Pro ArtikelWie gross ist Afrika? Eine Uno-Resolution verlangt eine neue WeltkarteAuf herkömmlichen Weltkarten erscheint Afrika halb so gross wie Russland. Tatsächlich ist es doppelt so gross. Das hat eine 500 Jahre lange Geschichte – und soll sich nun ändern.05.09.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAuch diese Karte, die ein Mann in Burundi verkauft, zeigt nicht Afrikas wahre Grösse.Thomas Mukoya / ReutersDie Sahara, die grösste Trockenwüste der Welt. Der Kongo-Regenwald, der zweitgrösste der Welt, verteilt über sechs Länder. Der Victoriasee, der drittgrösste See der Welt. Alle liegen sie in Afrika, einem Kontinent der Superlative. Nur: Auf Weltkarten ist dies meist nicht zu erkennen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dort sieht Russland doppelt so gross aus wie Afrika – obwohl es halb so gross ist. Grönland scheint ähnlich gross zu sein wie Afrika – obwohl seine Fläche ein Vierzehntel beträgt und damit nicht einmal das grösste afrikanische Land wäre.Eine Uno-Resolution soll dies ändern. Am Freitag hat die Generalversammlung der Weltorganisation entschieden, die gängigen Kartenstandards seien überholt, Schulbücher und Tech-Plattformen sollten möglichst andere Repräsentationen verwenden. Solche, die Afrikas wahre Grösse zeigen.Gesponsert wurde die Resolution von Togo, einem kleinen westafrikanischen Land, das auf Karten als dünner Wurm erscheint. Unterstützt wird Togo von den anderen Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union (AU). Die Kontinentalorganisation hatte im August 2025 beschlossen, den Kampf um eine korrekte Darstellung Afrikas auf Landkarten zu führen. «Dies ist keine politische Diskussion, sondern wissenschaftlich belegt. Wir alle müssen die Realität akzeptieren», sagte Togos Aussenminister Robert Dussey in New York.Gut für Seefahrer, schlecht für InvestorenDer Grund, weshalb Afrika auf Landkarten meist zu klein gezeigt wird, ist fast 500 Jahre alt. Der flämische Geograf Gerardus Mercator schuf eine Weltkarte, deren grosse Innovation Winkeltreue war: Sie zeigte Richtungen auf der Karte so an, wie sie in der Realität sind.Das half unter anderem europäischen Seefahrern, die im 16. Jahrhundert auf der Suche nach Geschäften und Ruhm um die Welt segelten. Auch entlang afrikanischer Küsten.Die Mercator-Karte erleichterte die Navigation, doch sie verzerrte die Welt. Sie ist eine fiktiv entfaltete Version der Erdkugel – als ob man eine Orange schälen und die Schale danach flach ausbreiten würde. Je weiter entfernt vom Äquator Gebiete liegen, desto stärker auseinandergezogen und damit grösser erscheinen sie. Afrika dagegen, am Äquator gelegen, erscheint kleiner.Die Mercator-Projektion ist bis heute gängig. Schulbücher und Google Maps verwenden sie. Kritiker sagen: Afrika, ein Kontinent, der in seiner Geschichte Ziel von Kolonialismus und Sklavenhandel war und noch immer der ärmste der Welt ist, werde auch auf Landkarten ungerecht behandelt.«Es geht weniger um Geografie, mehr um Würde und Stolz», sagt Fara Ndiaye von der in Senegal ansässigen Lobbyorganisation Speak up Africa, die sich für neue Weltkarten einsetzt. «Wenn wir die Karte korrigieren, stellen wir auch das globale Narrativ über Afrika richtig.»Gegner der Mercator-Karte sagen auch, die Tatsache, dass Afrika zu klein dargestellt werde, habe reale Konsequenzen. So könnten etwa Investoren mit der Grösse auch das Potenzial Afrikas unterschätzen.«Mercator-Projektion ist kein Verbrechen»Die Verfechter einer neuen Karte glauben deshalb, mehr Fläche auf der Landkarte würde auch mehr Macht für Afrika bedeuten. Ein Analyst bei einer Londoner Beratungsfirma für geopolitische Risiken sagte der britischen Zeitung «Guardian»: «Eine Karte mit akkuraten Flächen würde signalisieren, dass Afrikas demografische, wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung nicht mehr anhand überkommener Darstellungen gemessen würde.»Doch die Befürworter einer neuen Karte haben ihre Kritiker. Diese sagen, es habe Dutzende von Versuchen gegeben, eine bessere Repräsentation als die Mercator-Karte zu schaffen. Keine von ihnen sei akkurat – weil die Erdkugel schlicht nicht eins zu eins zweidimensional wiedergegeben werden könne. Die Equal-Earth-Projektion zum Beispiel, in der Uno-Resolution als Alternative genannt, zeigt zwar korrekte Flächen, aber falsche Formen. Der afrikanische Kontinent ist in ihr auf unnatürliche Weise langgezogen.Die Verteidiger der Mercator-Karte operieren zum Teil mit ähnlichem Furor wie die Gegner. Ein empörter Leserbrief-Autor im «Guardian» schrieb: «Die Mercator-Projektion war eine brillante Lösung für ein entscheidendes Problem von Seefahrern im 16. Jahrhundert. Europa hat während Jahrhunderten Verbrechen am globalen Süden begangen. Aber die Mercator-Projektion ist keines davon.»Die Uno-Generalversammlung hat der Resolution, die die Mercator-Karte entsorgen möchte, trotzdem deutlich zugestimmt, mit 164 Ja-Stimmen. Die USA stimmten als einziges Land dagegen. Dabei hat die Regierung von Donald Trump sich selber mehrfach für Kartenänderungen eingesetzt. 2025 deklarierte sie den Golf von Mexiko neu als «Golf von Amerika». Und vor wenigen Tagen erst benannte der amerikanische Präsident als Reaktion auf den Zollstreit mit Kanada den Grenzsee Lake Ontario in «Lake America» um.15 KommentareHans Peter Kucera 07.09.2026Was für ein woker Unsinn. Investoren entscheiden nach Zahlen und politischer Stabilität. Die ändern sich nicht durch eine neue Landkarte.