Wahlen in kleinen Bundesländern sind oft von nachrangiger Bedeutung. Doch Sachsen-Anhalt ist eine Ausnahme. Ob die AfD hier erstmals regieren könnte, ist womöglich gar nicht die entscheidende Frage.Susanne Gaschke, Berlin06.09.2026, 19.18 Uhr6 LeseminutenAnhänger der AfD jubeln bei der Wahlparty der Partei am 6. September 2026 in Magdeburg.Thilo Schmuelgen / ReutersFür die meisten deutschen Bundesländer gilt, dass dort in der Landespolitik wenig geschieht, was von überragender politischer Bedeutung wäre. Die grossen Linien der Bundesregierung beeinflussen den Alltag der Deutschen in der Regel stärker als die Beschlüsse einzelner Landesparlamente.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch in Sachsen-Anhalt scheint sich eine Ausnahme zusammenzubrauen: Medien erklärten die dortige Landtagswahl wochenlang zur «Schicksalswahl». Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der rechten Alternative für Deutschland, sprach mit agitatorischer Begeisterung von einem «Wendepunkt» in der «Geschichte Deutschlands und der Geschichte Europas». Und sogar kühle Politikwissenschafter fragten aus gegebenem Anlass, ob der «Schiffbruch der Demokratie» in Deutschland noch zu verhindern sei.Ist diese Einschätzung richtig? Markiert Sachsen-Anhalt einen Wendepunkt in der deutschen Politik? Und wenn ja: Worin besteht die umkrempelnde Qualität dieser Wahl? Fünf Argumente sprechen dafür, dass tatsächlich eine Zäsur bevorsteht.1. Unregierbarkeit drohtIn Magdeburg kann ohne die Beteiligung radikaler Parteien voraussichtlich keine Regierung gebildet werden. Die AfD, die laut Hochrechnungen auf über 40 Prozentpunkte kommt, ist dort stärker als irgendwo sonst in Deutschland; stärker als alle anderen sachsen-anhaltinischen Parteien; fast doppelt so stark wie die CDU des amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze.Doch eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit der Rechtspartei haben sich die Christlichdemokraten bei Strafe ewiger Verdammnis selbst verboten («Brandmauer»). Um womöglich weiterhin den Ministerpräsidenten stellen zu können, wäre die CDU auf die Stimmen der Linkspartei angewiesen.In der deutschen Öffentlichkeit gibt es zwar den Hang, deren radikale Anteile zu verharmlosen – vor allem, wenn von der anderen Seite vermeintlich der Faschismus droht. Aber diese Anteile existieren, zumindest in Teilen der Linken. Das drückt sich in einem ebenso unklaren Verhältnis zum DDR-Unrecht wie zum Privateigentum aus; in einer bis zum Antisemitismus gesteigerten Palästina-Freundlichkeit – und in dem Wunsch, den russischen Diktator Wladimir Putin lieber zum Freund denn zum Feind zu haben.Nicht zuletzt aus diesen Gründen gibt es bei der CDU nicht nur die «Brandmauer» nach rechts, sondern auch einen Unvereinbarkeitsbeschluss in Bezug auf die Linkspartei. Setzt sich die Landes-CDU über diesen Beschluss hinweg, um das Ministerpräsidentenamt zu retten, droht ihr eine Art Mitte-links-links-links-Koalition mit SPD, Grünen und Linken.Das würde zur Zerreissprobe für die Christlichdemokraten werden. Denn mit diesem Schritt überliesse die CDU das Feld rechts der politischen Mitte endgültig und für jedermann sichtbar der AfD. Deshalb rückt nach der Wahl eine Spaltung der dortigen CDU zumindest in den Bereich des Vorstellbaren. Unter diesen Bedingungen ist in Magdeburg nicht nur der Wahltag atemberaubend – auch der Tag der Ministerpräsidentenwahl könnte es werden. Käme Siegmund ins Amt, was nicht wahrscheinlich, aber auch nicht auszuschliessen ist, wäre