Rohmilch statt Flat White, Melken statt Abende in der Szenebar, Kälber retten statt ans Musikfestival: Warum eine Städterin trotz Mäusephobie und Heimweh ihren Sommer alleine mit hundert Kühen auf der Alp verbringt.Anita Blumer, Emiliano Ponzi (Illustrationen)06.09.2026, 05.30 Uhr15 LeseminutenWir sitzen in einem hippen Zürcher Café, trinken Flat White und teilen uns einen Dattel-Brownie. Es ist Ende Mai. In wenigen Tagen wird meine Schwester Jessica wieder auf die Alp ziehen, um einen Sommer lang hundert Kühe zu hüten. Sie wird alleine in einer Hütte leben und täglich von frühmorgens bis spätabends dafür sorgen, dass es den Tieren gutgeht, sie genug zu essen und zu trinken haben. Sie wird ihre entzündeten Klauen behandeln und sie zurücktreiben, wenn sie zu weit die Hänge hinaufsteigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.An den Nebentischen starren Menschen in ihre Laptops. Es ergibt doch Sinn, sich einen Sommer lang von diesem Bildschirmleben zu verabschieden, um sich im Bergbach zu waschen und auf dem Feuer zu kochen, finden wir. Trotzdem schwankt Jessica. Ist sie mit 42 nicht langsam zu alt für diese Strapazen? Eigentlich hat sie sich längst entschieden, doch jetzt will sie nochmals hören, dass sie das Richtige tut. Ich bestärke sie. Hätte ich keine Familie, würde ich sie sofort begleiten. Ich teile ihre Sehnsucht nach einem einfachen Leben in der Natur. Manchmal träumen wir gemeinsam davon, Ziegen und Hühner zu halten. Aber gerade ist es für mich aufregend genug, Jessicas Abenteuer aus der Ferne mitzuerleben.I. GlückIn dem kleinen Dorf im Glarner Hinterland, wo wir in den neunziger Jahren in die Primarschule gingen, war «Puur» eine Beleidigung. Die Bauernkinder rochen nach Stall und wurden in der Schule gemobbt. Dass sie den Sommer über heuen oder mit ihren Eltern auf die Alp mussten, während wir in die Badi gingen, erschien uns bemitleidenswert. Heute ist meine Schwester ganz angetan von Bauernkindern, die als Baby in einer Wippe im Stall zwischen den Kühen schlafen und als Kleinkind beim Treiben helfen. Seit sechs Jahren verbringt Jessica den Sommer als Rinderhirtin auf der Alp. Für das tiefe Glück, das sie dort erlebt, opfert sie alle sommerlichen Verheissungen der Stadt: lange Abende am Fluss, Festivals, Frauenstreik, Pommes in der Badi.Was das für ein Glück sei, fragen wir uns beide mitten im Szene-Café. Schliesslich steht die Alp doch für beides: Paradies und Hölle. Hochgefühl und Verzweiflung. Um der Frage auf den Grund zu gehen, begleitete ich Jessica als Journalistin durch diesen Sommer und zeichnete die Gespräche mit ihr auf.Antwort: «Bevor ich auf die Alp gehe, muss ich immer eine letzte Massage buchen, eine letzte Ramensuppe essen, ein letztes Mal in die Limmat springen, diesen Freund, jene Freundin treffen, ins Kino gehen, mit meinen Neffen und der Nichte in den Zoo, mit den Schwestern Kaffee trinken. Die Liste ist lang und zeigt mein Problem: Ich komme in der Stadt nicht zur Ruhe. Und dann, kurz bevor es losgeht, wenn ich das Essen für zwei Monate eingekauft und mein WG-Zimmer zur Untervermietung geräumt habe, spüre ich Wehmut. Ich vermisse schon mein Leben zu Hause, obwohl ich noch da bin.»II. KriseDas Urner Maderanertal ist bekannt für