Woher kommt die emotionale Wucht der Empörung, die sich zur Staatsverachtung verfestigt hat? Eine Zeitreise durch deutsche Befindlichkeiten.

Unterbliebene Befreiungs­erfahrung: Auf einer AfD-Wahlkampfveranstaltung in Quedlinburg

Daniel Biskup

Via Facebook gestand unlängst der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk seine Langeweile angesichts regelmäßig entflammender Debatten über den gesellschaftlichen Zwiespalt seit 1989. „Warum? Weil praktisch kein Argument vorkommt, das nicht bereits vor 30 Jahren zu hören war. Das mag den heute Beteiligten nicht klar sein, weil sie vor 30 Jahren nicht dabei waren. Es ist bis auf wenige Ausnahmen eine Debatte von Journalisten, die ja immer so tun müssen, als seien sie die Ersten, die etwas sagen.“

Belege zur Wiederkehr des Ähnlichen lassen sich leicht finden, zum Beispiel dieser hier: „Endlich gewonnene Pressefreiheit“, beklagte Pastor Friedrich Schorlemmer 1992 in der Frankfurter Rundschau, „wird erlebt als Freiheit zur uneingeschränkten Verleumdung, zur öffentlichen Denunziation mit einem atemberaubenden Effekt. Die einen verdienen, die anderen verzweifeln am Leben.“