Der bahnbrechende Meta-Vergleich befeuert ein europäisches Social-Media-Verbot für Kinder. Auch in der Schweiz diskutiert man RegelnForschung und Politik sind sich grösstenteils einig, dass soziale Netzwerke für Kinder schädlich sind. Aber wie verifiziert man das Alter von Nutzern effektiv? Eine EU-App war innert zwei Minuten gehackt.05.09.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenViele Minderjährige wären gerne weniger auf den sozialen Netzwerken, scheitern aber daran, ihre Bildschirmzeit zu reduzieren.ImagoWer sich schon einmal dabei ertappt hat, nur noch «dieses eine Video» auf Instagram zu schauen, und dann eine halbe Stunde später immer noch am Handy hängt, hat sie bereits erlebt: die Sogwirkung, mit der soziale Netzwerke ihre Nutzer auf der Plattform halten. Video reiht sich an Video reiht sich an Video. Dazwischen springen Werbungen ins Auge, die erstaunlich genau zur Suche nach dem neuen Velo passen, das man sich anzuschaffen gedenkt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Erwachsene schaffen es eher, die App irgendwann wieder zu schliessen. Bei Kindern und Jugendlichen ist es komplizierter: Sie wollen dazugehören, testen Grenzen und sind anfällig für Gruppendruck. Auf sozialen Plattformen können sie sich mit anderen austauschen. Aber sie befinden sich im schutzbedürftigen Alter – und können vom Scrollen abhängig werden, in schädliche Filterblasen abdriften, Essstörungen entwickeln, sich radikalisieren.In den USA hatten seit 2023 mehrere Gliedstaaten dem Instagram-Betreiber Meta vorgeworfen, Jugendliche wissentlich auf die Plattformen zu locken und mit Mechanismen an sie zu binden. Ende August ist Meta einen wegweisenden Vergleich eingegangen: Der Konzern hat sich verpflichtet, eine Nachtsperre für unter 18-Jährige einzuführen und die Nutzung für Minderjährige auf zwei Stunden pro Tag zu begrenzen. Maximal 18 Milliarden Dollar ist Meta im Rahmen der Einigung an die klagenden Gliedstaaten zu bezahlen bereit.In Europa ist der bahnbrechende Meta-Vergleich eine hochwillkommene Vorlage.Per Countdown bis zur EU-RegelungVerschiedene europäische Regierungen haben in den vergangenen Monaten Pläne für einen altersgerechten Umgang mit sozialen Netzwerken vorgelegt – in unterschiedlichen Varianten. Um diesen Flickenteppich nicht zu vergrössern, wird die EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen anlässlich der «State of the Union»-Rede am 16. September neue Regeln präsentieren, die für alle EU-Staaten gelten sollen. Ein Countdown und ein Videotrailer schüren die Erwartungen zusätzlich.Mit dem «Gesetz über digitale Dienste» (DSA) verfügt die EU bereits über ein Regelwerk, das Kindern und Jugendlichen «ein hohes Mass an Privatsphäre, Sicherheit und Schutz auf Online-Plattformen» garantiert. Die Leitlinien schreiben unter anderem vor, dass das Design der Plattformen nicht süchtig machen darf, Cybermobbing verhindert werden soll und schädliche Inhalte entfernt werden müssen. Mehrere Tech-Konzerne sind bereits wegen Transparenzmängeln gebüsst worden oder haben ihre Plattformen angepasst.Ein Schutzalter für soziale Netzwerke schreibt das DSA nicht vor. Dieses wird in zwei Wochen erwartet, entsprechend ist der Inhalt der neuen Regelung noch nicht bekannt. Die Stossrichtung hat von der Leyen aber schon dargelegt – und dabei durchschimmern lassen, dass sie als siebenfache Mutter und mehrfache Grossmutter wisse, wovon sie spreche. «Wir erwarten nicht, dass Kinder ihre eigenen Sicherheitsgurte entwerfen. Wir erwarten nicht, dass Eltern Airbags selbst zu Hause einbauen. Dasselbe muss auch für grosse Tech-Unternehmen gelten», sagte sie Mitte Juli.Wie aus diplomatischen Kreisen zu hören ist, sind drei Fragen offen: Bis zu welchem Alter wäre ein flächendeckendes Social-Media-Verbot sinnvoll? Soll die EU-Kommission ein Gesetzesprojekt oder «nur» eine politische Absichtserklärung vorlegen? Und was passiert mit den Regelungen, die verschiedene EU-Staaten verabschiedet oder zumindest geplant haben?Macron fällt auf die NaseInnerhalb Europas war noch bis vor einem Monat Frankreich am restriktivsten: Am 21. Juli verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das Kindern unter fünfzehn Jahren den Zugang zu sozialen Netzwerken verbot. Mitte August kippte der französische Verfassungsrat das Verbot aber schon wieder. Es stelle «einen unverhältnismässigen Eingriff in die Meinungs- und Kommunikationsfreiheit der Betroffenen» dar, urteilten die Richter. Der französische Präsident Emmanuel Macron beauftragte seinen Premierminister umgehend, das Gesetz zu überarbeiten, damit es vor seinem Amtsende doch noch in Kraft treten kann.Auch weitere EU-Staaten – etwa Deutschland, Spanien, Österreich und Griechenland – sind bei der Regulierung von sozialen Netzwerken für Kinder vorgeprescht. Sie schauen nun mit besonderem Interesse auf die Ankündigungen der EU-Kommission. Ob das Verbot bis 13, 14 oder 15 Jahre gelten soll, wird sich zeigen – aber dass es eines gibt, scheint ausgemacht. Es liege zwar in der Verantwortung der Eltern, zu entscheiden, wann Kinder ihr erstes Smartphone bekämen, sagte sie im Juli. «Allerdings besteht Einigkeit darüber, dass es ein Mindestalter für die Nutzung der sozialen Netzwerke durch Kinder geben muss.»EU-App zur Altersverifizierung in zwei Minuten gehacktDass sich Meta und die amerikanischen Gliedstaaten in der Zwischenzeit auf einen kinderfreundlicheren Umgang geeinigt haben, gibt ihr zusätzlichen Rückenwind. Und mit dem DSA kann die EU-Kommission an ein bestehendes Regelwerk anknüpfen. Erst werden aber noch der EU-Rat und das EU-Parlament die Vorschläge beraten müssen – was Monate, wenn nicht Jahre in Anspruch nehmen dürfte.Mark Zuckerbergs Konzern Meta hat sich Ende August im Rahmen eines Vergleichs dazu verpflichtet, Zeitlimiten für Minderjährige auf Instagram einzuführen.Alex Wong / GettyWie auch immer die Altersbeschränkung dereinst aussehen wird: Die technische Umsetzung ist anspruchsvoll. Denn wie «weiss» Tiktok, ob die Nutzerin 12 oder 21 Jahre alt ist? Die EU-Kommission hat im April eine App vorgestellt, die das Alter der Person mithilfe eines amtlichen Dokuments oder eines vertrauenswürdigen Anbieters prüft. Ein soziales Netzwerk, etwa Tiktok, kann die App danach um die Information anfragen, ob die Person das Schutzalter erreicht hat – ohne jedoch auf die zugrunde liegenden Personendaten zugreifen zu können.Datenschützer bemängeln aber, dass diese Verknüpfung gespeichert werden muss und entsprechend angreifbar ist. Hinzu kommt, dass zumindest die erste Version der EU-App einfach zu überlisten war: Hacker haben sie in weniger als zwei Minuten geknackt.Forderungen nach härterem Durchgreifen in der SchweizIn der Schweiz hat der Bundesrat vor, mit einem neuen Gesetz «sehr grosse Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen» zu mehr Fairness und Transparenz zu verpflichten. Und etwa die wichtigsten Parameter offenzulegen, die personalisierter Werbung zugrunde liegen. Bei der Vernehmlassung zum Gesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen (KomPG) lehnte die SVP die ausgestalteten Massnahmen ab, die FDP appellierte zu möglichst wenig Regulierung, während Grüne, SP und Mitte fanden, dass im KomPG der Kindes- und Jugendschutz zu kurz kommt.Die Mitte-Nationalrätin Regina Durrer-Knobel fordert vom Bundesrat, dass er härter durchgreift und das geplante Gesetz anpasst. «Im KomPG fehlt der Jugendschutz vollständig. Das muss nachgebessert werden», sagt sie. Im Geschäftsinteresse der Plattformen liege es, die Nutzer durch das Design und die Algorithmen möglichst lange auf der App zu halten. «Das sind Mechanismen, die Kinder und Jugendliche nicht kontrollieren können und die schädliche Auswirkungen haben.»Ein komplettes Verbot für Minderjährige lehnt sie ab, die Jugendlichen sollten schliesslich auch an die Technologie herangeführt werden und den Umgang mit ihr lernen können. Doch sie ist der Meinung: «Wenn wir nicht bei den Plattformen ansetzen, machen wir reine Symptombekämpfung.»Der SVP-Nationalrat Franz Grüter anerkennt, dass soziale Plattformen schädlich für Kinder und Jugendliche sein können. Doch in der Debatte um den Jugendschutz auf sozialen Netzwerken sieht er vor allem einen