Michael Ohler bleibt tagelang in Bewegung, läuft Hunderte Kilometer am Stück. Inmitten dieses Extremrennens sucht er eine Antwort auf die Frage: Wo liegt die Grenze des menschlichen Körpers?Nils Frenzel27.06.2026, 05.30 Uhr11 LeseminutenSpäter wird er sagen, er habe es schon Dutzende Kilometer zuvor gewusst. Dass da etwas ist an seinem Körper. Ein Symptom. Eine Wunde. Ein Fehler im System. Ein kleiner, kaum sichtbarer Faktor, der ihn aus diesem Rennen und irgendwie auch aus diesem Leben und dieser Gemeinschaft nimmt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist Samstagnacht in Witikon. Nach 241,2 Kilometern läuft Michael Ohler aus einem Waldstück auf den beleuchteten Start-Ziel-Bereich des Rennens zu. Dieser eigentlich so entscheidende Abschnitt des Witiker Backyard-Ultras ist minimalistisch aufgebaut: ein aufgeblasener Startbogen, eine Digitaluhr mit roten LED-Ziffern, ein paar Helfer verteilen an einem Holztisch warmes Essen an die Sportler.Seit 36 Stunden läuft Ohler. 36-mal war er schon hier. Jedes Mal ist er direkt zu seinem Pavillon gelaufen, um sich zu versorgen. Dieses Mal weicht er von seinem System ab. Er bleibt neben der roten LED-Uhr stehen. Daneben zeigt ein Bildschirm die Liste der Athleten und ihre absolvierten Runden an – von den 106 Läufern, die am Freitagmittag gestartet sind, sind noch 5 übrig –, Ohler ignoriert den Bildschirm, schaut nur auf die Uhr.Mal sind es Bananen, dann ein Marmeladenbrot: Andere Läufer kalkulieren das, was sie essen streng nach Nährwerttabellen. Michael Ohler hingegen isst, worauf er Lust hat.Beim Backyard-Ultra entscheidet die WillenskraftEin Backyard testet die Teilnehmer zu jeder vollen Stunde: Wollen sie wirklich im Rennen bleiben? Wirklich schon wieder loslaufen? Bei jedem anderen Laufformat rückt die Ziellinie mit jedem Meter näher – Halbmarathon, Marathon, 100-Kilometer-Lauf; egal, wie lang ein Lauf ist: Jeder Schritt eines Athleten wird belohnt. Auch wenn bei Kilometer 35 eines Marathons alles schmerzt, das Ziel hat eine klare Kilometerangabe, der Gedanke daran, dass es mit jedem Schritt ein bisschen weniger wird, was man noch aushalten muss, das setzt Kräfte frei.Nicht so im Backyard-Format. Hier ist es nicht die Strecke, die einen Athleten fordert, sondern die Unsicherheit: 24 Stunden, 30 Stunden, 72 Stunden – niemand weiss, wie lange er durchhalten muss, um zu gewinnen. Die Regeln des Backyard-Ultras sind einfach und brutal: Jeder Teilnehmer hat eine Stunde Zeit, einen 6,7-Kilometer-Rundkurs zu beenden. Dann kommt er im eigenen Pavillon an, im eigenen Zelt, der Läufer kann essen, kurz schlafen – oder einfach ins Auto steigen und nach Hause fahren. Entscheidend ist hier die Willenskraft: Wenn die Signalpfeife tönt, muss man wieder an den Start – und die nächste Runde laufen. Wer das nicht rechtzeitig schafft, wird disqualifiziert und mit «DNF» vermerkt, «did not finish». Der Backyard-Ultra ist ein Last-Person-Standing-Format: Es gibt nur einen Sieger.Bei der Weltmeisterschaft 2025 in Tennessee hielt der Belgier Ivo Steyaert bis zur 113. Runde durch, 757,7 Kilometer. In jedem anderen Sport wäre das wohl eine Medaille. Vielleicht ein Rekord. Beim Backyard-Ultra ist das anders: Wer als Erster und wer als Letzter aufgibt, ist eigentlich egal. Vielleicht ist es sogar das schlimmstmögliche Ergebnis, in diesem Format der Zweitbeste zu sein: Das bringt einem den Titel des