Pro ArtikelDer Doom-Loop droht: Mit dem Zinsanstieg wächst die Gefahr von Pleiten – in diesen fünf Bereichen könnte eine Finanzkrise entstehenDas Zinsniveau der Staatsanleihen ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Risiken lauern vor allem bei den wenig kontrollierten Schattenbanken.06.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIm Herbst 2008 musste die Bank Lehman Brothers ihre Insolvenz anmelden: Die Probleme begannen mit den steigenden Leitzinsen der US-Notenbank.Mary Altaffer / APAm 9. März 2023 versuchen die Kunden der Silicon Valley Bank, 42 Milliarden Dollar an Guthaben abzuziehen. Der Aktienkurs stürzt um über 60 Prozent ab. Am folgenden Tag muss die Bank ihre Pleite verkünden. Der Vertrauensverlust erfasst weitere Geldinstitute: Zehn Tage später bricht auch die Credit Suisse zusammen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am 20. Oktober 2022 reicht die britische Premierministerin Liz Truss ihren Rücktritt ein – nach nur gerade 45 Tagen im Amt. Sie scheitert wegen ihres Plans, die Steuern zu senken. Die Angst vor höheren Schulden führt an den Finanzmärkten zu einem Chaos. Das britische Pfund und die Staatsanleihen verlieren massiv an Wert. Die Bank of England muss mit Notkäufen einen Kollaps verhindern.Am 6. November 2023 meldet die amerikanische Firma WeWork ihre Insolvenz an. Der Coworking-Anbieter hatte zeitweise als wertvollstes Startup der USA gegolten. Zum Verhängnis wird WeWork die erdrückende Schuldenlast von 19 Milliarden Dollar.Teureres Geld führt zu SpardruckSo unterschiedlich die drei Ereignisse wirken: Sie haben dieselbe Ursache, nämlich einen Anstieg der Zinsen. Wenn sich das Geld verteuert, löst dies an den Märkten regelmässig Stress aus. Die Konsumenten müssen sparen, weil ihre Hypothek oder das Autoleasing mehr kostet. Die Firmen können weniger neues Kapital beschaffen und reduzieren ihre Investitionen. Die Staaten müssen ebenso den Gürtel enger schnallen.Auch jetzt wieder setzen steigende Zinsen die Wirtschaft unter Druck. Präsident Donald Trump klagt, es sei unfair, dass man in den USA so hohe Zinsen bezahlen müsse. Derweil will Finanzminister Scott Bessent eigene Staatsanleihen zurückkaufen, um deren Renditen nach unten zu drücken. Vergeblich: Die Rendite einer Obligation mit 30 Jahren Laufzeit ist auf 5,3 Prozent geklettert – den höchsten Wert seit fast zwei Jahrzehnten.Selbst in Japan steigen die ZinsenDer Zinsanstieg geschieht weltweit: Auch in Frankreich notieren die Renditen langfristiger Staatsanleihen so hoch wie letztmals in der Finanzkrise 2008. Noch dramatischer ist die Entwicklung in Japan, das als extremes Tiefzinsland galt und lange Zeit gegen Deflation, also sinkende Preise, zu kämpfen hatte. Inzwischen erreicht die Rendite einer 30-jährigen Staatsanleihe auch dort über 4 Prozent, was in diesem Jahrhundert noch nie vorkam. Einzig in der Schweiz verharrt das Zinsniveau weiterhin unter der 1-Prozent-Marke.«Die globalen Anleihenmärkte sind angespannt», sagt Fabian Keller von der Zürcher Research-Firma Independent Credit View. «Die Investoren machen sich Sorgen um die Inflation sowie die Schuldenlast und verlangen eine Entschädigung für die gestiegenen Risiken.»In einer neuen Studie weist die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnend darauf hin, dass sich die Risiken verlagert hätten. Waren es während der letzten Finanzkrise vor allem die Banken, welche unter faulen Krediten litten, so liege die Schwachstelle heute bei den sogenannten Schattenbanken. Dazu gehören Finanzunternehmen wie Hedge-Funds oder Private-Equity-Firmen, welche nicht den gleich strengen Regulierungen unterstehen wie die Banken.Laut einer Analyse des Financial Stability Board, eines internationalen Gremiums zur Überwachung der Märkte, werden inzwischen über die Hälfte aller Finanzvermögen von nichtbanklichen Instituten gehalten. Diese Schattenbanken besitzen Werte von insgesamt 260 Billionen Dollar – eine Verdoppelung in zehn Jahren. Als problematisch beurteilt die BIZ namentlich die mangelnde Transparenz und den Einsatz von gehebelten Krediten (auch Leverage genannt). Fünf