KommentarDie Mega-Börsengänge von SpaceX, Anthropic und Co. schüren Furcht vor einer KI-Blase – doch Angst ist an der Börse ein schlechter RatgeberDer Boom der künstlichen Intelligenz (KI) treibt die Börsen seit Jahren an. Bei den angekündigten Riesenbörsengängen von KI-Unternehmen gibt es Warnzeichen. Langfristig orientierte Anleger sollten sich deshalb aber nicht verrückt machen.08.09.2026, 05.35 Uhr5 LeseminutenEs war ein Börsengang der Rekorde: Am 12. Juni sammelte das in den Bereichen Raumfahrt, Satelliten und künstliche Intelligenz (KI) tätige Unternehmen SpaceX bei seinem Marktdebüt 86,2 Milliarden Dollar ein. Mit dem mit Abstand grössten Initial Public Offering (IPO) aller Zeiten reihte sich der Konzern auf Anhieb unter die zehn wertvollsten Unternehmen der Welt ein. Nebenbei wurde sein Gründer Elon Musk zum ersten Dollarbillionär der Geschichte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch in den Statistiken zum IPO-Markt hat der Mega-Börsengang seine Spuren hinterlassen. Im ersten Halbjahr stieg das Emissionsvolumen der Börsengänge weltweit um mehr als 200 Prozent auf 187 Milliarden Dollar, wie Daten des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens EY zeigen. Und das, obwohl der Iran-Krieg und Marktturbulenzen viele Firmen von der Börse fernhielten. Das hohe IPO-Volumen zeigt auch die Dimension des SpaceX-Börsengangs, der fast die Hälfte davon ausmachte.Doch so aussergewöhnlich das SpaceX-IPO war – es könnte bald schon übertroffen werden. Mit dem Anbieter des Chatbots Claude, Anthropic, und dem Chat-GPT-Betreiber Open AI planen bereits zwei weitere KI-Riesen ihr «going public». Bei Anthropic könnte dieses schon Ende September oder Anfang Oktober anstehen, und auch bei Open AI könnte es schnell gehen: Die Führung des Unternehmens hat bereits mitgeteilt, «2027 oder früher» werde Open AI an der Börse sein.Manche Marktbeobachter sehen die Mega-IPO als Zeichen einer KI-Blase, die bald platzen und eine Börsenkorrektur auslösen könnte. Warnsignale gibt es tatsächlich. Dennoch haben Anleger gute Gründe, Ruhe zu bewahren.Lackmustest SpaceXDas IPO von SpaceX im Juni hat eindrucksvoll bewiesen, dass Investoren weiterhin bereit sind, für Wachstumsstorys im Bereich Technologie zu bezahlen und dabei auch sehr langfristige Wetten einzugehen.Mittlerweile werden die Aktien von SpaceX seit fast drei Monaten an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq gehandelt. Am Freitag schloss sie mit knapp 148 Dollar und damit oberhalb des festen Preises von 135 Dollar, zu dem das Unternehmen sie beim Börsengang anbot. Vorübergehend waren die Titel Anfang August auf bis zu 108 Dollar gefallen – und es gilt als gutes Zeichen für die Stimmung im Markt, dass sie sich seitdem erholt haben. Für das zweite Quartal dieses Jahres wies das Unternehmen einen Nettoverlust aus – es gelang ihm aber, den Umsatz fast zu verdoppeln.Galt der Börsengang von SpaceX als eine Art Lackmustest für die IPO von Anthropic und Open AI, so kann dieser als vorerst bestanden gelten.Der Boom wurde schon oft totgesagtSchon seit mehreren Jahren warnen Beobachter vor einer Überbewertung von amerikanischen Aktien und einer KI-Blase. Doch das Rally ist bisher weitergegangen. Anleger, die früh kalte Füsse bekommen haben, haben enorm viel Rendite verschenkt.Auch die Parallelen zwischen dem derzeitigen KI-Boom und der New-Economy-Blase von Ende der neunziger Jahre sind begrenzt. Damals wie heute waren beziehungsweise sind die Bewertungen der entsprechenden Unternehmen enorm hoch. Während im New-Economy-Boom aber reihenweise kleine Startup-Firmen, die noch nie Geld verdient hatten, an die Börse gingen, wird der KI-Boom stark von hochprofitablen amerikanischen Technologieriesen wie Nvidia, der Google-Mutter Alphabet, Amazon oder Microsoft getragen.Die Grösse der Technologieriesen spricht auch dafür, dass es im Falle eines Stimmungsumschwungs an der Börse eher zu einer Korrektur kommen dürfte als zu einem regelrechten Crash wie nach dem Platzen der New-Economy-Blase.Zunehmende KI-Euphorie als WarnsignalNatürlich gibt es auch Warnsignale. Doch sie sprechen weniger für Panikverkäufe in Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Crashs als für einen vorsichtigeren Umgang mit der KI-Euphorie. Manche Unternehmen sind inzwischen so hoch bewertet, dass sich weitere Kurssteigerungen mit den Fundamentaldaten nur schwer rechtfertigen lassen. Für Anleger heisst das: Sie bezahlen hohe Preise und sollten selektiver vorgehen.Im Fall von SpaceX sollten sie beachten, dass für die geplanten Raketensysteme und KI-Rechenzentren enorm hohe Investitionen nötig sind. Es ist nach wie vor unklar, ob sich diese jemals rechnen werden. Zudem ist das Unternehmen weiterhin enorm hoch bewertet.Dies gilt auch für Anthropic und Open AI. Erfolgen die Börsengänge mit sehr hohen