Die neuen WiderstandskämpferAls Reaktion auf rechte Parteien wie die AfD verbreiten Politiker und Medien einen schrillen Antifaschismus. Selbst Gewalt scheint manchen legitim.06.09.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenNotfalls mit Gewalt: Proteste gegen die Gründung der AfD-Jugendorganisation «Generation Deutschland» in Giessen, 29. November 2025.Matias Basualdo / Imago«Horch sie singen Lieder, Gläser klingen, siehst Du was? Öffnet man die Kragen, ballt man schon die Hand ums Glas? Nein, dies Lachen kenn ich, alles ist noch halber Spass, ich entsich’re erst, wenn man im Chor und Marschtakt lacht.» 1966, als in der Bundesrepublik Deutschland die CDU regiert und mit der SPD eine grosse Koalition eingeht, legt sich der Liedermacher Franz Josef Degenhardt symbolisch auf die Lauer.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Lied «Feierabend» beschreibt er, wie ein Familienvater seine Frau anweist, ihm ein Kännchen Schnaps zu zapfen, bevor er das Maschinengewehr auf die Wohnungstür richtet. «Diesmal Lodenröcke, dieses Mal, da lauern wir. Wir sind diesmal Jäger, in die Falle tappt jetzt ihr.» Degenhardt, ein berühmter Liedermacher, ist damals 35 Jahre alt. Zu jung, um am Widerstand gegen das Hitlerregime teilgenommen zu haben, aber umso mehr bestrebt, das von den Eltern Versäumte nachzuholen. Mit oder ohne Nazis.Alle wollen Sophie Scholl seinDer nachträgliche Widerstand gegen alte und neue «Faschisten» ist in den letzten Jahrzehnten nicht kleiner geworden. Vielmehr scheint er heute so stark und vor allem populär wie nie. Vor allem an den politischen Rändern. «No pasaran!», rufen Cédric Wermuth und andere Schweizer Sozialdemokraten den Volksmassen am 1. Mai zu, als seien sie Dolores Ibárruri an der Front von Teruel. Passend dazu organisieren sie Veranstaltungen zum Thema «Gestern & Heute: Widerstand!» mit Verweisen auf den Spanischen Bürgerkrieg.In Frankreich, wo die Zahl der Résistance-Kämpfer nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rapide anstieg, hat sich die Linksaussenpartei LFI von Jean-Luc Mélenchon rhetorisch im Maquis verschanzt, um gegen die «Fachos» zu kämpfen. Die wittert man überall, nur nicht in den eigenen Reihen, wo es einiges zu sehen gäbe.Derweil tauchen in Deutschland immer wieder Menschen auf, die in KZ-Uniformen gegen den Faschismus demonstrieren oder sich als geistige Erben der 1943 hingerichteten Widerstandskämpferin Sophie Scholl fühlen. So zierte Scholl 2017 ein Wahlplakat der AfD, einige Jahre später sollte sie plötzlich Querdenkerin sein, und Anfang 2024 warb der Südwestdeutschen Rundfunk mit ihrem Bild für Demos «gegen Rechts».In ihrer Sehnsucht nach Kampf und Widerstand schaukeln sich Linke und Rechte gegenseitig hoch, mit Rufen nach Barrikadenstürmen und Tyrannenmord. «Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?», rief der Komiker Uwe Steimle kürzlich an einer AfD-Versammlung, als wäre Friedrich Merz Adolf Hitler.Milei, Le Pen, Höcke – für den «Spiegel» sind alle «heimliche Hitlers»Der gesellschaftliche Umgang mit dem Phänomen ist von einer auffälligen Doppelmoral geprägt. Während Corona-Demonstranten und AfD-Sophie-Scholls meist sofort niedergemacht werden, ernten Linke mit ihren Widerstandsposen oft kaum Widerspruch.Das liegt nicht zuletzt an den Medien. Als die deutsche Linken-Politikerin Heidi Reichinnek Anfang 2025 im Bundestag zur Errichtung von Barrikaden gegen den «Faschismus» aufrief, erkoren sie Journalisten im In- und Ausland zur «Ikone linker Pop-Kultur» (Tamedia), ohne sich zu fragen, in welcher Tradition der «Antifaschismus» der Linken steht, die früher SED hiess.Viele Journalisten teilen die linkspopulistische Analyse, wonach der Aufstieg von rechten und in Teilen rechtsextremen Parteien wie der AfD, dem Rassemblement national oder den Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni als Ausdruck eines globalen «Rechtsrucks» oder eines neuen «Faschismus» zu betrachten sei.In dieser Wahrnehmung gibt es keine Unterschiede mehr zwischen einem transatlantischen Libertären wie Javier Milei, einer Etatistin wie Marine Le Pen, einem Björn Höcke mit seinem Russland- und Germanenfimmel oder einer Giorgia Meloni, die