seine Artenvielfalt, Gletscher, Wasserfälle und kristallklare Bergseen. Aber Jessica findet in der ersten Woche auf der Alp alles grässlich. Sie hat Heimweh.Antwort: «Eine bescheuerte Idee, mein schönes Leben hinter mir zu lassen, um in der Einöde Fliegen und Zecken abzuwehren. Jedes Jahr dasselbe: Die ersten Tage schmeckt mir das Essen nicht, in der Hütte riecht es modrig, und ich denke, das ist ganz sicher mein letzter Alpsommer. Die Tiere sind ein Trost. Wenn ich schlecht gelaunt auf meine Runde gehe und auf ein Rind treffe, das letztes Jahr als Kalb bei mir war, geht mir das Herz auf. Etwa ein Drittel der Tiere kenne ich vom letzten Jahr.Antwort: Als ich 2021 das erste Mal als Rinderhirtin z Alp ging, wusste ich nichts über Kühe. Mit der Zeit lernte ich sie kennen. Kühe sind gerne in Gruppen unterwegs, machen alles zusammen: ausruhen, spielen, wellnessen. Dabei lecken sie sich stundenlang gegenseitig ab. Wenn sie spielen, kämpfen sie miteinander oder rennen herum. Im Laufe des Sommers wird die Beziehung zu den Tieren stärker. Ich lerne jedes einzelne kennen. Wie wir Menschen hat jedes einen anderen Charakter. Manche sind zugänglich, andere skeptisch. Rinder und Kälber sind verspielt, wie Teenager und Kinder. Die machen nur Seich, steigen irgendwo hinauf, wo sie nicht mehr runterkommen. Dann muss ich einen sicheren Weg finden und sie herunterlocken oder -treiben. Einmal mussten ich und mein damaliger Alpchef, der eine halbe Stunde weiter unten die Milchalp betreibt, einen Baum fällen, um einem verstiegenen Rind den Weg freizumachen. Rinder sind neugierig und lieben es, wenn etwas los ist. Einmal spielte ein Freund auf Besuch seine indische Querflöte auf der Weide, da kamen sie sofort angerannt. Ein andermal trieb ich zwei Rinder in den Stall, weil ich einem eine Antibiotikaspritze geben musste. Ich hatte diese samt Medikamenten in einem Stoffsack bereitgelegt. Ehe ich mich versah, hatte eines der beiden den Beutel bereits im Maul und kaute darauf herum.Antwort: Es ist so, seit meinem ersten Alpsommer liebe ich Kühe. Hätte man mich mit Schweinen auf eine Alp geschickt, würde ich jetzt vermutlich Schweine lieben.»III. TransformationDie ersten vier Wochen verbringt Jessica auf dem Unterstafel, der tiefer gelegenen Alpweide. Sie lebt in einer Hütte, die mit dem Auto erreichbar ist und zwischen einer Handvoll Ferienhäuser steht. Es gibt ein WC, Strom und fliessendes Wasser. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist im Dorf, eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt. Die Alpgenossenschaft Stössi, für die meine Schwester arbeitet, betreibt hier eine Käserei und sömmert eine Milchkuhherde, die in tieferen Lagen bleibt. Und dann eben die Rinder- und Mutterkuhherde, die weiter hinaufzieht und von meiner Schwester gehütet wird. Jessica schaut dort oben einmal am Tag nach den Tieren, kontrolliert Wasserfassungen, staut wenn nötig Bäche, stellt Zäune auf, bringt den Tieren Salz, treibt sie von steilen Hängen herunter, behandelt einfache Verletzungen und zieht mit ihnen weiter, wenn eine Weide abgegrast ist. Die Bauern der Alpgenossenschaft sind verpflichtet, pro Tier, das sie auf die Alp schicken, einen Tag zu helfen. Sie stellen mit Jessica Zäune