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Instagram und Co.: So könnten Soziale Netzwerke sicherer für Kinder werden Europa setzt Social-Media-Altersgrenzen um. Doch helfen starre Verbote wirklich? Ein Forschungsprojekt erarbeitet, wie aus sozialen Netzwerken wirklich sichere und schönere Orte werden.
Schüler am Smartphone: Diskussion über Social-Media-Nutzung. Foto: Marcus Brandt/dpaDüsseldorf. Wann haben Sie zuletzt beim Scrollen auf Social Media die Zeit vergessen? Zugegeben, das passiert schnell. Ich spreche aus Erfahrung. Die Apps sind ja schließlich so programmiert, dass wir möglichst viel Zeit auf ihnen verbringen.Instagram, Tiktok, Snapchat und ähnliche Anwendungen sind aber regelrecht gefährlich, nicht nur für Erwachsene, sondern insbesondere für Kinder und Jugendliche. Deshalb fragen sich Regierungen weltweit: Sollten sie soziale Netzwerke für bestimmte Altersgruppen verbieten?Doch helfen starre Verbote wirklich? Oder müssten wir eine Regulierung viel breiter fassen?Adrian Meier und Eva Ziegltrum wollen darauf Antworten finden. Meier hat den Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) inne. Ziegltrum promoviert in Meiers Team. Die beiden forschen im Projekt „Promise“ dazu, wie Social Media bestmöglich reguliert werden könnten, um die mentale Gesundheit junger Menschen zu schützen oder idealerweise sogar zu verbessern.Das Forschungsprojekt läuft seit mehr als einem Jahr gemeinsam mit Partnern in Österreich, der Schweiz, Estland, Spanien und Großbritannien. „Promise“ ist in drei Stufen gegliedert. Was ich besonders interessant finde: Die Forschungsteams reden nicht nur über Kinder und Jugendliche, sondern auch mit ihnen.Zunächst haben Meier und Ziegltrum zusammengetragen, welche Vorschläge in der Wissenschaft und Politik überhaupt diskutiert werden, um soziale Netzwerke aus User-Sicht zu regulieren. Vereinfacht gesagt, gibt es drei Ansätze:ZugangNutzungDesignBeim „Zugang“ geht es darum, wie Nutzerinnen und Nutzer überhaupt zu den Apps kommen. Bei „Nutzung“ werden Maßnahmen wie beispielsweise Handyverbote in Schulen betrachtet. Das „Design“ der Plattform schließlich ist das dynamischste und am wenigsten erforschte Feld – und aus meiner Sicht das spannendste. Es befasst sich etwa mit Algorithmen, sucht- und gewohnheitsfördernden Designs und dem Schutz vor missbräuchlichem Verhalten.Was Kinder und Teens über Social Media denkenMeiers und Ziegltrums Befunde fließen in die Diskussionsrunden mit Kindern und Jugendlichen ein, die die sechs Projektpartner abhalten. Und die ersten Schlüsse sind bemerkenswert.In der jüngsten Alterskohorte – den Zehn- bis Zwölfjährigen – besaßen laut Ziegltrum mehr als zwei Drittel ein eigenes Smartphone. Fast alle davon hatten Social-Media-Apps installiert. Teils wussten das die Eltern, teils war es ihnen schlicht egal. Und das, obwohl die offiziellen Altersgrenzen der Plattformen bei 13 oder 14 Jahren liegen. Das steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, ist aber offensichtlich nicht wirksam.„Die wichtigste Erkenntnis war für mich, dass die Kinder schon viel Ahnung von den Plattformen haben“, sagt Ziegltrum. „Es hat mich schockiert, wie bewusst ihnen war, dass sie zum Beispiel anfällig für Grooming sind.“ Grooming bezeichnet den Versuch von Erwachsenen, das Vertrauen von Kindern zu gewinnen und zu missbrauchen.„In den Gesprächen sind Begriffe wie Pädophilie gefallen“, sagt Ziegltrum. „Als ich zehn oder zwölf Jahre alt war, hatte ich mich damit noch nicht beschäftigt.“Die Gruppe der 13- bis 17-Jährigen nahm vor allem Algorithmen sowie Short-form-Content als problematisch wahr. So werden kurze Videos und Reels bezeichnet. Allerdings zeigten die Gespräche: Die befragten Jugendlichen empfinden es gleichzeitig als angenehm, sich vom Content berieseln zu lassen und lange zu scrollen.Social-Media-Apps: Umstrittener Sucht-Begriff. Foto: Alicia Windzio/dpaKritischer bewerten die 18- bis 25-Jährigen Social Media. Die Alterskohorte würde unendliches Scrollen sofort verbieten – damit ist der Mechanismus gemeint, dass die Beiträge nie aufhören. Der existiert noch nicht lange.Als ich im Teenageralter ein Facebook-Konto eröffnete, endeten die Beiträge nach einer gewissen Zeit. Ich musste eine zweite Seite öffnen, um weitere Beiträge zu sehen. Mittlerweile sind die Apps so gebaut, dass ich praktisch tagelang durch Content scrollen könnte, ohne dass ich gestoppt werde.Ziegltrum sagt über die ersten Gesprächsrunden: „Ich hatte das Gefühl, dass sich alle befragten Kinder und Jugendlichen eine Form der Regulierung wünschen – und dass es sichere Orte gibt, die nicht süchtig machen.