seit vier Jahren demokratisch regiert ohne Schlägerbanden und Straflager.Laut einer grossen Titelgeschichte des «Spiegels» haben wir es in allen erwähnten Fällen mit «heimlichen Hitlers» zu tun, wobei auch sämtliche Kritiker der Gendersprache dieser Gattung zuzuordnen sind. Genauso hätte das Magazin Lula da Silva, Kim Jong Un, Pedro Sánchez, Zohran Mamdani und Heidi Reichinnek als «heimliche Stalins» vorführen können, mit Warnungen vor einem globalen Linksruck und einer Rückkehr des Bolschewismus.Aus dem Antifa-Ratgeber: «Singen Sie antifaschistische Lieder»Von links droht nach Ansicht vieler Journalisten ohnehin keinerlei Gefahr, trotz über hundert Millionen Toten in «Volksdemokratien» und anderen roten Diktaturen. Dafür muss der Kampf gegen Rechts umso unerbittlicher geführt werden. «Was ‹neuer Faschismus› meint – und wie man ihn bekämpft», so lauten aktuelle Schlagzeilen und Buchtitel, oder: «Machtübernahme. Eine Anleitung zum Widerstand». Die «Süddeutsche Zeitung» fragte kürzlich ein wenig verzweifelt, wo denn die Helden des politischen Widerstands geblieben seien, fand aber immerhin Bruce Springsteen und Herbert Grönemeyer, die offenbar in einer Tradition stehen mit Jean Moulin oder Georg Elser.Besonders seit dem Aufstieg der AfD schreiben linke Medienschaffende fast lustvoll eine Apokalypse herbei, weshalb sie das Publikum schon einmal auf das Leben im antifaschistischen Untergrund vorbereiten. Die «Wochenzeitung» («WoZ») veröffentlichte im letzten März ein grosses Antifa-Dossier, inklusive Ratgeber für den alltäglichen Kampf gegen den Faschismus. «Schritte zum Widerstand» lautete die Überschrift.Einige Highlights: «Singen Sie antifaschistische Lieder» (etwa «Drei rote Pfiffe» oder «I ribelli della montagna»), «Verschenken Sie antifaschistische Literatur», oder: «Seien Sie klassenbewusst und klassenkämpferisch.» Denn: «Das Kapital hat sich noch immer den Faschist:innen angedient.»Mit diesem Argument rechtfertigten Kommunisten bekanntlich schon vor hundert Jahren ihren Kampf gegen Freiheit und Demokratie. Was man in der «WoZ» ebenso wenig erfährt wie die Tatsache, dass der Antifaschismus von autoritären Regimen genauso missbraucht wurde wie der Antikommunismus.Linkes Leitorgan sinniert über «gewaltförmigen» WiderstandAuch Gewalt scheint manchen Medien inzwischen als legitimes Mittel, um ein Viertes Reich zu verhindern. Das zeigte sich vor den Wahlen im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt. Angesichts eines möglichen Wahlerfolgs der AfD veröffentlichte die linksalternative «Tageszeitung» («TAZ») am 21. August einen «Weckruf zur Wehrhaftigkeit» unter dem Stichwort «Antifaschismus und Militanz».Es sei, so die «TAZ», «zwingend, sich mit Widerstandsformen – notfalls auch gewaltförmiger Natur – auseinanderzusetzen», um einen «rechtsradikalen Umsturz» abzuwenden und gegen «verfassungswidrige Anordnungen» einer möglichen AfD-Regierung zu kämpfen.Als Aufruf zur Gründung einer neuen Rote-Armee-Fraktion wollte die «TAZ» das natürlich nicht verstanden haben. Vielmehr gehe es darum, «Schwächere zu schützen», namentlich «Migrant:innen, Jüd:innen, Queers und Frauen». Denn gegen die erreiche der Hass «Höchststände».Bei aller berechtigten Sorge über die AfD, die in Sachsen-Anhalt ungerührt mit Neonazis kooperiert, offenbaren derartige Aufrufe ebenfalls eine auffällige Nähe zu autoritärem Gedankengut. Sie tragen zur Legitimierung jener Selbstjustiz bei, die Linksextreme unter dem Vorwand des Antifaschismus schon lange praktizieren, ohne dass die AfD regiert.Dieser angebliche Widerstand «gewaltförmiger Natur» richtet sich nicht nur gegen die AfD, sondern auch gegen CDU- und SPD-Vertreter, gegen Polizisten, Medienschaffende und Privatpersonen, die von linken Gewalttäter als «Feinde» identifiziert werden.Die Behauptung, man müsse «Schwächere» und «Unterdrückte» in einem Akt der Notwehr schützen, ist ein klassisches Argument für linke Gewalt. Die RAF benutzte es, um mit palästinensischen Nationalisten gegen «Israels Nazi-Faschismus» zu kämpfen, wie es Ulrike Meinhof ausdrückte. Eine Frau, die sich während ihrer späteren Haft mit Auschwitz-Opfern gleichsetzte.Im Namen der «schwächsten Teile der