das eine Sensation.2. Der unglückliche KanzlerIhren Chef hat die CDU im Landtagswahlkampf weitgehend versteckt. Friedrich Merz trat nur zweimal in Sachsen-Anhalt auf, überwiegend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Offenbar unterlag Ministerpräsident Sven Schulze dem Eindruck, der angeschlagene Bundeskanzler werde ihm eher schaden als nützen. Das zeugt von einer gewissen provinziellen Hybris, fiel doch Schulze selbst auch keinerlei erkennbare Strategie gegen den Triumphzug des charismatischen AfD-Spitzenkandidaten Siegmund ein.Sven Schulze (rechts) mit Kanzler Friedrich Merz bei einem Wahlkampfauftritt im Ort Leuna.Matthias Schrader / APAngesichts eines wahrscheinlich blamablen CDU-Ergebnisses und einer bevorstehenden Mehrheitssuche des Grauens kann man davon ausgehen, dass Schulze weiterhin versuchen wird, die Schuld nach Berlin zu schieben.Das trifft Merz in einer ohnehin schwer aushaltbaren Situation. Seine Umfragewerte sind einmalig schlecht, so schlecht, dass sich seine Parteifreunde kaum noch verhohlen und geradezu in Scharen von ihm abwenden.Merz leidet erkennbar unter der breiten Ablehnung seiner Politik und vor allem seiner Person. Christlichdemokraten, die ihn gut kennen, äussern die ernsthafte Befürchtung, dass ihr Kanzler aufgeben könnte. Zumal in Mecklenburg-Vorpommern und im Bundesland Berlin bald die nächsten CDU-Debakel zu erwarten sind: Dort wird am 20. September gewählt.3. Verzweifelte SozialdemokratenAuch die SPD befindet sich in ihrer wohl tiefsten Krise seit 1945. Einstellige Ergebnisse bei Landtagswahlen werden für die einstige Volkspartei zur Normalität. In ihrer Frustration erhöht die Funktionärsbasis deshalb den Druck auf die Bundespartei, sich in der schwarz-roten Koalition gefälligst besser zu profilieren. Und besser heisst in der heutigen SPD fast immer: politisch noch weiter nach links. Das ist paradox, denn ihre traditionellen Wähler laufen der SPD ja insbesondere wegen ihrer grün-woken Linksdrift davon – auch, und nicht zu knapp, in Richtung AfD. Der beliebteste SPD-Mann, Verteidigungsminister Boris Pistorius, kommt hingegen gerade deshalb gut an, weil er als bodenständig und pragmatisch gilt, als handfester Law-and-Order-Politiker, der für «Kriegstüchtigkeit» wirbt.Aber die Partei scheint unfähig, daraus Schlüsse zu ziehen: Sie nötigt ihre Vorsitzenden zu immer neuen, linken Korrekturen am bereits beschlossenen Regierungskurs. Dass Bärbel Bas und Lars Klingbeil die Parteiführung nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin abgeben, scheint schon fast ausgemachte Sache zu sein. Nach der Wahl schwanken somit beide Berliner Regierungsparteien in bislang ungekanntem Ausmass.4. Legitimität der WahlBisher hatten die Deutschen wenig Zweifel daran, dass es bei Wahlen mit rechten Dingen zuging. Einzelne Fehler – wie die für ungültig erklärte Wahl 2021 im dauerüberforderten Berlin – mochten passieren, aber Wahlmanipulation war eigentlich nie ein Thema. Meinungsumfragen galten als einigermassen seriös. Und an Wahlsonntagen waren Strassenschlachten nicht zu erwarten.Auch in dieser Hinsicht könnte Sachsen-Anhalt sich als Kipppunkt erweisen. Dort bereitet sich die Landespolizei seit Wochen auf Krawalle rechter und linker Chaoten vor.Im Internet kursierte eine gefälschte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa, die die Rechtspartei mit 46 Prozent (und damit fähig zur Alleinregierung) abbildete. Für bare Münze genommen, sind solche Fälschungen durchaus geeignet, nicht nur das Vertrauen