auf, säubern die Weiden und helfen bei Wechseln.Meine Schwester ging immer gerne an ihre Grenzen. Schon als Neunjährige sprang sie in der Badi vom Zehn-Meter-Sprungbrett. Das hätte ich mich nie getraut. Ich bin eher der bequeme Typ und quäle mich nicht besonders gern. Und doch war ich immer dabei, wenn meine Schwester sich etwas ausdachte: mehrtägige Wanderungen, Übernachtung in einer verlassenen Hütte, Biwakieren auf einem Berggipfel.Einmal wanderte Jessica vom Glarnerland bis ans Mittelmeer, ein anderes Mal machte sie die Walliser Skitour Haute-Route. Die Alperfahrung passt auf den ersten Blick in diese Aufzählung und ist dennoch etwas ganz anderes, denn Hirtin ist ein Beruf.Antwort: «Zu Hause gebe ich Geld für einen Bergführer aus und nehme ein paar Tage frei, um ein Abenteuer zu erleben. Hier oben ist meine Arbeit das Abenteuer. Ich bin für hundert Kühe verantwortlich, bei jedem Wetter draussen und immer in Bewegung. An manchen Tagen, wenn wir bei über dreissig Grad zäunen und ich noch nach den Tieren sehen muss, schaffe ich es abends gerade noch, ein Stück Brot zu essen, bevor ich erschöpft ins Bett falle.Antwort: In den Wochen vor der Alp zerbreche ich mir den Kopf über meine Packliste und verbringe viel Zeit in Outdoor-Läden. Brauche ich einen High-End-Feldstecher? Neue Gummistiefel? Reichen drei Stück Seife? Dabei weiss ich: Einmal angekommen, spielt die Marke der Regenjacke keine Rolle mehr, nass wird man bei Dauerregen sowieso. Am Anfang ist das Wetter zu heiss, zu kalt, zu nass. Die Insekten stechen, beissen, nerven. Das Gelände ist zu steil, zu weitläufig, zu unübersichtlich. Bis sich Körper und Seele an die neue Umgebung gewöhnt haben. Wenn dann die Sonne scheint, ist man dankbar – regnet es, ist es einfach so. Das zu akzeptieren, kostet mich keine Kraft mehr. Gleichmut zieht ein.Antwort: Wenn ich überfordert bin, denke ich oft an meinen ersten Alpchef. Unglaublich, dass er mir damals zutraute, allein 150 Tiere zu hüten, obwohl ich null Erfahrung hatte. In meiner Verzweiflung wurde ich manchmal so wütend, dass ich dachte: Der Typ hat nicht alle Tassen im Schrank, mir diese Stelle zu geben, ich schaffe das niemals! Als Rinderhirtin ist man meistens alleine, und so war ich auch mit meiner Wut alleine. Ich nahm mir vor, meinem Chef die Meinung zu sagen, wenn ich ihn sehe. Als er dann ein paar Tage später auftauchte, löste sich mein Ärger in Luft auf. Der Chef machte mir Mut, sagte: ‹Du schaffst das.› Es ist eine besondere Erfahrung, wenn man auf sich gestellt ist und einem auf einmal etwas gelingt. Das kann etwas Kleines sein. Vor kurzem habe ich es etwa geschafft, einer scheuen Kuh die Glocke abzunehmen, weil sie einen Abszess am Hals hatte. Ich hatte es mehrere Tage probiert, sie ist mir immer davongelaufen. Schliesslich habe ich sie an den Nasenlöchern festgehalten, so, wie ich es bei den Bauern gesehen hatte. Das hat mich Überwindung gekostet.»IV. MutMitte Juni besuche ich meine Schwester auf dem Unterstafel. Sie holt mich auf der Terrasse des nahe gelegenen Hotels Maderanertal ab. Jessica kennt fast alle Gäste. Es sind Einheimische und Ferienhausbesitzer. Eine Frau sagt zu mir: «Wir haben die grösste Bewunderung für das, was deine Schwester macht. Für den