Gesellschaft» handelte auch der linksradikale Mörder, der 2002 den niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn erschoss. Denn der homosexuelle Politiker hatte es als einer der Ersten gewagt, Migranten und Muslime als Urheber schwulenfeindlicher Gewalt zu benennen. Seither wird dieser Befund durch Umfragen und Verbrechen in europäischen Grossstädten immer wieder bestätigt, zuletzt beim tödlichen Angriff eines Islamisten auf den Christopher Street Day in Berlin.Die «TAZ» blendet diese Gewalt in ihrem «Weckruf zur Wehrhaftigkeit» komplett aus, und das nur wenige Wochen nach dem Attentat. Dies, indem sie suggeriert, alle Gewalt gegen «vulnerable Gruppen» hänge mit dem Aufstieg von Rechtspopulisten und Rechtsextremen zusammen. Der Zaubertrick ist in progressiven Kreisen international beliebt, führt aber auch im Fall von misogyner und antisemitischer Gewalt in die Irre. Morde an Juden gingen in Europa in den letzten zwanzig Jahren sogar mehrheitlich von Islamisten aus.Um die «Schwächsten» geht es kaumBezeichnenderweise ist von den neuen Widerstandskämpfern selten etwas zu hören, wenn es um die Gefahr von Islamisten geht, die Demokratien auf legalem Weg oder durch Terror zerstören wollen. Die angeblich wehrhafte «TAZ» betätigt sich vielmehr immer wieder als Sprachrohr von muslimischen Verbänden und Aktivisten, die zum Teil Gendersternchen benutzen und gleichzeitig mit der erzreaktionären, antisemitischen Muslimbruderschaft sympathisieren.Ähnliche Widersprüche und Symptome von Realitätsverweigerung offenbart die «WoZ». In ihrem Antifa-Ratgeber mahnt sie, man solle sich des «Widerstands von Frauen, Queers, jüdischen und nicht weissen Menschen» erinnern. Gleichzeitig stellt sie die deutsche Migrantifa-Bewegung als leuchtendes Beispiel des gegenwärtigen Kampfes dar. Ein Netzwerk, das wenige Tage vor der Publikation des «WoZ»-Artikels an einer Demo beteiligt war, an der judenfeindliche Parolen aus dem Koran skandiert und die Hamas als Widerstandsbewegung gefeiert wurde.Um die «Schwächsten» geht es den neuen Widerstandskämpfern also in vielen Fällen kaum. Ebenso wenig um die Demokratie. Worum dann?Der Literaturwissenschafter Hans Dieter Zimmermann bezeichnete das Phänomen des nachgeholten Widerstandes in Deutschland 1993 als «therapeutisches Theater» von Kindern und Enkeln der Täter. Diese hätten sich zu Opfern eines neuen Faschismus gemacht und hielten «jede geringe Widersetzlichkeit, auch das Unterschreiben einer Resolution, für Widerstand». Hysterie gehöre genauso zu diesem Theater «wie die Inflation des Begriffs Widerstandes».Der «inszenierte Antifaschismus» führe letztlich zu einem Realitätsverlust und einer politischen Neurose, die am deutlichsten bei der RAF zum Ausdruck gekommen sei. Immerhin, so Zimmermann 1993, habe der «antifaschistische Mainstream» bisher den Aufstieg einer rechtspopulistischen oder rechtsextremen Partei in der BRD verhindert.Eine Hoffnung, die sich bekanntlich nicht erfüllt hat. Vielleicht auch, weil das Geschrei über die neuen Hitlers schon zu hören war, als die AfD noch moderat war. Und das Publikum das Geschrei irgendwann nicht mehr ernst nimmt, egal, ob es Anlass zur Sorge gäbe oder nicht.Als sich der eingangs erwähnte Liedermacher Franz Josef Degenhardt 1966 symbolisch auf die Lauer legte, waren die deutsche Justiz und die Geheimdienste von alten Nazis durchsetzt. 1964 wurde die NPD gegründet. Degenhardt hat diese Tatsachen in vielen Liedern kritisiert. Etwa, indem er alte Nazis und Opportunisten wie den Notar Bolamus besang, der immer ein bisschen dafür und ein bisschen dagegen war («‹Nur Auschwitz›, sagt er, ‹das war ein bisschen zu viel.›»).Wie viele spät geborene Widerstandskämpfer driftete Degenhardt politisch ab, trat der Deutschen Kommunistischen Partei bei und schrieb Loblieder auf die DDR. Aber eines unterscheidet ihn von den heutigen Résistance-Helden: Wer ihm zuhört, lacht mit ihm, nicht über ihn.Passend zum Artikel
Notfalls mit Gewalt: Medien inszenieren sich als Widerstandskämpfer gegen rechts
Als Reaktion auf rechte Parteien wie die AfD verbreiten Politiker und Medien einen schrillen Antifaschismus. Selbst Gewalt scheint manchen legitim.









