Sonntagabend, London-Derby, auswärts beim amtierenden Meister: Für den FC Chelsea war das Premier-League-Topspiel gegen den FC Arsenal eine frühe, aber wichtige Standortbestimmung. Denn mit Xabi Alonso als neuem Trainer und einer im Sommer gründlich veränderten Mannschaft trauen viele in England dem taumelnden Topklub zu, sich im Vergleich zum enttäuschenden zehnten Tabellenplatz in der vergangenen Saison deutlich zu steigern. Die Qualifikation für die Champions League gilt, gemessen am Potential des Kaders und den entsprechenden Investitionen, als das Mindeste.Alonso zeigte sich anschließend „enttäuscht“, dass es Chelsea trotz guter Chancen nicht gelungen war, zumindest einen Punkt aus Nordlondon mitzunehmen. Er verwies jedoch auf die bereits erzielten Fortschritte. „Die Spieler sind entschlossen, hart an sich zu arbeiten“, sagte der Trainer auch mit Blick auf die defensiven Schwächen: „Wir müssen ruhig bleiben und weitermachen.“Alonso genießt aus seiner Zeit als Spieler des FC Liverpool einen guten Ruf in England. Dass er als Trainer mit Bayer Leverkusen später sensationell die deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal gewonnen hat, passt zu seinem Image als intelligenter Musterprofi. Einer, der Fußball besser versteht als andere. Daran ändert auch nichts, dass er mit Real Madrid im Anschluss keine Titel holte.Und so gilt seine Verpflichtung nach mehreren Fehlgriffen als Coup für Chelsea und die amerikanische Eigentümergesellschaft BlueCo. Anders als seine Vorgänger ist Alonso nicht bloß der Cheftrainer, sondern in der traditionellen englischen Nomenklatur der Manager, was auf einen weiter reichenden Einfluss hinter den Kulissen hindeutet – etwa bei den Transfers.Chelseas neue TransferstrategieUnd da hat sich im Sommer so einiges getan: Chelsea hat für umgerechnet über 400 Millionen Euro Spieler zugekauft; durch etliche und teilweise namhafte Verkäufe hat der Klub umgekehrt fast 450 Millionen Euro eingenommen. Dabei gab es eine Abkehr von der bisherigen Transferstrategie, junge Talente mit langen Verträgen zu binden, um hohe Wiederverkaufswerte zu erzielen. Stattdessen hat sich Chelsea mit erprobten Spielern im besten Alter gezielt verstärkt: Der offensive Mittelfeldspieler Morgan Rogers (24) kam für fast 140 Millionen Euro vom Ligakonkurrenten Aston Villa, der frühere Wolfsburger Innenverteidiger Maxence Lacroix (26) für über 60 Millionen von Crystal Palace.Neu in Chelsea: der 90-malige englische Nationalspieler Jordan HendersonReutersAußerdem sind ältere Profis wie der Mittelstürmer Danny Welbeck (35) und der zentrale Mittelfeldspieler Jordan Henderson (36) zum Team gestoßen, um den überwiegend jungen und wilden Kader mit ihrer Erfahrung auszubalancieren. In diese Kategorie fällt auch Argentiniens Nationaltorwart Emiliano Martínez (34), den Chelsea wie Rogers bei Aston Villa abgeworben hat, um den oft kritisierten Robert Sánchez zu ersetzen.Alles in allem wirkt die Mannschaft nach dieser weitreichenden Umstrukturierung auf dem Papier ausgewogener und auf einzelnen Positionen höherklassig besetzt als vor Alonsos Ankunft an der Stamford Bridge. Dass der verletzungsbedingte Ausfall des defensiven Mittelfeldspielers Moisés Caicedo das Team gerade spürbar schwächt, wirft dennoch Fragen nach der Qualität in der Tiefe auf.Auf dem Platz muss sich die angenommene Verbesserung ohnehin noch zeigen. Vor dem Spiel gegen Arsenal hatte Chelsea zwar beide Ligaspiele zum Auftakt gewonnen, vollends zufrieden konnte Alonso mit den Leistungen aber nicht sein. 3:2 gegen den FC Fulham, 4:3 gegen Brighton & Hove Albion: sieben Tore geschossen, umgekehrt aber auch fünf zugelassen.Das Chaos wird Alonso überhaupt nicht gefallen haben. Sein System setzt taktische Disziplin, hohe Spielintelligenz und Laufbereitschaft voraus; seine Leverkusener Meistermannschaft ließ in 34 Bundesligaspielen nur 24 Gegentore zu. Von dieser Art der Kontrolle ist Chelsea noch weit entfernt. In allen drei bislang absolvierten Premier-League-Spielen hatte die Mannschaft weniger Ballbesitz als der Gegner.Das neue OffensivtrioDas wiederum lässt auch Rückschlüsse auf Alonsos Spielweise zu. Fürs Erste scheint es ihm weniger um Dominanz durch ausgedehnte Ballbesitzphasen zu gehen. Stattdessen ist das Ziel, nach Ballgewinnen rasch umzuschalten, Räume zu attackieren und so schleunigst vor das gegnerische Tor zu gelangen.Dort hat sich der Trainer anscheinend schon auf seine Wunschbesetzung festgelegt: João Pedro in der Spitze, dahinter Neuzugang Rogers und der Fanliebling Cole Palmer. Spielerisch passt das Trio sichtlich zusammen, alle drei haben in dieser Saison bereits getroffen; Rogers erzielte das Führungstor gegen Arsenal, sein zweiter Treffer in dieser Saison.Cole Palmer nach seinem Tor zum zwischenzeitlichen 4:2 bei Brighton & Hove AlbionEPAAuffallend ist das Comeback von Palmer. Der 24-Jährige hat bis jetzt zwei Tore geschossen und eins vorbereitet. Vergangene Saison tat er sich auch aufgrund von Verletzungen lange Zeit schwer, seinen Rhythmus zu finden. Im Sommer war er – für viele überraschend – nicht Teil von Englands Kader für die Weltmeisterschaft. Nun aber scheint er seine Spielfreude und Schaffenskraft wiederentdeckt zu haben.„Er ist etwas Besonderes“, sagte Alonso über den Offensivspieler: „Wenn er Spaß hat, gut drauf ist und mit der richtigen Einstellung spielt, kann er ein Schlüsselspieler für uns sein.“Spielraum für individuelle Entfaltung auf der einen Seite, ein taktisches Gerüst zur Beherrschung des defensiven Durcheinanders auf der anderen: Beides miteinander zu vereinen, wird in den kommenden Wochen und Monaten Alonsos größte Aufgabe sein. Er sei kein „General“, sagte er, lediglich ein „guter Profi“. Diese Haltung erwartet er von allen, die den FC Chelsea repräsentieren. Der Trend, das ist nach der ersten Standortbestimmung zu erkennen, zeigt nach oben.