Mut, den es braucht, als Frau ganz alleine hier oben.» – «Na, hoffentlich werde ich bewundert, immerhin eine Genugtuung für all die Strapazen», sagt meine Schwester, als ich es ihr erzähle.Antwort: «Alle meinen, ich sei mutig. Der Witz ist: Ich fürchte mich vor Mäusen, Schlangen und Spinnen, und an manchen Tagen graust es mir vor allem. Dann denke ich, wenn man nur diese Hütte renovieren und verputzen könnte, so dass kein Getier mehr reinkommt. Ich habe zwei Bedürfnisse, die sich widersprechen: Ich mag Sauberkeit, und ich mag die Natur. In meiner Wohnung in Zürich ist alles perfekt aufgeräumt und sauber, das beruhigt mich und gibt mir ein Gefühl von Kontrolle. Gleichzeitig liebe ich es, hier oben mit den Tieren zu arbeiten, verschwitzt und dreckig zu sein.»V. MenschenIm Glarnerland, wo wir herkommen, sind die Menschen eher zurückhaltend, vielleicht, weil sie schüchtern sind. Dort kann es schon einmal vorkommen, dass jemand absichtlich in die andere Richtung schaut, um einer Begegnung aus dem Weg zu gehen. Hier im Urnerland hingegen, wo man sich wegen des Gotthardtunnels Reisende gewohnt ist, wird meine Schwester ständig angesprochen und eingeladen.Antwort: «Wenn ich an einer Hütte vorbeikomme, rufen die Leute schon von weitem: ‹Bist du die Rinderhirtin? Nimmst du einen Kaffee? Was, du hattest noch kein Mittagessen? Komm, setz dich. Hans, los, hol eppis!› Wenn ich einen Hammer brauche oder eine Zecke im Rücken habe, klopfe ich bei meinen Nachbarn an. Hier oben helfen alle allen. Der eine bringt ungefragt Holz und legt es mir in die Hütte neben den Ofen, der andere montiert Vorhänge, eine Nachbarin stellt Konfitüre vor die Tür. Alles passiert spontan. Wenn ich mit den Bauern zum Zäunen eine Uhrzeit vereinbaren will, sagen sie: ‹Mir lueged de, mir gfindet ys schu.›Antwort: Auf der Alp ist jeder Besuch und jede Begegnung wertvoll für mich. Ich habe nie das Gefühl, etwas zu verpassen, sondern bin immer genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich erlebe so viel, und alles ist besonders. Ich empfinde hier oben eine grosse Nähe zu den Menschen: zu den Bauern, die mir beim Zäunen helfen, zum Käser, der mich mit dem neuesten Klatsch aus dem Tal versorgt, zum Personal der SAC-Hütten, das mich zum Apéro einlädt, bis zur Hirtin, die auf der benachbarten Alp 130 Rinder und 50 Lamas hütet. Ich sehe diese Menschen während eines Sommers vielleicht nur wenige Male. Aber weil es nichts anderes gibt, keine Ablenkung durch das Handy oder andere Menschen, sind diese Begegnungen intensiver als zu Hause.»VI. TiereBei meinem Besuch Mitte Juni hat Jessica auf dem Tisch in der Hütte Kräuter und Blüten zum Trocknen ausgelegt. Im Maderanertal wachsen seltene Blumen, etwa der Gelbe Frauenschuh, der Türkenbund oder die Feuerlilie. Doch diesen Sommer ist es auch hier zu heiss und zu trocken. Das Gras für die Kühe wird knapp, und Ende August werden die Milchkühe vorzeitig zurück ins Tal ziehen. Aber bei meinem Besuch ist der Alpsommer noch jung. Ich begleite meine Schwester auf ihrer Morgenrunde. Es ist sieben Uhr und angenehm kühl. Wir steigen etwa eine Stunde den Hang hinauf, dann sehen wir die ersten Tiere. Jessica stellt mir alle vor: «Das ist Joli, sie ist ziemlich frech.» Joli ist ein