Monza am Freitag. Die Formel 1 ist wieder in der Stadt. Schon früh liegt ein leichtes Dröhnen über dem Königlichen Park. Ferrari-Fans ziehen in Strömen über die Straßen, mit Flaggen und Fähnchen bewaffnet, auf dem Kopf die klassische Bedeckung. Rotkäppchen bestimmen das Bild.Das berühmte Heimrennen der Scuderia treibt die Drehzahlen in die Höhe unter den Ferraristi. In Monza, der Hochgeschwindigkeitsstrecke, steht die Scuderia auf dem Prüfstand wie auf keiner anderen Rennstrecke. Sie soll Potenz und Passion beweisen. Lewis Hamilton liegt in der Fahrerwertung auf Rang zwei. Alles wirkt noch ein bisschen roter vor dem Großen Preis von Italien an diesem Sonntag (15.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky). Aber Ferrari rückt Michael Schumacher in den Fokus.„Er ist vor 20 Jahren ausgestiegen nach 72 Siegen“, sagt Davide Marchi, der Medienmanager der Scuderia. Und Schumacher habe doch vor 30 Jahren seine Reise mit Ferrari begonnen: „Es geht um sein Erbe.“ Als Zeichen ließ Ferrari den jüngsten Boliden für das Wochenende umlackieren. Das Rot ist dunkler, das Weiß zurückgedrängt. So ähnlich sah der Ferrari F310 aus, mit dem der Rheinländer 1996 in Monza zum ersten von fünf Siegen im Königlichen Park schoss.Lewis Hamilton ist auf das Thema vorbereitet. Alles Profis. Früher schwärmte er gerne von Ayrton Senna. Am Donnerstag bekommt er die Kurve: „Ich erinnere mich immer daran, Michael im roten Auto gesehen zu haben. Und ich erinnere mich, wie ich Computerspiele spielte, immer Michael in diesem Ferrari war und ich mir vorstellte, wie es sich anfühlen würde, in seine Fußstapfen zu treten. (…) Ich meine, er war so ein Anführer.“Hamilton zählt auch zu dieser Klasse. Mit Mercedes siegte der Engländer am laufenden Band. 106 Grand-Prix-Erfolge sind es inzwischen, mehr als Schumacher (91), siebenmal wurde er Weltmeister wie der Deutsche. Im Ferrari lief es während der ersten Saison 2025 nicht rund. Inzwischen liegt der erste Sieg (Barcelona) hinter ihm. Und die große Chance vor ihm, mit 41 Jahren zum achten Mal Weltmeister zu werden, erstmals im Ferrari. Er ließe Schumacher hinter sich, in „dessen“ Team. Das ist sein Ziel. Die Scuderia hat dazu die Vergangenheit belebt.Schumachers „Blasphemie“Donnerstagnachmittag in einem der beiden Motorhomes von Ferrari vis-à-vis der Box. Im ersten Stock haben drei Ferrari-Angestellte, Männer in den besten Jahren, Platz genommen. Hinter ihnen hängen drei Bildschirme an der Wand, auf denen ein Bilderfilm abläuft: Schumacher in allen Lagen, vor dem Team, inmitten des Teams, mit einer Trophäe im Arm, als Champion im Kreis der gesamten Mannschaft.Hingeschaut: In der Box kommt Hamilton an einer Bildergalerie vorbei, die Schumacher und die Fahrer von heute zeigt sowie auf Ferrari-Prinzipien verweist.Anno HeckerDie drei sind immer wieder auf den Fotos zu erkennen. Jetzt erzählen sie, der Sportdirektor, der Antriebsexperte und der Chef der Lkw-Fahrer. Wie „Michele“ statt Pasta Salat einführte. Alle lachen. „Salat statt Pasta, das kann man in Italien wohl als Blasphemie bezeichnen“, sagt Davide Marchi, „aber es ist ein Detail für alles, was er auslöste. Er achtete auf alles, jetzt macht das jeder bis hinein in die Nachwuchsklassen. Wir wollen mit dieser Erinnerung an ihn zeigen, welche Wirkung er bis heute auf das Team hat.