Der andere BlickHinter der deutschen Brandmauer brennt es lichterloh. Nur nicht auf Seite der AfDDie Wahl in Sachsen-Anhalt endet für die Christlichdemokraten im Desaster. Wer das allein auf die Lage vor Ort schiebt, macht es sich zu einfach. Das Misstrauen der Wähler gilt der Gesamtpartei.07.09.2026, 04.30 Uhr3 LeseminutenDer noch amtierende Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und Spitzenkandidat der CDU, Sven Schulze, nach Bekanntgabe der Wahlprognose am Sonntagabend.Jens Schlueter / GettySie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Morten Freidel, stellvertretender Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jedem Vernünftigen in der CDU war klar, dass die Partei eine Niederlage bei der Parlamentswahl in Sachsen-Anhalt erleiden würde. Zu schlecht waren die Umfragewerte in den vergangenen Monaten, zu blass das Auftreten des Spitzenkandidaten Sven Schulze, zu volksfestartig die Stimmung bei Kundgebungen des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund.Was sich am Sonntagabend allerdings dort abspielte, war ein Debakel. Der schlimmste Albtraum der CDU ist wahr geworden: Die Wähler haben die Partei halbiert. Sie holte das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte in dem Bundesland und verlor die Wahl noch dazu mit der AfD an eine Partei rechts von ihr. Würde der frühere CSU-Chef Franz-Josef Strauss noch leben, der einst sagte, an dieser Stelle dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei neben der Union geben, er wäre entsetzt.Parteistrategen sollten nun keinesfalls dem Drang nach mentaler Entlastung nachgeben. Das Desaster allein auf die Gefechtslage vor Ort zu schieben, wäre falsch. Es wäre vor allem halsbrecherisch. Diese Wahl war ein Misstrauensvotum gegen die gesamte Partei, nicht nur den Landesverband in Sachsen-Anhalt. Die Umfragen zeigen es deutlich. 86 Prozent der abgewanderten Wähler äusserten sich enttäuscht über Bundeskanzler Friedrich Merz. Er habe zu viel versprochen und zu wenig gehalten.Erst durch die grossen Hoffnungen, die gerade rechtskonservative Wähler mit Merz verbanden, erklärt sich der harte Aufschlag der Partei jetzt. Merz stand für den Bruch mit den von vielen zuletzt als bleiern empfundenen Merkel-Jahren. Er verkörperte eine restriktive Migrationspolitik, eine Gesellschaftspolitik ohne Experimente, ja er traute sich sogar, schwerwiegende Fehler seiner Partei wie etwa den Atomausstieg anzusprechen. Im Zweifel noch einmal für die CDU, so lautete das Votum vieler Wähler. Selbst mit diesem Vertrauensvorschuss reichte es im Bund nur für ein Ergebnis von knapp unter dreissig Prozent.Die Wähler kannten Merkel, Merz nichtWas die Wähler anschliessend bekommen haben, ist allerdings in weiten Teilen ein Wiederaufguss der Merkel-Ära. Merkel hätten die Wähler das möglicherweise sogar verziehen. Sie wussten bei ihr ja, was sie erwartete. Sie kannten sie, wie Merkel in einem berühmt gewordenen Satz richtigerweise einmal behauptete. Merz hingegen kannten sie nicht, und als sie ihn kennenlernten durften, war das Entsetzen gross.Die Tragik des Merz ist, dass ihm das Wenigste davon persönlich anzulasten ist. Er hat die Partei wie angekündigt erneuert. Er hat die richtigen Schwerpunkte gesetzt. Aber angekettet an eine programmatisch ausgezehrte und personell ausgedünnte SPD, blieb davon kaum etwas übrig. Hinzu kommt eine Öffentlichkeit, die von linksliberaler Weltanschauung durchwebt ist und gegen jeden konservativen Politikwechsel agitiert.Obendrein wirkt Merz nun unter dem Druck der Verhältnisse oft störrisch, ja genervt von den eigenen Bürgern. Seit dem vormaligen Kanzler Scholz weiss man, wie so etwas endet.Es gibt allerdings noch einen weit dramatischeren Befund. Die CDU hat unterschätzt, wie tief die Enttäuschung gerade bürgerlicher Wähler reicht, wie viele sich mittlerweile von der Partei abgewandt haben. Nichts zeigt das deutlicher als die Mobilisierung von Nichtwählern durch die AfD. In Sachsen-Anhalt bekam sie aus diesem Lager fast doppelt so viele Stimmen wie von enttäuschten CDU-Wählern. Man kann davon ausgehen, dass es sich hier nicht um Linke handelt, wenn sie sich ausgerechnet von einer Partei wie der AfD wieder zum Wählen animieren lassen.Die Brandmauer hat ihren Zweck nicht erfülltEs sind Bürger, die zu adressieren das politische Berlin weder gewillt noch imstande ist. Dass sie ihre Heimat nun in der AfD finden, sollte gerade die CDU aufrütteln. Es müssten ihre Wähler sein, zumindest wenn man Strauss folgt.Es wäre ratsam für die Partei, daraus nun nüchterne Schlüsse zu ziehen. Es braucht einen neuen Umgang mit der AfD. Eine CDU-Minderheitsregierung könnte sich wechselnde Mehrheiten suchen, auch mit der AfD. Das bedeutet nicht, Positionen preiszugeben, die für die CDU unverhandelbar sind, wie etwa die Westbindung oder das Bekenntnis zur Europäischen Union. Es wäre aber das überfällige Eingeständnis, dass es mit dieser Partei einige inhaltliche Schnittmengen gibt.Die Brandmauer hat ihren Zweck nicht erfüllt. Hinter ihr brennt es lichterloh. Nur eben nicht auf der Seite der AfD.157 KommentareGerhard Weisweiler Gestern1 EmpfehlungIch denke die Bürger hätten mehr Verständnis für die nötigen Reformen,