“Der Begriff der Social-Media-Sucht fällt in der Verbotsdebatte häufig. Doch er ist wissenschaftlich nicht unumstritten. Aus fachlicher Sicht passe der Begriff „gewohnheitsförderndes“ besser als „süchtig machendes Plattformdesign“, sagt Meier. „Studien finden tendenziell, dass nur wenige Nutzerinnen und Nutzer ein klinisch relevantes Ausmaß an problematischer Nutzung von Social Media haben.“Wie Apps schließlich besser gebaut werden könnten, soll die dritte und letzte Stufe des Projekts „Promise“ ergründen: die Experimentalstudie. Dabei wollen Meier, Ziegltrum und ihre Partnerteams im Ausland technische Lösungen auf Smartphones installieren. Teil dessen könnte sein, einen chronologischen statt algorithmischen Feed zu bauen.Endgültige und konkrete Policy-Empfehlungen will „Promise“ 2028 geben. Doch aus den bisherigen Befunden lassen sich bereits Rückschlüsse für die Verbotsdebatte ziehen.„Aus meiner Sicht zeichnet sich schon ab, dass eine reine Altersbeschränkung wie in Australien allein nicht tragen und auch keine substanzielle Verbesserung der mentalen Gesundheit bringen wird“, sagt Meier. Zum einen, weil die Beschränkung nicht an den eigentlichen Problemen ansetze, zum anderen, weil sich die jungen Menschen nicht daran halten würden. „Sie ist schwer zu überprüfen und leicht zu umgehen.“„Die Wissenschaft in Europa schaut sehr differenziert auf die Risiken von Social Media“, sagt Meier. Das zeige sich etwa in den Empfehlungen an die EU-Kommission. „Es ist erfreulich zu sehen, dass man sich nicht mit der Illusion zufriedengegeben wird, dass eine Altersgrenze ab 16 alle Probleme löst.“Die Macht der EU – und was wirklich helfen würdeDie Expertenkommission empfahl sogar Maßnahmen für Social Media Plus, also auch für Bereiche wie Online-Gaming, die gerade für Jungen oft relevanter als Social Media seien. Meier sagt: „Wir müssen uns losgelöst von Social Media Gedanken machen über Inhalte, über Design, über Sicherheitsbedenken, über Schutzmechanismen, die das Internet insgesamt sicherer machen für junge Menschen.“Ohnehin sehen Meier und Ziegltrum in der EU einen wichtigen Player. Entscheidend sei, die Macht der Plattformen zu begrenzen. Und dafür besitzt die EU ein mächtiges Werkzeug: den Digital Services Act (DSA).Das Digitalgesetz verpflichtet Plattformen zu mehr Transparenz und Schutz der Nutzerinnen und Nutzer. Es sei das richtige Instrument und müsste nun entschieden angewendet werden, fordern die beiden FAU-Forscher.An den DSA würden Meier und Ziegltrum die Forderung koppeln, dass Plattformen Forschenden anonymisierte Daten zugänglich machen. Ziegltrum sagt: „Aus forschender Perspektive ist es frustrierend, wenn man merkt, dass die Plattformen alles erheben und Daten vorliegen haben – und wir vieles selbst erarbeiten müssen, weil wir diese Daten nicht bekommen.“Zugleich sei es ratsam, nicht nur auf Altersverbote zu setzen. Maßnahmen zur Begrenzung sollten mit stärkerem Fokus auf Plattformdesign und Stärkung der Medienkompetenz auf Nutzerseite und einem stufenweisen Heranführen an Social Media flankiert werden. Verwandte Themen AppsEuropäische UnionEuropaAustralienEU-KommissionInstagramUnd, ganz wichtig: Die Politik sollte diejenigen, die das Gesetz betrifft, einbeziehen. Ziegltrum sagt: „Kinder und Jugendliche sind, was ihre Mediennutzung und damit einhergehende potenzielle Gefahrenquellen angeht, reflektierter, als man annehmen würde.“ Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. 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