sogenannten «Assist»; indem der Belgier aufgegeben hat, verhalf er dem Australier Phil Gore zum Triumph. Steyaert ist knapp 113 Stunden gelaufen, mehr als 750 Kilometer – für den Beweis, dass die Leistung seines Konkurrenten noch grösser war.Diese Brutalität und der Sportler Michael Ohler scheinen nicht zueinander zu passen. Ohler ist 58 Jahre alt, zweifacher Familienvater und arbeitet seit über dreissig Jahren bei einem Technologiekonzern. Seinen letzten Beitrag auf Strava – einer Social-Media-Plattform, auf der Ausdauersportler ihre Leistungen präsentieren – hat er vor mehr als vier Jahren veröffentlicht. Wenn Ohler vor einem steht, muss man sich manchmal nach vorne beugen, um ihn zu verstehen – er ist eher Typ Mönch als Extremsportler. Und doch: Sein Backyard-Rekord sind 50 Runden, 335,3 Kilometer. Gross und drahtig ist er auch; schon wenn man ihn an einem normalen Tag trifft, ohne Hunderte Kilometer in den Beinen, hat man das Gefühl, er sei untergewichtig. Jetzt, nach Tagen des Laufens, sieht er aus, als hätte das Rennen inzwischen Teile seines Körpers abgetragen. Er schläft während der Rennen nicht, meditiert nur. Er sagt, er habe beim Laufen auch schon Halluzinationen gehabt. «Der Schlafmangel verschiebt die Wirklichkeit. Bäume werden Figuren, Steine werden Tiere», sagt Ohler. «Schon irre.»Seit Jahren tut er sich dieses Format immer wieder an, das Leid, von Runde zu Runde immer weiterzulaufen. Warum?Ohler schaut auf das Gras unter sich, dann wieder hoch. Er schweigt eine halbe Minute. Wer kennt denn wirklich seine körperliche Grenze? «Ich nicht», sagt Ohler. «Aber ich bin ziemlich nah dran.»Manche Athleten haben ein Kamerateam, Ohler sein HandyIn den vergangenen Jahren ist die Ultra- und Backyard-Szene immer grösser geworden, 2025 waren es weltweit bereits 484 Veranstaltungen, Tendenz steigend. In der Schweiz zeigt sich der Trend besonders klar: Während 2019 noch kein einziger Backyard-Ultra gelistet war, waren es 2025 bereits zwölf Rennen mit insgesamt 613 Teilnahmen. Die Veranstaltung in Witikon war nach wenigen Stunden ausgebucht.Schon 187.6 Kilometer ist Michael Ohler hier gelaufen. Aber aufhören? Für ihn keine Option.Auch Sport-Influencer haben Backyard-Ultras für sich entdeckt: Auf Youtube posten Athleten ihr Lauftraining, in Podcasts besprechen sie ihre Ernährungs- und Laufstrategien. Zu den Veranstaltungen begleitet sie ein eigenes Kamerateam.Ohler macht bei Rennen nur ein paar Erinnerungsfotos, Selfies mit befreundeten Athleten.Kurz vor ein Uhr, SamstagnachtDiesmal, bei dem Rennen in Witikon, steht Ohler immer noch neben der roten LED-Uhr – kurz vor eins, Samstagnacht. Seine Wangen sind eingefallen, sein Körper zittert in der Kälte. Da ertönen drei Pfiffe. Drei Minuten noch, dann geht das Rennen weiter.Michael Ohler schüttelt den Kopf, spätestens jetzt drängt die Zeit auf eine Diagnose. Ohler stellt das linke Bein auf eine Holzbank und zieht die Socke herunter. Mit seiner Stirnlampe leuchtet er auf ein paar blutige Kratzer – und da, kurz über seinem Fussgelenk, ein roter, kreisförmiger Punkt. Mittendrin sitzt ein Tierchen.