Sie trotzen Schmerzen und Halluzinationen: In Witikon rennen 105 Laufenthusiasten tagelang im Kreis, bis nur noch einer übrig bleibtBackyard-Ultras sind die ultimative Ausdauerprüfung – wenn man nicht vorher den Verstand verliert. Der Sieger kommt in 44 Stunden fast 300 Kilometer weit.18.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenEssen für mehrere Tage, zehn Paar Joggingschuhe, zwanzig Regenjacken: Nima Javaheri hat sich auf einen langen Wettkampf eingestellt.Auf der Wiese stehen Pavillons und Zelte, Rockmusik dröhnt aus Lautsprechern, Autos und Camper mit Kennzeichen aus ganz Europa parkieren auf der Strasse. Der Platz neben dem Tennisplatz in Witikon wirkt wie ein Festivalgelände.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch statt Bierkisten türmen sich in den Pavillons Kartons mit koffeinhaltigen Getränken, Cola oder Mate, in Fächern stecken Nudelsuppen, Bananen, Kohlenhydrat-Gels, in Kisten sind Laufschuhe und Regenjacken verstaut. Männer und Frauen in Jogging-Kleidung sitzen auf Campingstühlen, sie haben Decken um sich geschlungen, um der Kälte und dem Regen zu trotzen. Einige versuchen zu schlafen.Wer hierherkommt, will nicht feiern, sondern Grenzen überwinden – so sagen es die einen. Andere nennen es: endloses Leiden.Bald beginnt hier der Witiker Backyard-Ultra, das Festival der Ausdauerverrückten. Niemand weiss, wie lange der Wettkampf dauern wird. Vielleicht endet er am Samstag, vielleicht erst am Sonntag. Wie gewinnt man dieses wahnsinnige Rennen?Der Favorit, der nicht gerne renntDie Regeln sind so einfach wie gnadenlos. Pro Stunde rennen die Teilnehmenden 6,706 Kilometer durch den Wald. Jede volle Stunde startet eine neue Runde – in der Backyard-Sprache nennt man diese Yard. Wer dafür länger als 60 Minuten benötigt, scheidet aus. Das Rennen endet dann, wenn nur noch einer übrig bleibt.Im Pavillon neben dem Start liegt Nima Javaheri auf einem Liegestuhl, er trägt Kopfhörer, die Laufschuhe ragen nach oben. In den weissen Leggins und dem gefütterten Surfmantel wirkt er wie ein König im Camping-Palast. Javaheri, 43 Jahre alt, ist in London geboren, in Zürich arbeitet er für eine Grossbank. Seine Leidenschaft: Backyard-Ultras. In Witikon zählt er zu den grossen Favoriten.Dabei läuft er gar nicht gerne. Er sagt: «In der Laufszene bin ich ein Niemand.»Im Backyard-Ultra hat er eine Nische gefunden: Er gehört zu den Besten der Schweiz. Dreimal ist er in Witikon gestartet, jedes Mal war er der Letzte, der noch rannte. 2023 lief er hier 38 Stunden, 254,6 Kilometer. Dieses Jahr will er noch weiter kommen.Auch abseits der Backyard-Ultras sucht Javaheri die Extreme. Er fährt Velo-Ultra-Rennen, fürs Training steht er manchmal um 3 Uhr morgens auf, radelt um den Zürichsee und geht danach zur Arbeit. 2024 bestieg er zehn Tage lang immer wieder den Üetliberg und brach den Weltrekord im Everesting: Er kam auf 54 641 Höhenmeter. Sein Körper habe sich an die Belastung gewöhnt, sagt er.Es ist Donnerstag, 11 Uhr 57, drei Pfiffe ertönen. Die Teilnehmenden begeben sich zum Start. Der Renndirektor Carsten Drilling läutet die Glocke, die 105 Teilnehmenden laufen gemächlich los. Nur keine Kräfte vergeuden.Manche wollen in Witikon ein paar Yards sammeln, andere ihren ersten Marathon oder 100 Meilen schaffen. Einige planen, 30 Stunden und länger durchzuhalten. So auch die deutsche Tattoo-Künstlerin Lily Lu. Ihre Augäpfel sind tätowiert, sie läuft im rosa Röckchen.Sie sagt: «Ab Freitagabend rennen hier nur noch Verrückte. Ich bin die Normalste von ihnen.»Das Teilnehmerfeld ist wild durchmischt. Links neben Javaheri startet die Deutsche Lily Lu, Transfrau und Tattoo-Künstlerin.Erfunden hat das Format der frühere amerikanische Extremsportler Lazarus Lake, Schöpfer des legendären Barkley-Marathons. Die inoffizielle Weltmeisterschaft im Backyard-Ultra veranstaltet er bis heute auf seinem Grundstück in Tennessee. Carsten Drilling brachte den Backyard-Ultra