbereitet hätte. Ich habe fünf Monate lang systematisch trainiert, habe an zwei anderen Radrennen teilgenommen, die auch nicht ohne waren. Aber das hier sprengt einfach jede Dimension und jede naive Prognose.Sie haben noch einiges vor sich: Rennradfahrer auf dem Weg zum Brennerpass.Jürgen SkarwanIch habe einen Trainingswissenschaftler konsultiert, habe Leistungstests gemacht, FTP-Werte ermittelt, Gewicht verloren, „Lisboa-Intervalle“ und „Rønnestad Runs“ absolviert und kam mir dabei sehr professionell vor. Die Trainingskilometer habe ich nicht gezählt. Unter 5000 braucht man gar nicht antreten, heißt es. Viele haben 10.000, heißt es auch. Der Trainingswissenschaftler fasste den Wahnsinn in einer ernüchternden Faustregel zusammen: „Du solltest das vierfache Volumen der anvisierten Wettkampfzeit vier Wochen vorher einmal in einer Woche absolvieren können.“ Wenn ich also beim Rennen nach elf Stunden im Ziel sein will, dann sollte ich 44 Stunden auf dem Rad sitzen können, pro Woche. 44 Stunden! Könnte man sich da nicht bei der Gewerkschaft beschweren? Nur bei welcher?JaufenpassSo. 140 Kilometer stehen auf dem Tacho, und nun kommt der Jaufenpass. „Der ist zum Genießen“, hatte ein Freund gesagt, der das Rennen vor ein paar Jahren gefahren ist. Sehr witzig. Ich genieße hier gar nichts, mein Körper macht nicht mehr mit, die Beine sind müde, die Muskeln zucken und das ganze Training, Lisboa, Rønnestad, FTP-Werte – alles für die Katz. Gefühlt überholt mich hier die gesamte Konkurrenz, und ich kann ihnen nur „Fahrt zur Hölle“ hinterherzischen. Die schnellsten sind jetzt, nach sieben Stunden, schon im Ziel. Wie schön wäre es, denke ich mir, wenn das Rennen nach dem Jaufenpass vorbei wäre, nach 150 Kilometern und 3500 Höhenmetern, das reicht doch. Aber nein, da kommt noch das Timmelsjoch, der schlimmste Pass von allen, der „Scharfrichter des Rennens“, wie die Veranstalter betonen. Die Italiener sagen „il mostro“, und leider kann ich mir ausrechnen, wie lange ich in diesem Tempo dafür brauchen werde. Es ist so zermürbend, dass ich kurz übers Aufgeben nachdenke. Aber nur kurz.Unter 5000 Trainingskilometern braucht man gar nicht anzutreten, heißt es. Viele haben 10.000, heißt es auch.Lukas EnnemoserGenau in diesem Moment fährt der Besenwagen vorbei. „Kann das sein?“, fragt eine Frau neben mir. „Sind wir so langsam?“ Nein, sind wir nicht, warum der Besenwagen, der hier Traumfänger genannt wird, an uns vorbeigefahren ist, wissen wir auch nicht. Mir geht das Werbevideo durch den Sinn. Es geht darin um Träume und Mythen, und zu heroischen Bildern spricht der Berg persönlich mit sonorer Stimme langsam und unheilschwanger: „Wer mich als Gegner sieht, sollte aufgeben und einen anderen Traum träumen. Nur wer mir mit Demut begegnet, dem schenke ich ein Lächeln.“ Demut, ja, aber ein Lächeln schenke ich dir nicht, du arroganter Berg. Da überholen mich ein paar junge Burschen aus Sachsen, wie unschwer an ihren Trikots zu erkennen ist. Sie schenken dem Berg ein Lächeln, sie singen sogar Lieder. Sie haben noch Spaß, und ich fahre ihnen das letzte Stück bis zum Pass hinterher.Timmelsjoch„Ausgeträumt?