«Sag mir eine Sache», sagt Ohler, «wozu Zecken gut sind.» Er setzt sich auf die Bank, streckt die Beine durch. Der Schmerz der letzten Tage zeigt sich in seinem Gesicht.Das Rennen beginntDonnerstag, 16 Uhr in Witikon, Zürich. Noch 18 Stunden bis zum Start des Rennens. Ein kleiner Sportplatz, dahinter ein Waldstück, in dem der Backyard verlaufen wird. Pavillons werden aufgebaut, Zelte, Campingstühle, Kisten mit Essen verstaut. Wer etwas erreichen will, kommt früh, damit er näher am Start-Ziel-Bereich steht – das spart Meter. Nach 30 oder 40 Stunden Dauerlauf bedeuten selbst ein paar Meter weniger etwas, sobald man sie zurücklegen muss, um etwas zu essen, zu trinken oder um wenigstens ein paar Minuten zu dösen. Auch die Psyche spielt mit: Wer weiter entfernt steht, sieht andere Teilnehmer sich versorgen, während er selbst noch quälende Meter gehen muss.Hirschtalg und Babypuder an den Füssen sollen die Haut geschmeidig halten und so auch Blasen verhindern.Am Vorabend des Rennens pfeift der Wind durch die Zelte. Es regnet. Ohler isst eine Dose Ravioli und trinkt ein Weissbier aus der Dose. Von aussen betrachtet, wirkt die Veranstaltung noch eher wie ein Musikfestival ohne Bühne. Und der Zusammenhalt ist hier ähnlich hoch: Der Pavillon von Flo Müller, einem dreissigjährigen Teilnehmer aus der Schweiz, wird vom Sturm weggefegt. Michael Ohler lässt den Konkurrenten bei sich unterkommen.Müller und Ohler kennen sich seit Jahren, trafen sich immer wieder bei solchen Extremrennen. Wenige Stunden vor dem Start sitzen die beiden nebeneinander in ihren Stühlen. Müller hat einen Freund zum Rennen mitgebracht, der ihm während des Laufens helfen wird – Getränke reichen, reden, bei einem Power-Nap zudecken.Michael Ohler hat niemanden dabei, neben seinem Stuhl steht ein Foto seiner neugeborenen Enkeltochter. Um ihn herum stapelt sich Essen: Snickers, Energy-Gele, Kartoffelbrei in Dosen, genug für mehrere Tage. Kurz vor dem Start schmiert er sich die Füsse mit Hirschtalg und Babypuder ein. Das soll die Haut geschmeidig halten, Feuchtigkeit binden und die Reibung in den Socken verringern, damit keine Blasen entstehen. Dann setzt er sich wieder in seinen Liegestuhl und schliesst die Augen.Um 12 Uhr beginnt das Rennen. Startsignal. Niemand rennt besonders schnell los. Nur keine Kräfte verschwenden. Es geht beim Backyard auch darum, möglichst nachhaltig mit der eigenen Energie zu haushalten. Ist man langsam, bleibt nach absolvierter Runde weniger Zeit bis zur nächsten, um sich auszuruhen. Läuft man schnell, hat man zwar mehr Erholungszeit, aber der Körper wird stärker belastet.Fast 200 Kilometer, das zehrt am Körper. Um weiterzumachen, braucht es Energie. Ohler entscheidet sich für eine Schüssel Reis mit Ahornsirup.Ohler isst, worauf er Lust hat: MarmeladenbrotFür seine erste Runde braucht Ohler 48 Minuten, er greift zu Salzbrezeln. «Alles in Ordnung», sagt er und wirkt aufgeweckter als vor dem Start. Nach der zweiten Runde erzählt er, er habe sich «total verquatscht». Mit jeder Runde wirkt er gelöster, als sei das Laufen sein natürlicher Zustand und das Stehenbleiben das, was ihn lähmt.In der dritten Runde kommt Ohler nach 46 Minuten und 17 Sekunden ins Ziel; seine bis dahin schnellste Runde. Ohler muss planen, Regen hat eingesetzt. Die wenigen Meter vom Startbereich zu seinem Pavillon redet er nicht, mechanisch greift er zu einer Regenjacke und zieht sich im Stehen um, lässt sich dann in den Stuhl fallen und schmiert sich im Sitzen ein Marmeladenbrot.Beim zweiten Pfiff geht er raus auf die Strecke. Die vierte Runde beendet er nach 45 Minuten und 39 Sekunden. Noch einmal schneller. Der Regen hat aufgehört, also wieder umziehen. Pavillon