Bereiche gelten nach Einschätzung von Experten als besonders exponiert.1. Schulden-Boom bei den KI-FirmenDie Investitionen in die künstliche Intelligenz verschlingen riesige Summen. Laut Schätzung der Bank Goldman Sachs wurden allein seit Anfang Jahr 500 Milliarden Dollar an Schulden aufgenommen, primär zur Finanzierung von Rechenzentren. Problematisch ist vor allem das sogenannte Shadow Borrowing. Das heisst, die Firmen lagern ihre Verpflichtungen an externe Gesellschaften aus, um sie nicht in der Bilanz ausweisen zu müssen. Zudem sind zirkuläre Deals verbreitet: Tech-Konzerne wie der Chipentwickler Nvidia leihen ihren Kunden Geld, damit diese anschliessend deren Produkte kaufen können.2. Private Credit als BlackboxDer Markt für Private Credit, also nicht öffentlich gehandelte Schulden, hat sich in wenigen Jahren auf über 2 Billionen Dollar verdoppelt. Dabei handelt es sich meist um Kredite mit höheren Ausfallrisiken. Doch das Geschäft ist intransparent, und in einer Krise können Investoren diese Anlagen nicht mehr verkaufen: Anfang Jahr etwa teilte die Investmentfirma Blue Owl Capital ihren Kunden mit, die Rücknahme von Fondsanteilen werde gestoppt.3. Hochverschuldete KleinanlegerDie ständig neuen Rekordstände an der Börse stimulieren den Risikoappetit der Privatanleger. In den USA boomt die Aufnahme von Krediten, um noch mehr Geld investieren zu können. Laut offiziellen Daten ist das Volumen dieser Wertpapierkredite innert Jahresfrist um 40 Prozent gestiegen und erreicht nun 1,4 Billionen Dollar. Davon ist ein grosser Teil in die Tech-Aktien geflossen. Bei einer Börsenkorrektur steigt aber die Gefahr von Notverkäufen.4. Riskante Deals von Hedge-FundsDer erst 24-jährige Investor Leopold Aschenbrenner hatte mit Anlagen in den KI-Sektor Gelder von 45 Milliarden Dollar angelockt. Als der Markt im Juli jedoch drehte, musste er binnen 72 Stunden sein gesamtes öffentliches Aktienportfolio liquidieren. Das Beispiel zeigt: Viele Hedge-Funds operieren mit einem hohen Leverage, was zu schnellen Gewinnen – sowie Verlusten – führen kann. Attraktiv für die Anleger sind solche Fonds vor allem in Phasen tiefer Zinsen als Alternative zu den schlecht rentierenden Obligationen.5. Zinsänderungsrisiko bei Pensionsfonds«Auch vermeintlich sichere Anleihen können bei steigenden Zinsen stark an Wert verlieren», warnt der Kreditspezialist Keller. Die Gefahr besteht vor allem bei Obligationen mit einer langen Restlaufzeit. Diese reagieren mit einem Kursverlust, sobald neue, attraktivere Anleihen mit einem höheren Zinscoupon auf den Markt kommen.Dies betrifft namentlich den weltweit grössten staatlichen Pensionsfonds von Japan. Mit dem Anstieg der inländischen Zinsen ist zudem der Druck gestiegen, die knapp 1000 Milliarden Dollar an Geldern, die im Ausland investiert sind, wieder in heimische Anleihen umzuschichten. Auch der norwegische Staatsfonds hat angekündigt, er könne bis zu 100 Milliarden Dollar aus Staatsanleihen abziehen. Namentlich das Engagement in den USA soll sinken.Die steigenden Zinsen können somit einen Dominoeffekt mit unberechenbaren Folgen auslösen. Die Ökonomen sprechen von einem Doom-Loop: Sobald der Markt die Kreditwürdigkeit eines Schuldners anzweifelt, steigt dessen Zinssatz, womit sich die finanzielle Schieflage weiter verschärft. Die Erfahrung zeigt: Beginnt diese Teufelsspirale erst einmal zu drehen, so geht es meistens rasend schnell.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»1 KommentarMarc Anderson 06.09.20261 EmpfehlungWenn ein Grossteil dieser Kredite auf variablen Zinssätzen beruht, kann das Ausfallrisiko da nicht irgendwie negativ gehebelt werden, irgendein Hedging mit Short-Positionen auf Staatsanleihen ist auch bei Schattenbanken möglich, kostet nur etwas extra. Man könnte natürlich auch vereinzelt die gegenteilige Strategie versuchen und Kreditausfallversicherungen kaufen.Passend zum Artikel
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Das Zinsniveau der Staatsanleihen ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Risiken lauern vor allem bei den wenig kontrollierten Schattenbanken.







