GastkommentarPro ArtikelErich OrtnerDer verlorene Wille zur Zukunft – Europa wird erst dann gedeihen, wenn seine Bewohner wieder daran glauben, durch ihr eigenes vernünftiges Handeln die Welt verändern zu könnenNach der Hochstimmung post 1989 befindet sich Europa heute im Jammertal: Ukraine-Krieg, Migrationskrise, politische Spaltung, Deindustrialisierung, Schuldenwirtschaft und technologische Rückständigkeit nagen am Selbstvertrauen. Das muss nicht sein.08.09.2026, 05.20 Uhr3 LeseminutenDie Zukunft Europas entscheidet sich daher nicht allein an der Zahl seiner Rechenzentren.EPAEuropa diskutiert über künstliche Intelligenz meist in den Kategorien des Wettbewerbs. Wird die Europäische Union mit den Vereinigten Staaten und China mithalten können? Verfügt sie über genügend Rechenzentren, Kapital und Talente? Oder droht ihr der Rückfall in technologische Abhängigkeit?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Fragen sind berechtigt. Sie verdecken jedoch ein tiefer liegendes Problem. Europa leidet weniger an einem Mangel an Fähigkeiten als an einem Mangel an Zukunftswillen.Viele Bürger erleben die Europäische Union heute vor allem als Regulierungsraum. Sie schützt Verbraucher, begrenzt Risiken und gleicht Interessen aus. All das ist notwendig. Doch eine politische Gemeinschaft lebt nicht allein von Schutz. Sie lebt auch von dem Gefühl, dass sich Anstrengung lohnt und dass gemeinsames Handeln eine bessere Zukunft hervorbringen kann.Ambition ist deshalb keine private Tugend. Sie ist eine gesellschaftliche Ressource.Erreichbare ZieleMenschen werden ehrgeizig, wenn sie Sinn erkennen. Die europäische Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg war von einer solchen Sinnperspektive getragen. Frieden, Freiheit und Wohlstand erschienen nicht als abstrakte Begriffe, sondern als erreichbare Ziele. Heute fehlt vielen Europäern eine vergleichbar überzeugende Erzählung.Die KI-Revolution könnte eine neue solche Erzählung ermöglichen. Nicht Europa als Kontinent der leistungsfähigsten Maschinen. Sondern Europa als Kontinent, der zeigt, wie Technologie und Humanität zusammengehören.Wenn KI nur dazu dient, eigene Anstrengung zu ersetzen, macht sie den Menschen bequemer, aber nicht freier.Der entscheidende Begriff dafür lautet Selbstwirksamkeit. Menschen entwickeln Ambition, wenn sie erleben, dass ihr Denken, Lernen und Handeln einen Unterschied macht. Wer sich ohnmächtig fühlt, wird vorsichtig. Wer Gestaltungsmöglichkeiten erkennt, wird mutig.Hier liegt die grosse Chance der generativen künstlichen Intelligenz. Sie kann Wissen zugänglicher machen, komplexe Zusammenhänge erklären und individuelle Lernwege unterstützen. Sie kann den menschlichen Verstand erweitern. Doch genau darin liegt auch die Gefahr.Wenn KI nur dazu dient, eigene Anstrengung zu ersetzen, macht sie den Menschen bequemer, aber nicht freier. Wenn sie dagegen als persönlicher Lern- und Denkpartner eingesetzt wird, kann sie Selbstwirksamkeit stärken. Der Mensch versteht mehr, kann bessere Fragen stellen und wird eher in die Lage versetzt, Verantwortung zu übernehmen.Die Zukunft Europas entscheidet sich daher nicht allein an der Zahl seiner Rechenzentren. Sie entscheidet sich an der Zahl der Menschen, die gelernt haben, ihren durch KI erweiterten Verstand unter der Leitung ihrer eigenen Vernunft zu gebrauchen.Dafür braucht Europa eine neue Bildungsstrategie. Sie sollte nicht nur digitale Kompetenzen vermitteln, sondern Sprachbildung, logisches Denken, philosophische Urteilskraft und lebenslanges Lernen miteinander verbinden. Generative KI kann dabei ein mächtiger persönlicher Assistent sein – vorausgesetzt, sie bleibt ein Werkzeug der Emanzipation und wird nicht zum Ersatz eigener Urteilskraft.Eine solche Bildung hätte auch eine politische Wirkung. Demokratie lebt nicht von Informationen allein, sondern von Bürgern, die Informationen bewerten, Argumente prüfen und Verantwortung übernehmen können. Eine lernende Demokratie ist deshalb keine Metapher. Sie ist die notwendige institutionelle Antwort auf eine Gesellschaft, in der Wissen schneller wächst als je zuvor.Auch die Europäische Union könnte sich in diesem Sinne neu verstehen. Nicht nur als Binnenmarkt und Regulierungsraum, sondern als emanzipatorische Gemeinschaft. Ihre Aufgabe bestünde dann darin, möglichst vielen Menschen die Voraussetzungen zu geben, ihre Freiheit in einer digitalen Welt selbstbestimmt zu verwirklichen. Das wäre ein eigenständiger europäischer Beitrag zur KI-Revolution.Eine neue AmbitionDie Vereinigten Staaten setzen auf unternehmerische Dynamik. China setzt auf staatliche Kontrolle. Europa könnte einen dritten Weg entwickeln: die Verbindung von technologischer Innovation, demokratischer Verantwortung und emanzipatorischer Bildung.Ambition kehrt nicht durch Appelle zurück. Sie wächst aus Erfahrung. Wenn Menschen erleben, dass sie mithilfe guter Bildung und verantwortungsvoll eingesetzter künstlicher Intelligenz mehr verstehen, besser entscheiden und wirksam handeln können, entsteht wieder Zuversicht. Aus Zuversicht wird Gestaltungslust. Und aus Gestaltungslust kann eine neue europäische Ambition erwachsen.Vielleicht ist das die eigentliche politische Aufgabe der KI-Revolution: nicht Europa technologisch grösser, sondern seine Bürger geistig handlungsfähiger zu machen. Denn eine Gesellschaft wird nicht dadurch zukunftsfähig, dass sie die intelligentesten Maschinen besitzt. Sie wird zukunftsfähig, wenn ihre Menschen wieder daran glauben, dass ihr eigenes vernünftiges Handeln die Welt verändern kann.Erich Ortner ist emeritierter Professor für Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität Darmstadt.15 KommentareHans Rentsch vor 3 Stunden3 Empfehlungen"Die Vereinigten Staaten setzen auf unternehmerische Dynamik. China setzt auf staatliche Kontrolle." Ein Gegensatz, der beeidnrucken soll. Wenn der Autor meint, der Aufstieg Chinas habe mit unternehmerischer Dynamik nichts zu tun, liegt er voll daneben.Ulrich Loose Heute2 EmpfehlungenGroße Worte...
Der verlorener Wille zur Zukunft: Europa muss sich auf seine alten Tugenden besinnen
Nach der Hochstimmung post 1989 befindet sich Europa heute im Jammertal: Ukraine-Krieg, Migrationskrise, politische Spaltung, Deindustrialisierung, Schuldenwirtschaft und technologische Rückständigkeit nagen am Selbstvertrauen. Das muss nicht sein.