auf. Jacke an die Garderobe, Wechsel in eine kurze Hose. Alles mechanisch, alles einstudiert.Um 18 Uhr setzt wieder Regen ein. «Das ist sauhart jetzt», sagt Ohler, «auch für die kommenden Runden.» An der Verpflegungsstelle gibt es Kartoffelsalat und Maultaschen, Ohler lehnt ab. «Liegt zu schwer im Magen», sagt er und isst Brot mit Marmelade. Während andere Läufer im Pavillon Salzkapseln zählen, Gele sortieren und Trinkstrategien besprechen, isst Ohler, worauf er gerade Lust hat. Jahrzehntelange Erfahrung, sagt er, habe ihn dazu gebracht, statt auf Tabellen auf sich selbst zu hören.Extremläufer rennen durch die Nacht und in den nächsten Tag hinein, ohne zu schlafen. Irgendwann bringt jede neuen Runde sie näher an die Grenze ihres Körpers.Es muss weitergehen – irgendwieUm 20 Uhr bekommt Ohler die erste Krise. Runde 8. Viel zu früh eigentlich.Die Beine schmerzen, der Regen setzt ihm zu. Er schüttelt den Kopf, als könne er nicht glauben, dass es schon jetzt schwierig wird. Seine Runden werden langsamer, zwölf Minuten bleiben ihm im Schnitt, um wieder auf die Strecke zu gehen. Er spricht kaum, reagiert gereizt. Andere würden sich jetzt fragen, warum sie eigentlich an diesem Rennen teilnehmen, Ohler hingegen reduziert seine Welt auf die nächsten notwendigen Handgriffe. Trinken. Essen. Beine lockern. Nichts dramatisieren. Nicht zu sehr in die Zukunft starren. Denke immer nur bis zum nächsten Loop.Ohler kennt diesen Mechanismus. Er läuft nicht gegen eine Uhr, nicht einmal wirklich gegen die anderen Läufer. Er läuft gegen die Verführung, einfach aufzugeben.Dieses Rennen verläuft nicht linear. Der Backyard läuft in Wellen, und vielleicht ähnelt er gerade deshalb irgendwie dem Leben: Man hat Phasen, in denen alles leicht wirkt, fast selbstverständlich, die Beine laufen, der Kopf ist klar – und dann kippt etwas, und man muss aus dem, was passiert ist, herauskommen. Irgendwie muss es weitergehen.Als die Stunden voranschreiten und sein Schmerz grösser wird, wird Ohler noch schweigsamer. Er sitzt länger in seinem Stuhl, legt die Hände auf den Kopf, atmet tief ein und aus. Er verliert Farbe im Gesicht, zittert beim Aufstehen, schaut sich manchmal im Zelt um, als frage er sich, wo er gerade sei – und warum überhaupt.Du willst ein neues Leben? Dann lauf einen MarathonUm 1 Uhr zieht Ohler seine Socken aus. Am linken grossen Zeh hat sich eine Blase gebildet. Er sticht sie auf, klebt ein Pflaster darüber, legt die Utensilien zurück in einen Verbandskasten, auf dem «Füsse» steht. Aus medizinischer Sicht ist das heikel: Eine geschlossene Blase schützt die verletzte Haut darunter vor Keimen. Aber im Backyard gilt eine andere Logik: Die Blase würde bei jedem Abdruck spannen, scheuern. Ohler will die Blase nicht schön ausheilen lassen, er will den Druck loswerden. Sofort.Der Langstreckenläufer Emil Zatopek hat einmal gesagt: «Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben kennenlernen willst, lauf einen Marathon.» Den Marathon haben sie hier seit der siebten Runde hinter sich. Gegen 4 Uhr am Samstag läuft ein Remix von «Maniac».Was nicht in den Regeln steht, aber vor Ort passiert: Gele und Honig werden untereinander verteilt, man gratuliert sich zu den Leistungen, nach 100 Meilen wird ein Zielbanner ausgerollt; die Menschen, die nicht mehr weiterlaufen, werden von den anderen Läufern, anderen Crew-Mitgliedern und Helfern wie Sieger gefeiert. Ja, der Backyard ist seinen Regeln nach ein brutaler Event; der Lauf ist aber eben auch ein Treffen von Gleichgesinnten. 