in die Schweiz: 2020 organisierte er in Witikon – seinem Wohnort – die Premiere.Mittlerweile gibt es in der Schweiz ein Dutzend Backyard-Ultras. Dieses Jahr war jener in Witikon innerhalb einer Stunde ausverkauft – das Format ist populärer denn je. Laufenthusiasten wie Drilling haben es aufgebaut, andere machten es berühmt. Im Oktober organisierte der Influencer Kim Gottwald zusammen mit dem früheren Fussballprofi André Schürrle in Nordrhein-Westfalen den Last-Soul-Ultra.Der Medienhype war enorm. Die Influencer verkaufen die Ausdauerprüfung besser als die teilweise eigenbrötlerischen Ultraläufer.Seine Frau entscheidet, was er isst, was er trinkt, was er anziehtWährend Nima Javaheri die erste Runde rennt, steht seine Frau Fargah im Pavillon und wärmt auf dem Gaskocher gekochte Kartoffeln auf. Der Wind rüttelt an den Plastikblachen. Es ist kalt für Mitte Mai. Fargah sagt einen Satz, den sie noch oft wiederholen wird: «Ich verstehe dieses Rennen nicht.»Warum ihr Mann tagelang schlaflos im Kreis rennt, ist ihr bis heute ein Rätsel. Gesund sei das bestimmt nicht, sagt sie. Mit den Jahren wurde sie Teil der familiären Backyard-Gemeinschaft. Ihr Mann und sie sind ein eingespieltes Team: Sie entscheidet, was er isst, was er trinkt, was er anzieht. Javaheri läuft.Als er von der Runde zurückkommt, eilt er zum Pavillon, Fargah läuft hinterher. Er setzt sich auf den Liegestuhl, sie reicht ihm das Essen, deckt ihn zu. Die beiden folgen einem strengen Zeitplan: Die 6,7 Kilometer und 125 Höhenmeter legt Javaheri stets in rund 50 Minuten zurück. Danach isst und trinkt er etwas. Nach 52 Minuten legt er sich hin und schläft exakt fünf Minuten. Nach 58 Minuten weckt ihn seine Frau. Dann geht er zurück an den Start, nachts legt sie sich schlafen. So halten die beiden Tage durch.Während der ersten Runden denkt Javaheri viel nach. «Mental noise» nennt er die Gedanken. Nach vier bis fünf Stunden wird es ruhig in seinem Kopf. Er taucht in die Natur ein. Früher meditierte er täglich, nun hat der Extremsport diese Rolle übernommen. Er beobachtet während des Laufens seinen Körper, stellt sicher, dass alles in Ordnung ist: Kleidung, Hände, Füsse, Beine.Andere laufen schneller und besser als Javaheri – und haben mehr Zeit, zu schlafen, zu essen, sich zu regenerieren. Doch er absolviert sein eigenes Rennen. Bergauf-Passagen geht er konsequent. Er vergleicht sich nicht: vermeidet Augenkontakt, fokussiert sich auf sich.Während des Wettkampfs spricht er kaum. Er und seine Frau kommunizieren nur noch in Imperativen: Trink das, gib mir das, mach das. Sätze wie «Du schaffst das» hält er für fatal.Wie kann man sich bei diesem endlosen Rennen seines Erfolgs sicher sein?Die Teilnehmenden rennen 6,706 Kilometer, machen eine Pause und starten dann erneut.Nur der Letzte kommt ins Ziel Stunde für Stunde steigen Läufer und Läuferinnen aus. Ihre Fotos verschwinden vom Reissbrett, auf dem Bildschirm erscheinen ihre Namen in der Spalte «did not finish» – nicht beendet. Beim Backyard-Ultra kommt nur der Letzte ins Ziel.In der Nacht auf Freitag bleibt der vorausgesagte Regen aus. Die Läufer rennen mit Stirnlampen durch die Dunkelheit. Ihre Schritte und die Rufe eines Uhus durchbrechen die Stille.Die Kilometerzahl steigt langsam so hoch, dass sie ins Surreale abdriftet, 70, 80, 90 Kilometer. Alles wiederholt sich, die Stunden zerfliessen ineinander, man fühlt sich gefangen in dieser Parallelwelt.Am Freitag um 11 Uhr, bei Kilometer 155, laufen noch rund zwanzig Teilnehmer. Die Wiese leert sich. Seit 23 Stunden sind die Läufer und Läuferinnen nun unterwegs. Einer putzt sich während des Laufens die Zähne. Einer Frau fallen die Kopfhörer auf den Boden.Manche brechen jetzt übermüdet ab, sie können kaum noch gehen. Ein junger Läufer stützt sich auf seinen Vater, er zittert am ganzen Körper.Einer der Teilnehmer will weitermachen, startet noch in die 24. Runde, dann bricht er ab. Es ist Pierre Biege, der Walliser