Wenn Alltagssorgen Wahlen entscheiden – was sich die AfD von der SVP abgeschaut hatMigration, Mieten, Kaufkraft, Frieden: Wer aus vielen Problemen eine einzige Geschichte macht, verschafft sich bei Wahlen einen Vorteil. Die Methoden der AfD werden bald die Schweiz erreichen.08.09.2026, 04.33 Uhr3 Leseminuten«Kein Krieg» – plötzlich besetzt die SVP ein linkes Narrativ.Urs Flüeler / KeystoneDie AfD wird oft zu Unrecht mit der SVP verglichen. Doch eine Gemeinsamkeit gibt es: Im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt setzte die AfD auf ein Mittel, das die Schweizerische Volkspartei (und zunehmend auch die SP) schon seit Jahren erfolgreich einsetzt: die Verknüpfung der grössten Alltagssorgen zu einer einzigen grossen Erzählung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In ihrer «Vision 2026» setzt die AfD Sachsen-Anhalt nicht mehr nur auf eine restriktive Migrationspolitik, sondern fordert auch bessere Schulen, mehr Mittel für die Polizei sowie wirtschaftliche Deregulierung und Bürokratieabbau. Viele Versprechen sprengen die Kompetenzen, die ein deutsches Bundesland hat, oder sie kosten Geld, das Sachsen-Anhalt nicht hat. Doch indem die AfD ihren Themenbereich früh sehr weit fasste, schaffte sie es, von einem grossen Teil der Wählerschaft als Problemlösungs- und Kümmererpartei wahrgenommen zu werden.Plötzlich kompetent in WirtschaftsfragenDas Wildern in Gebieten, wo bis anhin die CDU und die FDP die Themenhoheit beanspruchten, hat sich für die AfD gelohnt: Wie eine Auswertung des Umfrageinstituts Infratest Dimap zeigt, trauen der Partei 30 Prozent der Befragten zu, die Wirtschaft voranzubringen. 2021 hatten ihr erst 8 Prozent überhaupt Wirtschaftskompetenz zugesprochen.Eine ähnliche Entwicklung zeigen die Fragen nach Arbeitsplatzsicherheit, Energiepolitik und sozialer Gerechtigkeit: Auch bei diesen Themen wird die AfD plötzlich als politisch qualifiziert wahrgenommen. Laut der Umfrage sind 54 Prozent der Befragten der Ansicht, die AfD sei «näher an den Sorgen der Bürgerinnen und Bürger» als andere Parteien.Für die deutsche Politikwissenschafterin Ursula Münch markiert der Wahlsieg in Sachsen-Anhalt deshalb eine Verschiebung im Wählerverhalten. In einer Analyse für den österreichischen Sender ORF III sagte sie, dass der Begriff Protestwahl in diesem Fall nicht zutreffe. Vielmehr zeige das Wahlresultat, dass es der AfD gelungen sei, breite Teile der Wählerschaft inhaltlich von sich zu überzeugen.Die AfD hat den politischen Wettbewerb verändert, indem sie es schaffte, einem erheblichen Teil der Bevölkerung glaubhaft zu versichern, dass viele Alltagsprobleme miteinander vernetzt seien. Und indem sie die politischen Gegner bedrängt, wo sie nur kann, macht sie dasselbe wie die SVP in der Schweiz: Geht es um die geplanten Verträge mit der EU, redet die wirtschaftsliberale Volkspartei plötzlich von Lohnschutz und der Verteidigung des Service public. In der Neutralitätsdebatte nutzt der konservative Christoph Blocher linke Friedenserzählungen. Im Gegensatz zur AfD muss sie sich allerdings nicht mehr politisch beweisen. Die SVP ist in der Schweiz längst Regierungspartei.SVP auf 30-Prozent-KursClaude Longchamp, Historiker und langjähriger politischer Analytiker der Schweiz, hat kürzlich in seinem Blog «Zoon politikon» – ohne konkret auf die AfD Bezug zu nehmen – skizziert, was Parteien unternehmen müssen, wenn sie als Problemlöser und nicht als Problembewirtschafter wahrgenommen werden wollen.Traditionellerweise gewinnen Parteien Wahlen dann, wenn ihre Kernthemen wichtig werden. Starke Migration hilft der SVP, hohe Krankenkassenprämien und tiefe Kaufkraft helfen der SP, der Klimawandel hilft den Grünen.Doch welche Auswirkungen hätte ein Ja oder Nein zu den neuen bilateralen Verträgen zwischen der Schweiz und der EU auf das Leben der Bürgerinnen und Bürger? Was unternimmt die Politik nach dem Nein zur 10-Millionen-Schweiz-Initiative nun konkret gegen Wohnungsmangel, unzureichende Infrastruktur und das Gefühl zunehmender Enge und sinkender Lebensqualität? Und welche Partei ist eigentlich in der Lage, Korrekturen aufzuzeigen und mehrheitsfähig zu machen?Es gibt Probleme, die interessieren Politiker. Und es gibt Probleme, die interessieren die Leute. Longchamp sagt: «Wer Alltagssorgen besetzt und Probleme kreativ vernetzt, kann bei Wahlen Sitze gewinnen.» Erfolgreich seien Kräfte, die mehrere Sorgen glaubwürdig in Verbindung brächten: Migration mit Wohnen und Infrastruktur. Prämien mit Mieten und Kaufkraft. Klima mit Hitze und Energie.In Sachsen-Anhalt hat die AfD genau das gemacht und damit ihr Ergebnis von 2021 mit 44 Prozent mehr als verdoppelt. Bei den nationalen Wahlen 2027 könnte die SVP auf über 30 Prozent kommen. Die Polarisierung der Schweizer Politik hält weiter an. Doch haben die Polparteien auch das Monopol auf Alltagssorgen? Longchamp sagt, in der Schweiz seien politische Lernprozesse immer möglich – und nötig.Passend zum Artikel