107 von 108 Läufern werden ein «DNF» kassieren – auch das schweisst zusammen.Um zu Schlafen sind die Pausen zu kurz. Ein menschlicher Körper aber braucht Ruhe, soll er nicht zusammenbrechen. Also versetzt Ohler sich zumindest in Meditation.Runde 36 ist anders, beim Rennen ist etwas passiertNach fast 200 Kilometern wirkt Ohler, als sei er nun vollständig mit dem Rennen verschmolzen, er und das Laufen: eine Einheit. Er ist wieder oben auf der Welle.Auf der Strecke telefoniert er mit seiner Frau. Zwischendurch schickt er ein Selfie an seine Tochter. Da draussen gibt es noch ein anderes Leben für ihn. Nach 20 Stunden isst Ohler ein Hanuta. «Die Dinger haben die auch immer kleiner gemacht», schimpft er. Fast 200 Kilometer hat er in den Beinen – und übt Kulturkritik am Waffelriegel.Runde 36. Seit fünf Runden hat er jeweils weniger als zehn Minuten Erholungszeit. Er wirkt mehr und mehr abwesend. Trotzdem zwingt er seine Gedanken von Runde zu Runde. Er ist erfahren genug, um zu wissen, dass man bei einem Backyard nicht an das grosse Ganze, sondern immer nur an das Hier und Jetzt denken soll. Wenn er es durch die Nacht schafft und die ersten Sonnenstrahlen den dritten Tag andeuten, kommt die Energie zurück. Das weiss er. Also weiter, Runde um Runde.Zumindest hat er es bisher so gemacht. Aber Runde 36 ist anders. Ohler ist in einem Loch. Er läuft so spät ins Ziel, dass ihm nur noch wenige Minuten bleiben. Er wackelt beim Gehen.Es ist der Moment, in dem er seine Socke herunterzieht und mit seiner Stirnlampe auf sein Bein leuchtet. Ein paar blutige Kratzer und der rote, kreisförmige Punkt mit dem kleinen Tier.«So eine Scheisse», sagt Ohler. «Ich wollte doch die 40 angreifen!»Ohler geht zu den übrig gebliebenen vier Athleten, er umarmt alle. Dann tönt die Glocke, und die anderen gehen wieder auf die Strecke. Ohler bleibt zurück. Anderthalb Tage ist er gelaufen, hat gelitten und gelebt – und jetzt steht neben seinem Namen nur ein «DNF», «did not finish».Ohler nimmt keine Siegerurkunde mit nach Hause und keine Medaille, nur die Schmerzen überall in seinem Körper wird er noch tagelang spüren. Und doch steht er von der Holzbank auf, hinkt zur Dusche und sagt: «War doch eine geile Sache, oder?»Wochen vor dem Rennen, in seiner pfälzischen Heimat, hat Ohler gesagt, da sei kein Drama, das ihn antreibe, kein Schicksalsschlag und auch keine Depression. Er suche einfach nur die Grenze, bis wohin es eben irgendwie doch noch gehe.Und vielleicht ist es genau das: Ohler ist Familienvater, Grossvater, ein Konzernangestellter und für sein Team eine Führungsperson. Wie viel bleibt von diesen Rollen, wenn ein Mensch läuft und läuft, sich 36 Stunden lang immer weiterbewegt, bis scheinbar nichts mehr geht, und dann noch eine weitere Runde? Vielleicht ist das die Antwort, die Ohler findet, wenn er über seine Leidensgrenze geht: wer ich in meinem Innersten bin, nur für mich selbst.Regen, dann kein Regen mehr, dann wieder Regen. Wechselnde Wetterbedingungen strengen die Läufer noch einmal mehr an.Passend zum Artikel
Backyard-Ultra: Es gewinnt, wer als Einziger noch laufen kann
Michael Ohler läuft tagelang Hunderte Kilometer am Stück. Beim Backyard-Ultra in Zürich sucht er eine Antwort: Wo liegt die Grenze des menschlichen Körpers?