Versuch, eine stärkere Regulierung von Tech-Konzernen zu legitimieren. «Wir regulieren immer mehr in Europa, während die USA und China eine Innovation nach der anderen hervorbringen», sagt er. Die Hauptverantwortung bei der Nutzung sozialer Netzwerke solle nach wie vor beim Elternhaus liegen und die Eigenverantwortung im Zentrum stehen.Grüter räumt jedoch ein, dass der Staat minimale Regeln einführen sollte. Eine Alterslimite bei Jugendlichen und stärkere Altersüberprüfungen findet auch er sinnvoll, ebenso wie zeitliche Restriktionen auf den Plattformen, wie es sie schon bei Streaming-Diensten gibt.Jugendliche scheitern daran, ihre Bildschirmzeit zu reduzierenMehr als jeder zehnte Jugendliche habe gemäss einer länderübergreifenden Studie der WHO von 2024 «Anzeichen eines problematischen Verhaltens» in Bezug auf soziale Netzwerke gezeigt. Sie hätten Schwierigkeiten, die Nutzung zu kontrollieren, und negative Folgen erlebt. Die Studie befragte fast 280 000 Menschen im schulpflichtigen Alter in Europa, Zentralasien und Kanada.Wie Jugendliche in der Schweiz soziale Netzwerke nutzen, untersucht die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) alle zwei Jahre. Die Daten des letzten Berichts zeigen, dass 83 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und neunzehn Jahren soziale Netzwerke täglich nutzen, weitere 8 Prozent tun dies mehrmals pro Woche. Die Nutzungsintensität stagniert seit 2018 auf relativ hohem Niveau.Zu den sozialen Netzwerken wurden Instagram, Tiktok, Facebook, Pinterest, X, Tinder, BeReal und Reddit gezählt. Whatsapp und Snapchat zählt die Studie zu den Messenger-Apps und wertet deren Nutzung separat aus.Laut einer Befragung von Schweizer Jugendlichen durch die Pädagogische Hochschule Schwyz im Frühling 2025 wäre knapp ein Viertel der 15- bis 16-Jährigen gerne weniger lange online und hat versucht, die Bildschirmzeit zu reduzieren – ohne Erfolg. Fast ein Drittel der Befragten gibt an, wegen ihrer online verbrachten Zeit zu wenig Zeit für Familie, Freunde oder Hausaufgaben zu haben.Der Studienautor Martin Hermida sagt: «Die grösste Gefahr ist, dass Plattformen ihre Nutzer dazu bringen, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln.» Beispielsweise dazu, mehr Zeit zu verbringen als gewollt. Die Techunternehmen hätten ganze Forschungsabteilungen, die sich damit auseinandersetzten, wie man die Verweildauer technisch maximieren könne. «Und dann verlangen wir von Kindern, dass sie schlauer und stärker sind und die App schliessen.» Für ein Kind sei es schwieriger, abzuschätzen, welche Folgen Entscheidungen hätten. Darum schütze man sie unter anderem auch vor Zigaretten oder Alkohol.Der Instagram-Feed als GlücksspielHermida betont, dass soziale Netzwerke nicht per se schlecht seien, aber einige der Mechanismen auf schädliche Weise ausgestaltet seien. Etwa das endlose Scrollen, bei dem es kein natürliches Signal gebe, die Nutzung abzubrechen. Und Feeds, also kuratierte Übersichten, die algorithmisch auf die Nutzerin oder den Nutzer abgestimmt seien und die Inhalte so zusammenstellten, dass sie die auf der Plattform verbrachte Zeit maximierten.Die «Pull to Refresh»-Funktion auf Instagram, bei der man den Feed herunterzieht und dann neue Inhalte zu sehen bekommt, zeige zudem Nähe zu einem Glücksspielmechanismus. Videos müsse man nicht anklicken, damit sie abgespielt würden. Und Benachrichtigungen würden dann verschickt, wenn sie die Nutzerin oder den Nutzer am wahrscheinlichsten auf die Plattform zurücklocken könnten.Eine sinnvolle Regulierung wäre, genau diese Mechanismen zu eliminieren, sagt Hermida. Man könne darüber diskutieren, ob man dies nur für Kinder und Jugendliche tun wolle – oder auch für Erwachsene. Die Frage sei schliesslich: Wie gesund wollen wir als Gesellschaft in unserem Informationsverhalten sein?Passend zum Artikel
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Forschung und Politik sind sich grösstenteils einig, dass soziale Netzwerke für Kinder schädlich sind. Aber wie verifiziert man das Alter von Nutzern effektiv? Eine EU-App war innert zwei Minuten gehackt.