“ Steht auf einem Banner in einer der obszön vielen Kehren, die hinauf zum Timmelsjoch führen. Später steht da: „Manche Träume enden nie“. Sehr witzig. Es ist heiß, am Straßenrand stehen Palmen, an der nächsten Verpflegungsstation mache ich Pause, ein paar Minuten lang, trinke, esse noch mal eines dieser ekligen Gels, es ist das 14. oder 15. Das Salz klebt mir in den Augen, ich blicke in die Landschaft, und sie wirkt wie ein verschwommenes Gemälde von E. T. Compton. Ist da ein Gletscher? Eine Hütte? Ein Adler? Unter normalen Umständen fände ich das schön. Aber die Kategorie Schönheit spielt keine Rolle mehr. Noch sind es 700 Höhenmeter. Einige Teilnehmer schieben ihre Räder den Berg hoch – das meinte Toni Palzer offenbar mit einem „guten Fuß“. Zwei kleine Mädchen feuern mich an, und ich habe keine Ahnung, wo sie herkommen. Ich sehe einen pinken Löwen und zwei goldene Giraffen und bin mir nicht mehr ganz sicher, wie real diese verfluchte Gegenwart ist.Es macht so gar keinen Spaß mehr. Da sind nur noch Leiden, Qualen und Schmerzen. Krämpfe in der rechten Wade, dann im linken Oberschenkel. Ich hechle schlimme Flüche in die Bergwelt, sie raubt mir dafür den Restatem, dieses Monster.Showdown am Timmelsjoch: Der letzte der vier Pässe gilt als der härteste.Jürgen SkarwanDa ist er endlich, der Pass. Es ist kühl, windig, und diese gottverlassen karge Landschaft spiegelt meinen Seelenzustand wider. Ich möchte schlafen, aber ich muss Rad fahren. Und es geht nicht wirklich bergab. Im Gegenwind muss ich weiter treten, treten, treten, und dann geht es sogar noch mal 100 Höhenmeter bergauf zur Mautstation. Geht’s noch?Wie kann es dieser verfluchte Berg nur wagen, mich so respektlos zu behandeln? Hat er denn gar keine Achtung vor mir? Weiß der denn nicht, wer ich bin? Was erlaube Timmelsjoch? Er hat doch schon längst gewonnen, kann er es jetzt nicht gut sein lassen? Ich schüttle den Kopf, schlage mit der Hand auf den Lenker und schreie: „Das gibt’s doch nicht!“ Aber keiner ist da, keiner hört es. Ganz im Gegensatz zu den Massen am Kühtai ist es nun ein einsames Rennen, bis zur letzten Rechtskurve, die über die Brücke in Sölden ins Ziel führt.Es gibt so viele Erzählungen von Euphorie und Endorphin, von diesem Glücksgefühl beim Überqueren der Ziellinie. Von wegen. Bei mir ist da nur Empörung, Zorn und Wut, die in meinem pechschwarzen Gemüt zu Staub zerfallen. Ich war über elf quälende Stunden unterwegs und fühle mich um Jahre gealtert. Ich frage mich, ob ich mein Rad direkt bei Ebay einstellen soll. Es wird bald dunkel, und ich verstehe das alles überhaupt nicht. Wo ist der Tag geblieben? Bin ich irgendwo auf dem Timmelsjoch in den Sog eines schwarzen Loches geraten und nun in einer anderen Zeit gelandet? Zerstört und leer schaue ich auf den Berg und hauche mit letzter Kraft: „Wir sehen uns wieder, du blöde Arschgeige!“Der Ötztaler Radmarathon findet an diesem Sonntag statt, Start ist in Sölden. Alle Infos zum Rennen, Rahmenprogramm, zu Straßensperrungen und Unterkünften gibt es hier. Das Rennen auch live übertragen. Die Startplätze für das diesjährige Rennen sind bereits alle vergeben. Für das Rennen im Jahr 2027 kann man sich vom 1. bis 31. Januar für 5,90 Euro hier registrieren. Danach werden unter den registrierten Personen Startplätze verlost. Das Nenngeld beträgt dann einheitlich 199 Euro.