“Hamilton bekommt das in Monza jeden Tag zu spüren, sobald er zur Arbeit geht. Es ist fast der letzte Eindruck, bevor er in den Ferrari steigt. Denn der schmale, streng bewachte Eingang in die Box, das Allerheiligste, bietet eine Art Bilderausstellung, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbinden soll.Der Blick auf die Wände rechts und links zeigt Schumacher bei der Arbeit. Darunter sind Hamilton und sein Teamkollege Charles Leclerc anno 2026 in ähnlichen Situationen zu sehen. Zwischen den Szenen ließ Ferrari alle Prinzipien, die zum Triumph führen sollen, aufschreiben: „Passion“, „Teamwork“, „Vorbereitung“, „Disziplin“, „Präzision“, „Wiederholung“, „Obsession“.Diese Liste hat Ferrari nicht exklusiv. Hamilton muss auch nicht daran erinnert werden. In Posts dokumentiert er seine unermüdliche Arbeit im Fitnesscenter. Sein Teamchef Frédéric Vasseur erzählte neulich, was „Lewis so alles gefordert“ habe für das zweite Jahr: „Alles konnten wir aber nicht bezahlen.“ Wäre es sonst vollends nach dem Willen des erfolgreichsten Piloten der Formel-1-Geschichte gegangen? Hamilton macht keinen Hehl aus dem Grund für sein Comeback. Das Team habe ihm zugehört.Allerdings spielt ihm auch die Vorbereitung der Scuderia in die Hände. Clever nutzt Ferrari das Motorenreglement. Der Antrieb, weil absichtlich etwas schwächer auf der Brust, durfte überarbeitet und gestärkt werden. In Monza kommt es zur Premiere. Gleichzeitig muss Hamiltons erster Gegner, Kimi Antonelli, vom Ende des Feldes starten. Der nächste Antriebswechsel über das erlaubte Maß hinaus führt zu dieser Rückversetzung des Mercedes. „Er wird es leicht haben, durchs Feld zu kommen“, behauptet Hamilton, „er könnte Sechster werden.“Das Rennen, die WM-Chance, auf alles gibt er eine Antwort. Aber am Donnerstag spricht der Ferrari-Star am liebsten über seine Entdeckung der Vergangenheit. Nicht über Schumacher. Über diese Macchina, ein besonderer unter den besonderen Ferraris. Ein F40 aus den Achtzigerjahren, „Garagenfund“. 69 Kilometer gelaufen. „Lügt ihr?“, will Hamilton Mechaniker von Ferrari gefragt haben, als sie bei der Überprüfung feststellten, dass der Motor die Nummer 44 trug. Seine Startnummer.Am Donnerstag ist er damit vorgefahren in Monza. „Das musste jetzt sein.“ Der Altmeister (41 Jahre) und der alte Flitzer etwa im selben Alter: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass keiner der Ferrari-Rennfahrer der Geschichte jemals in den coolsten Autos angekommen ist, die Ferrari zu bieten hat, wissen Sie, diese ikonischen Modelle.“ Da pocht das Ferrari-Herz.Schumachers blieb eher im Ruhepuls, wenn es um Nostalgie ging. Er kam gerne mit was Neuem um die Ecke. Und wenn es Salat war. 20 Jahre nach seinem Abschied von Ferrari, verkündet in Monza, sieht sich das Team von seinem Geist beflügelt. Nach Fernando Alonso und Sebastian Vettel ist Lewis Hamilton der dritte Champion, der Schumacher bei Ferrari zu beerben versucht.
Michael Schumacher: Sein Geist lenkt Ferrari in Monza
Die Scuderia erinnert 30 Jahre nach dessen erstem Sieg in Monza an den Champion aus Deutschland. Auch Lewis Hamilton kommt daran nicht vorbei beim Versuch, Michael Schumacher zu überflügeln.