Kalb und beginnt, an Jessicas Rucksackbändel zu knabbern. Meine Schwester zeigt auf eine grosse Kuh: «Und das hier ist Daniela. Die Herdenälteste ist dreizehn Jahre alt und hat zehn Kälber zur Welt gebracht.» Jessica spricht über ihre Tiere wie Eltern über ihre Kinder. Sie schickt mir ständig Kuhvideos.Antwort: «Oft bin ich stolz auf die Kühe. Wenn ich sehe, wie gut sie es in der Gruppe miteinander haben, wie sie ruhig in einer Kolonne den schmalen Wanderweg entlang auf eine neue Weide ziehen. Aber wenn etwas ist, mache ich mir Sorgen, und irgendetwas ist meistens: Augenentzündung, Durchfall, Gruppen, die sich trennen, Tiere, die verschwinden. Auf der Nachbaralp ist letztes Jahr eine Kuh nicht wieder aufgetaucht. Diese Alp ist voller Erdlöcher, bis zu zwanzig Meter tief und unter Gebüschen versteckt, so dass Tiere hineinfallen und nie wieder gefunden werden. Ich hoffe, dass ich nicht auch verschwinde, denn auf meiner Alp habe ich auch schon ein paar Löcher entdeckt.Antwort: Einmal musste der Heli kommen, weil ein Kalb an einer akuten Lungenentzündung litt und ins Tal geflogen werden musste. Wenn der Heli kommt, muss es schnell gehen: Meistens lädt er zuerst den Flughelfer ab. Der rennt zur Kuh, zieht ihr das Tragnetz an, während der Bauer sie festhält. Sobald das Netz sitzt, wird die Kuh ruhig, erstarrt förmlich. Der Flughelfer funkt dem Piloten, der Heli kommt mit dem langen Seil zurück. Die Kuh wird eingehängt und dann geht es in die Luft.Antwort: Ein andermal hatte ich alle Tiere zusammengetrieben, weil wir auf eine neue Weide zogen. Da hörte ich eine Glocke und ein Muhen aus dem Wald. Ich fand die Kuh auf einem Felsvorsprung, kletterte zu ihr hinauf, sie konnte weder vor noch zurück. Die Bauern waren zum Glück schon unterwegs, um mir beim Treiben zu helfen. Der Bauer, dem die Kuh gehörte, blieb bei ihr, bis der Heli kam, und wir trieben die anderen Kühe auf die neue Weide. Der Heli brachte das Tier direkt auf die neue Weide. Kaum stand sie auf dem Boden, wollte sie davonrennen, zog den Flughelfer und den Bauern kurz hinter sich her, bevor sie es schafften, das Netz zu lösen. Dann begann sie zu fressen, als wäre nichts gewesen.Antwort: Im ersten Alpsommer erlebte ich eine ähnliche Situation, die tödlich endete. Das Rind wurde nervös, trat zu weit nach vorne und verlor das Gleichgewicht. Ich stand wenige Meter entfernt und sah, wie es abstürzte. Es brach sich drei Beine. Ich rannte zur Hütte meines Alpchefs, etwa eine halbe Stunde entfernt. Mit einem Bolzenschussgerät erlöste er schliesslich das Rind.Antwort: Ich musste lernen, dass ich nicht jedes Unheil verhindern kann. Wenn ein Tier in Gefahr ist, bleibe ich mittlerweile ruhig, trotzdem geraten die Tiere manchmal in Panik und machen einen falschen Tritt.»VII. KäseEs ist Mitte Juli, als Jessica mit dem Helikopter abgeholt wird. Sie zieht 700 Höhenmeter weiter auf den Oberstafel. Es ist das Prinzip der Alpwirtschaft: Die Tiere grasen auf den steilen Alpweiden, und wenn alles abgefressen ist, ziehen sie auf die nächste Weide, immer weiter hoch, bis sie ganz oben sind. Die Hirtin zieht mit und wechselt je nach Alp einmal oder mehrmals die Hütte.Vor der eindrucksvollen Gipfelkette wirkt die Alphütte auf dem Oberstafel