Bewertungen, könnten den Anlegern auf mittlere Sicht niedrigere Renditen drohen.Zudem verbleibt eine gewisse Unsicherheit darüber, ob der Markt überhaupt mehrere solche Mega-Börsengänge innerhalb kurzer Zeit wird aufnehmen können. Historisch gesehen kommen hoch bewertete IPO und entsprechende Wellen zumeist gegen Ende eines längeren Börsenaufschwungs.Für Ernüchterung sorgen auch immer wieder Nachrichten über KI-Modelle aus China, die im Vergleich mit denjenigen der amerikanischen Unternehmen als wettbewerbsfähig gelten, aber deutlich günstiger sind. Ein bekanntes solches Beispiel ist die chinesische Startup-Firma Deepseek, die 2025 ein entsprechendes Modell vorstellte.Zudem hat sich das Umfeld für Wachstumsaktien jüngst verschlechtert. Der Anstieg der Renditen von amerikanischen Staatsanleihen ist ein Alarmsignal, denn höhere Zinsen sind zumeist eine Belastung für die Börse. Amerikanische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 30 Jahren notierten unlängst mit 5,34 Prozent auf dem höchsten Stand seit dem Jahr 2007.Der Anstieg der Renditen kommt daher, dass sich die Investoren über die wachsenden Schuldenberge in den USA sorgen. Eine wichtige Rolle spielen aber auch die vielen Anleiheemissionen von amerikanischen Technologiefirmen. Um ihre hohen Investitionen in Rechenzentren und KI-Modelle zu finanzieren, haben sie in den vergangenen Monaten Milliarden am Kapitalmarkt aufgenommen. Das dadurch vergrösserte Angebot an Anleihen dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben, dass die Zinsen gestiegen sind. Immerhin: Steigende Finanzierungskosten sorgen für mehr Disziplin an den Märkten.Anleger sollten im KI-Boom auf Risikostreuung achtenAnleger, die sich vor einem baldigen Ende des KI-Booms fürchten, können sich an verschiedenen Kennzahlen orientieren – beispielsweise am sogenannten Shiller-KGV. Diese Kennzahl des Nobelpreisträgers Robert Shiller setzt amerikanische Aktienkurse in Relation zu den durchschnittlichen inflationsbereinigten Unternehmensgewinnen der vergangenen zehn Jahre. In letzter Zeit ist sie deutlich gestiegen und deutet auf Überbewertungen am amerikanischen Aktienmarkt hin. Als die New-Economy-Blase im März 2000 platzte, lag das Shiller-KGV bei 43,2 Punkten, derzeit steht es bei 40,6.Bei Engagements in einzelnen KI-Aktien und bei den erwähnten Mega-Börsengängen ist Vorsicht geboten. Falls man solche Transaktionen unbedingt tätigen will, sollte man das investierte Kapital als «Spielgeld» ansehen.Viele Kleinanleger sind ohnehin recht stark im Bereich KI investiert – sei es über ihre Pensionskasse oder privat. Viele von ihnen halten Fonds oder Exchange-Traded Funds (ETF), die sich an Welt-Aktienindizes wie dem MSCI World orientieren oder diese abbilden. Der Boom der vergangenen Jahre hat die Gewichtung von Technologieaktien und der USA in diesen Barometern erhöht. Im MSCI World hatte der Sektor Informationstechnologie per Ende August ein Gewicht von fast 30 Prozent, amerikanische Aktien kamen sogar auf 72 Prozent.Viele stellen sich ein «Welt-Portfolio» vermutlich etwas besser diversifiziert vor. Sie können hier gegensteuern, indem sie bei der Geldanlage auf die Gewichtung von Ländern und Branchen achten. Konkret heisst dies, sie sollten neben Finanzprodukten auf Welt-Aktienindizes auch solche auf Schweizer, europäische oder Schwellenländer-Barometer kaufen und so das Übergewicht der USA und der amerikanischen Technologiewerte ausgleichen.Die verschiedenen Warnsignale könnten den einzelnen Anleger auch dazu verleiten, nervös zu handeln oder gar nicht mehr zu investieren. Doch beides gehört zu den grössten Fehlern bei Vermögensaufbau und Altersvorsorge. Vielmehr ist es wichtig, bei der Geldanlage geduldig zu sein. Langfristig betrachtet haben die Aktienmärkte schon viele Einbrüche wettgemacht. Dazu zählen die Börsencrashs nach dem Platzen der New-Economy-Blase in den Jahren 2000 bis 2003, in der Finanzkrise 2008 oder in der Corona-Krise 2020.Natürlich sollte man am Aktienmarkt nur Geld investieren, das man auf längere Sicht nicht braucht. Solange man dies beherzigt, die Risiken bei der Aktienanlage gezielt streut und auf günstige Indexprodukte setzt, kann man trotz der teilweise übertrieben wirkenden KI-Euphorie ruhig schlafen.6 KommentareAlexander Marti Gestern1 EmpfehlungDie IPOs haben den klaren zweck die hunderte an Milliarden USD Schulden der LLM Anbieter zu deckeln. Das kann funktionieren, muss aber nicht. Die Erstzeichner werden mit massiven Kursabschlägen zu rechnen haben. Wenn die Schulden dann erfolgreich durch die IPOs getilgt sind, der eine oder andere Mitbewerber bankrott gegangen ist, bleiben tragfähige Konstruktionen übrig. Offen ist, wie stark die Memory Preise ab 2029 sinken. 1TB RAM kostete noch vor 2 Jahren CHF 3000. Jetzt das 20fache.Thomas Schnider GesternSehr gute Artikel!