Die Wirklichkeit des Erlebten: Was uns Robert Menasse über unsere Erinnerungen an 9/11 erzähltDer österreichische Schriftsteller verbindet gekonnt Weltgeschichtliches mit Autobiografischem. Auch im neuen Band, in dem es um die Überblendung des Gedächtnisses geht – 25 Jahre nach den Terroranschlägen in Amerika.Paul Jandl05.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenUnvergleichbarer Akt des Bösen mit dreitausend Toten: islamistischer Terror in New York.Str New / ReutersEs war nicht nur einer der grössten Terrorakte in der Geschichte der Menschheit, sondern auch das Symbol einer medialen Zeitenwende: 9/11. Der islamistische Anschlag im September 2001 auf das New Yorker World Trade Center hat das Erinnern neu formatiert. Wer vor fünfundzwanzig Jahren alt genug war, die Geschehnisse bewusst zu verfolgen, wird bis heute mit überraschender Exaktheit wissen, was er gerade tat, als die Nachrichten und die dramatischen Bilder aus Amerika kamen. Viele waren mit banalen Dingen beschäftigt, als sich an einem bestimmten Punkt der Welt das Gegenteil des Banalen ereignete. Ein unvergleichbarer Akt des Bösen mit dreitausend Toten. Live übertragen via Fernsehen und Internet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zu der Stunde, als die New Yorker Twin Towers mit zwei Passagierflugzeugen angegriffen wurden, befand sich der österreichische Schriftsteller Robert Menasse in einem Fernsehstudio in Mainz. Man führte ein Interview mit ihm über seinen damals neuen Roman «Die Vertreibung aus der Hölle». Plötzlich war das Bild Menasses von den Monitoren verschwunden. Das, was später 9/11 genannt werden würde, hatte sich des Senders bemächtigt. Absurd wäre es gewesen, noch über einen Roman zu reden.Michael SeeberDie amerikanische BrilleAls Essayist hat Robert Menasse ein dialektisches Verfahren der Mehrfachbelichtung entwickelt. Weltereignisse werden bei ihm oft mit Autobiografischem verbunden, und so war es auch, als der Autor im März 2002 im Zürcher Schauspielhaus eine Rede hielt. Sie ist aus aktuellem Anlass jetzt noch einmal nachzulesen. «Der 11. September. Überblendungen», heisst konsequenterweise das Buch, das diese Rede dann aber noch einmal überblendet. Mit der literarischen Erzählung «Die amerikanische Brille». Auch nicht ganz neu, sondern schon vor siebzehn Jahren im Prosaband «Ich kann jeder sagen» erschienen. Alles nur Blenderei, oder was? So einfach ist es bei Robert Menasse dann doch wieder nicht, denn beide Texte zusammen entwickeln eine neue Dialektik. Sie stellen die Grundsatzfragen: Was machen die Erinnerungen mit uns? Und was machen wir mit den Erinnerungen?Da ist die «amerikanische Brille» der Mutter von Robert Menasse. Ein schickes Modell, mit Lamellen als Sonnenschutz. Wie Jalousien. In der Erinnerung fällt das Bild dieser Brille mit einem Ereignis zusammen, das der damals Sechsjährige noch nicht verstehen konnte. Die Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Rund um den Globus macht sich Empörung breit. Es entwickelt sich eine Weltöffentlichkeit, die Menasse in seiner Zürcher Rede als «Weltinnerlichkeit» überhöht: «Man konnte damals fühlen, wie glücklich Menschen sein können, wenn sie sich als Menschheit empfinden, wie schön die völlige Übereinstimmung mit der Welt ist, die uralte Sehnsucht, die sich trotz Kain und Abel groteskerweise in dem Satz ‹Alle Menschen werden Brüder› erfüllen wollte.»Die Tatsache, dass Trauer und Schmerz die Menschen verbinden können, führt beim Kind Robert Menasse zu einem paradoxen Glücksgefühl. Der erwachsene Menasse wird später nicht aufhören, an die Utopie der Solidarität zu glauben. Sein Essay über 9/11 steckt deshalb auch voller politischer Verlustanzeigen.Fühlen mit der ganzen WeltSieht der Schriftsteller die Ereignisse vor fünfundzwanzig Jahren aus einer medienkritischen Perspektive, dann ist die Analyse klar. Die «technisch hergestellte omnipräsente Reproduzierbarkeit» der Schockbilder aus New York führt zu einem artifiziellen Entsetzen. Es ist eine Überforderung, die echte Gefühle nicht mehr zulässt. Die Floskel, dass der islamistische Terror ein Angriff auf die freie westliche Welt sei, verhallt wegen seiner Abstraktheit, und durch die Medien gehen ganz schnell neue Bilder: Amerikaner, die die Nationalflagge schwingen und den Patriotismus gegen die Feinde von aussen in Stellung bringen. Während im Fernsehen Reportagen von der noch rauchenden Ruine des World Trade Center gezeigt werden, ist darunter wieder das Laufband mit den Aktienkursen eingeblendet.Auf die wesentliche Frage, wie denn aus einer weltöffentlichen Tragödie ein plötzliches Innehalten der gesamten Menschheit, eine «Weltinnerlichkeit» werden kann, geht Robert Menasse nicht ein. Sein Essay meint tatsächlich wohl eher eine Solidarität der westlichen Welt. Dass nicht einmal die westliche Welt geschlossen solidarisch ist mit Opfern eines Terroranschlags, hat sich nach den Angriffen der Hamas am 7. Oktober 2023 gezeigt. Es wäre interessant gewesen, dieses Datum in die Argumentation des Essays einzubeziehen.Robert Menasse ist Schriftsteller, und er glaubt an die Evidenz von Bildern. Was er betreibt, ist einerseits Medienkritik und andererseits natürlich die Produktion neuer Bilder. Deshalb ist es interessant, im Buch Menasses Erzählung «Die amerikanische Brille» nach dem Essay zu 9/11 zu lesen.Es ist die Geschichte eines ungefähr gleichaltrigen Paares, das kurz vor der Trennung steht. Seltsamerweise vergleicht man bei einem der letzten gemeinsamen Gespräche die Erinnerungen an den Kennedy-Mord miteinander. Sie war damals in New York, er, auch noch ein Kind, in Wien. Was man an Fernsehbildern gesehen zu haben glaubt, unterscheidet sich in wesentlichen Details. Am Ende der Geschichte übernimmt der Ich-Erzähler eine Gastprofessur in New York. Es ist der September des Jahres 2001. Schlusssatz: «Ich hatte die schönsten Aussichten.»Die Wirklichkeit des Erlebten ist immer eine Überblendung der tatsächlichen Wahrheit. Das zeigt Robert Menasse auf doppeltem Weg, und deshalb sollte man «Der 11. September. Überblendungen» lesen.Robert Menasse: Der 11. September. Überblendungen. Droschl-Verlag, Graz 2026. 80 S., Fr. 27.90.Passend zum Artikel