Content-Creator wurde Dritter beim Last-Soul-Ultra. Für den Witiker Backyard hat er ein Kamerateam engagiert, das ihn begleitet – und eine Doku über ihn dreht.Zu seiner Frau sagt er: «Ich bin stolz, kann ich meine Grenzen klar ziehen – sieh nur, wie gut ich noch laufe!»Die Organisatoren stellen Essen für die Teilnehmenden bereit: Hauptsache, kalorienreich.Nach 100 Meilen beginnt das RennenDer Organisator Carsten Drilling steht im Ziel und fiebert der 24. Runde entgegen. Als der erste Läufer von dieser zurückkehrt, ruft er: «100 Meilen! Jetzt beginnt das Rennen!» Die Zuschauer klatschen.Drilling hofft, dass in den nächsten Tagen der Schweizer Rekord von 62 Runden fällt. Das Teilnehmerfeld ist dieses Jahr so stark wie nie zuvor: Der Schwede Niklas Sjöblom, Sieger des ersten Witiker Backyard-Ultras, ist dabei. Ebenso der Tessiner Matteo Tenchio, der den Schweizer Rekord im Backyard hält.Beide haben anderswo schon mehr Runden als Javaheri geschafft, doch sie haben müde Beine. Sjöblom ist am Wochenende in Zug am Wings for Life schnelle 59 Kilometer gelaufen, Tenchio kommt gerade von einem bulgarischen Ultralauf zurück. In sechs Tagen legte er 762 Kilometer zurück.Am Freitagabend zieht ein Sturm auf, es windet, der Regen macht die Läufer klatschnass. Es sind nur noch zehn. Eine Runde später hört Tenchio, der Schweizer Rekordhalter, überraschend auf.Nima Javaheri rennt weiter. Nach Runde 32 bittet er Fargah, alle seine Schuhe, Marke Asics, vor ihm auszubreiten. Sechs Paare sind es. Er entscheidet sich für das vorderste Paar. Seine Frau hat keine Ahnung, warum.Vor dem Pavillon stehen zwei Freunde – Javaheri grüsst sie kurz. Sie staunen: Das letzte Mal habe er sie am zweiten Tag nicht erkannt, erzählen sie. Und sich auch danach nicht an die Begegnung erinnert.Wo Steine sind, sieht er SchlangenDie zweite Nacht bricht an. Javaheri beginnt zu halluzinieren. Der Schlafentzug und die Erschöpfung machen sich bemerkbar. Er verwechselt Bäume mit Menschen, hält einen Felsen für eine Schlange. Die fünf Minuten Schlaf und die Verpflegung nach jeder Runde retten ihn – sonst würde er glauben, verrückt zu werden.Um Mitternacht gibt ein Läufer auf, nachdem ihn eine Zecke gebissen hat. Irgendwann sind die Strapazen zu viel. Noch vier sind übrig. Die Kälte, die Müdigkeit und die Nässe zehren an ihnen. Um 4 Uhr morgens laufen nur noch Javaheri und der Schwede Sjöblom.Seit 40 Stunden rennen sie im Kreis. Sie haben 268 Kilometer und 5000 Höhenmeter in den Beinen.Und Javaheri? Er hofft, dass Sjöblom noch lange kann. Die beiden sind Freunde und haben vor dem Rennen abgemacht, sich zu Höchstleistungen zu treiben. Denn gibt der Zweitletzte auf, ist es für den Letzten auch vorbei. Doch Sjöblom fühlt sich schlecht. Er schläft nicht, ist körperlich erschöpft vom schnellen Rennen, das er eine Woche zuvor absolviert hat. Und anders als Javaheri ist er allein hier. Niemand denkt für ihn mit.Kurz vor der 44. Runde sagt Sjöblom zu Javaheri, er schlafe nun eine Stunde. Und so beginnt Javaheri am Samstagmorgen um 7 Uhr die letzte Runde des Wettkampfs. Es ist seine härteste.Als er im Ziel eintrifft, applaudieren die Helfer und die Läufer, die ausgeharrt haben. Für den Schweizer Rekord hat es nicht gereicht, für jenen in Witikon schon.Nach der Siegerehrung ruht sich Javaheri im Liegestuhl aus. Die Sonne scheint. Seine Füsse sind mit Tape bandagiert, er hustet heftig. Neben ihm sitzt Sjöblom, still und blass. Javaheri sagt, er wäre gerne noch weitergelaufen. Doch der Wettkampf sei Teamwork. Nun redet er wieder so eloquent wie vor dem Rennen und sagt: «Die Nacht war hart. Doch die Backyards lehren dich das Leben: Alles geht vorbei.»Jemand hilft ihm aus dem Stuhl. Dann humpelt er zum Auto, die Arme um zwei Helfer geschlungen.Kohlenhydrat-Gels und Elektrolyt-Pulver in grossen Massen sind der Treibstoff der Ausdauerverrückten.Passend zum Artikel
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