winzig. Im Innern haben Mäuse den Vorhang angefressen und überall Kot hinterlassen. Vor dem Alpsommer ging Jessica extra noch zur Hypnosetherapie, um ihre Mäusephobie in den Griff zu bekommen. Spätabends, nach diesem langen ersten Tag, an dem sie mit den Bauern neue Zäune aufgestellt hat, sitzt sie auf ihrem frisch bezogenen Bett und versucht, das angeschaffte Ikea-Moskitonetz zusammenzubauen. Sie braucht dafür eine Ewigkeit. In den nächsten Tagen putzt sie die Hütte, stellt eine Mäusefalle auf und bepflanzt den Garten, den sie im Sommer zuvor mit Freunden angelegt hat: Rucola, Radiesli, Schnitt- und Nüsslisalat.Antwort: «Im letzten Alpsommer habe ich Bernhard und Maria kennengelernt. Sie haben ein Ferienhaus in der Nähe meiner Alphütte. Sie erzählten mir, dass sie früher diese Alp bewirtschaftet hätten. Dreissig Sommer lang lebten sie in dieser Hütte auf 2000 Metern, machten Käse, hüteten Rinder und Ziegen und zogen sechs Kinder gross. Durch sie kam ich auf die Idee, das Käsen zu probieren. Es gibt einen Käsekeller im hinteren Teil der Hütte. Und Strom – der älteste Sohn von Bernhard und Maria hat hier einst ein kleines Wasserkraftwerk installiert. Sogar Dusche und Waschmaschine sind Teil der Ausstattung. Und das Wichtigste: Es gibt einen Quellwasser-Kühlschrank, in dem man die Rohmilch kühlen kann, wenn man sie nicht direkt zu Käse verarbeitet.Antwort: Letzten Herbst habe ich auf einem zürcherischen Demeter-Hof einen Käsekurs besucht und das Melken von Hand geübt. Es ist gar nicht so einfach, Milch aus einem Euter zu bekommen. Jetzt frage ich mich, ob ich das mit dem Käsen bis zum Ende des Sommers noch hinbekomme.»VIII. KinderphantasieAls Kinder haben meine Schwester und ich in einem Doppelbett geschlafen. Abends erzählte ich ihr oft eine erfundene Geschichte von einem Mädchen, das fliegen konnte und ganz alleine in einer Hütte in den Bergen lebte. In jeder Episode rettete sie jemanden aus einer Notlage – einmal ein Tier, einmal ein Kind, genau erinnere ich mich nicht mehr.Der Zauber der Geschichte ging vor allem von ihrem vollkommen autonomen Leben mitten in der Natur aus. Erst jetzt fällt mir auf, dass Jessica auf der Alp genau diese Superheldinnen-Phantasie aus meiner erfundenen Geschichte lebt.Antwort: «Nachdem ich mich auf dem Oberstafel eingerichtet hatte, kamen Margrit und Franziska. Die beiden Töchter von Maria und Bernhard haben ihre halbe Kindheit in dieser Hütte verbracht und kennen jeden Winkel dieser Alp. Sie halfen mir, fünf Milchkühe hochzutreiben, und blieben die erste Woche bei mir, um mich beim Käsen zu unterstützen.Antwort: Während sie schnell und sauber melkten, spritzte bei mir die Milch in alle Richtungen, ich war von oben bis unten nass. Meine Hand- und Unterarmmuskeln brannten. Ich war zu langsam, das machte die Tiere ungeduldig. Eine Kuh fing an auszuschlagen und hat mich mehrmals mitsamt Melkstuhl umgeworfen. An meinem ersten Tag ohne Margrit und Franziska war ich richtig verzweifelt. Aber schon nach kurzer Zeit wurde ich besser. Melken tue ich aber nur noch eine Kuh. Orlanda.Antwort: Manchmal durchlebe ich innerhalb eines Tages so viele Gefühlszustände – von verzweifelt bis euphorisch und zurück –, dass sich der Tag wie eine Ewigkeit anfühlt. Ich lerne schnell, weil ich einfach vorwärtsmachen muss. Seit einigen Tagen produziere ich nun alleine Käse, langsam habe ich den Dreh raus. Orlanda gibt zehn bis zwölf Liter Milch am Tag, davon mache ich zwei bis drei Mutschli.Antwort: Käsen ist eine meditative Aufgabe. Man muss den Bruch, so nennt man die geronnene Milch, langsam schneiden. Ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr 30 auf und hole Orlanda von der Weide. Mittlerweile schaffe ich es, sie in sieben Minuten zu melken. Vormittags bin ich mit Käsen fertig, wasche alles ab und gehe auf meine Runde.Antwort: Erst wenn ich alle Kühe gesehen habe, mache ich Mittagspause, dann schmiere ich den Käse, was jeden Tag länger dauert, weil ich jeden Tag mehr Käse habe. Ich kann gar nicht glauben, dass sich diese Alphütte in so kurzer Zeit in eine Käserei verwandelt hat. Jetzt habe ich alles, was mir hier gefehlt hat. Milch, Joghurt, Ziger, Rahm und Butter.»IX. FragenDer Empfang auf Jessicas Alp ist oft zu schwach. Sie kann weder Google noch die KI konsultieren, wenn sie unsicher ist oder eine Frage hat, und sie hat viele Fragen: Ist das ein gutartiger Schimmel auf dem Käse? Warum ist das Euter so hart? Wieso ist der Käse in der Mausefalle weg und die Falle trotzdem leer? Wie schlau ist so eine Maus eigentlich? Jessica bleibt nichts anderes übrig, als selbst zu überlegen, abzuwägen und zu entscheiden. Und so bleibt sie alleine mit ihren schönsten und schwierigsten Momenten. Wird sie sich nächstes Jahr trotzdem wieder für einen Sommer auf der Alp entscheiden?Antwort: «Ganz sicher bin ich nicht. Aber wahrscheinlich gehe ich wieder. Das Alleinsein ist Fluch und Segen der Alperfahrung. Am Anfang ist es langweilig, weil man nicht die ganze Zeit konsumieren oder kommunizieren kann. Aber mit der Zeit wird alles interessant und schön: der Dampf, der aus der Teetasse steigt, der Käfer, der über den Stein krabbelt, das Feuer, das im Ofen knistert, die Geräusche, die Farben. Alles wird intensiver. Ich kann einfach schauen und sein. Jetzt, gegen Ende des Alpsommers, geniesse ich es sehr. Wenn ich Zeit habe, sammle ich Heidelbeeren, lege mich in den Bergbach oder besuche spontan die Nachbarshirtin, um ihr Käse zu bringen.Antwort: Ich brauche die Alp als Ausgleich. In meinem Leben in der Stadt bin ich oft unterfordert – auf dem Berg bin ich manchmal überfordert, dafür fühle ich mich lebendig. Wenn ich die Kuh auf der Weide melke, mit dem vollen Milchkessel zurück zur Hütte gehe oder mit dem Gummihammer über der Schulter und der umgeschnallten Leder-Werkzeugtasche zum Zäunen aufbreche, ist das manchmal surreal. Als würde ich eine Rolle in einem Film spielen. Bin das wirklich ich? Oft fühle ich mich auch wie ein Kind, weil ich vieles zum ersten Mal mache. Wenn ich beim Zäunen oder beim Bachstauen in einen Graben falle, finde ich das je nach Tagesform sehr lustig oder auch überhaupt nicht.Antwort: Jetzt, Ende August, bekomme ich langsam Lust auf das Tal. Ich sehe jeden Tag die gleiche Kulisse, sie ist wunderschön, und ich bin dankbar. Aber dann erschreckt mich die Maus in der Hütte, und auf meinem Kopf krabbeln Spinnen herum, und ich denke, jetzt habe ich langsam genug.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»