in die Demoskopie, sondern auch in Wahlen und sogar in die Demokratie an sich zu untergraben.Die AfD – zum Beispiel in Gestalt ihres Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla – säte zudem Zweifel an der Verlässlichkeit der Briefwahl. Das ist bekanntermassen auch ein Lieblingsthema des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der 2020, als er nicht im Amt bestätigt wurde, von einer «gestohlenen Wahl» sprach und das bis heute tut.Der AfD-Spitzenkandidat Siegmund betonte zwar auf seinen Kundgebungen, dass er auch ein knappes Wahlergebnis akzeptieren werde. Zugleich forderte er aber seine Anhänger auf, am Wahlabend aufzupassen. Das ist in Deutschland möglich und erwünscht: Ab 18 Uhr zählen die Wahlvorstände die Stimmen ihres Stimmbezirks öffentlich aus. Meist schauen ein paar interessierte Bürger zu.Was es bedeutet, wenn künftig grössere Gruppen von AfD-Anhängern den Ehrenamtlichen über die Schulter schauen, wird sich zeigen. Dass Siegmund überhaupt die «Kontrolle» der Auszählung empfahl, impliziert, dass er Manipulationen zuungunsten seiner Partei für möglich hält.5. Neue West-Ost-SpaltungDie kompromisslose Ausgrenzung der politischen Rechten habe zu einer Situation geführt, «in der Deutschland nicht mit der AfD regiert werden kann, aber auch nicht mehr ohne sie», schreibt der Politikwissenschafter Peter Graf Kielmannsegg in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Moralisierender Hochmut des linken kulturellen Lagers habe den Rechtspopulismus gross gemacht; die vollständige Diskursverweigerung habe dafür gesorgt, dass die AfD sich radikalisierte, statt sich, wie andere europäische Rechtsparteien, zu normalisieren. An eine «Zähmung» der immer koalitionsunfähigeren, immer koalitionsunwilligeren Partei sei kaum noch zu denken.«Der Spiegel» bezeichnete Siegmund als «gefährlichsten Mann Deutschlands». Die Titelseite wurde bei seinen Anhängern zum Kultobjekt, das Siegmund gerne signiert.Thilo Schmuelgen / ReutersDie ungezähmte AfD, die man im sachsen-anhaltinischen Wahlkampf beobachten konnte, vermengte dort ihre nationalistische Grundhaltung mit einer in der Ex-DDR anscheinend rasant um sich greifenden, aggressiven Ostalgie. Dass der thüringische AfD-Chef Björn Höcke verlauten liess, «echte» Deutsche gebe es ohnehin nur im Osten, im Westen hausten «Deutsch sprechende Amerikaner», verheisst nichts Gutes für die innere Einheit des Landes und leistet einer erneuten Spaltung Vorschub: hüben die, die an der Westbindung Deutschlands, an Nato, Europäischer Union und den Werten der westlichen Aufklärung festhalten wollen – drüben jene, die, so beschreibt es der «FAZ»-Korrespondent Reinhard Bingener mit erkennbarer Sorge, in einer deutschen Tradition des 19. Jahrhunderts gen Osten strebten, sich nach einer kollektivistischen Gesellschaft sehnten und eine autoritäre Führung Moskauer Prägung für erstrebenswert hielten.Ob die AfD regiert oder einstweilen nur weiterwächst, spielt keine Rolle: In Sachsen-Anhalt hat sich gezeigt, dass sie diese Spaltung der Deutschen nicht nur in Kauf nimmt, sondern offensiv betreibt. Das ist in dieser Deutlichkeit neu. Nicht neu ist hingegen, dass die politischen Gegner der Rechtspartei weiterhin unfähig scheinen, sie auf eine Weise zu bekämpfen, die die AfD nicht stärker, sondern schwächer macht. Beides wird die deutsche Demokratie nachhaltig verändern, innen- wie aussenpolitisch. Insofern: Ja, die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist eine Schicksalswahl.Passend zum Artikel