Der andere Blick mit DatenVon wegen Wachstumsprogramm: Die Aufrüstung der Bundeswehr wird die Wirtschaft nicht stärkenPolitiker und Ökonomen gehen davon aus, dass mehr staatliches Geld für Rüstung auch mehr Wachstum erzeugt. Doch das stimmt nicht. Eine Auswertung zeigt: Es löst nur ein konjunkturelles Strohfeuer aus. Am Ende bleiben höhere Staatsschulden übrig.05.09.2026, 04.30 Uhr4 LeseminutenDeutschlands Wirtschaft nimmt Fahrt auf, Forschungsinstitute und Banken korrigieren in diesen Tagen ihre Wachstumsprognosen nach oben. Doch es gibt ein Problem. Die Erholung basiert vor allem auf den Ausfuhren und hängt damit am seidenen Faden der Auslandkonjunktur.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Viele Experten setzen daher darauf, dass sich bald auch die Wirtschaft im Inland erholt. Ihre Hoffnungen gründen nicht zuletzt auf der schuldenfinanzierten Aufrüstung der Bundeswehr. Sie spült viel Geld in die Wirtschaft.Ist diese Hoffnung berechtigt?Sie dürfte trügerisch sein, wie diese Grafik zeigt. Die Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln haben ausgerechnet, welche Impulse von einer schuldenfinanzierten Aufrüstung ausgehen könnten. Dazu haben sie zwei Szenarien entwickelt. Im einen, dem Basisszenario, bleiben die Verteidigungsausgaben gleich. Im anderen nimmt die Bundesregierung wie geplant Schulden auf, um aufzurüsten.Die hier abgebildete Grafik zeigt, wie stark sich Wirtschaftswachstum und Staatsschulden gegenüber dem Basisszenario verändern. Schuldenfinanzierte Verteidigungsausgaben lösen nur ein konjunkturelles Strohfeuer aus. Den langfristigen Wachstumstrend erhöhen sie nicht. Zurück bleiben am Ende höhere Staatsschulden.Zunächst schieben die höheren Rüstungsausgaben die Konjunktur zwar an. Doch schon im übernächsten Jahr ebbt der Impuls wieder ab. 2029 werden die zusätzlichen Ausgaben für das Militär gar keine Schubkraft mehr für die Konjunktur entfalten.Fast 100 Milliarden Euro mehr für das MilitärDagegen treibt der Anstieg der Militärausgaben von 104 Milliarden Euro im vergangenen Jahr auf knapp 200 Milliarden Euro im Jahr 2030 die Staatsschulden in die Höhe. Bereits dieses Jahr wird der Schuldenstand des Staates um 0,5 Prozent höher ausfallen, als es ohne die zusätzlichen Ausgaben für die Verteidigung der Fall gewesen wäre. Im Jahr 2029 fällt der Schuldenstand um 2 Prozent höher aus, das sind allein in jenem Jahr 64 Milliarden Euro.Damit ist ausgeschlossen, dass die schuldenfinanzierte Aufrüstung die Wirtschaft stark genug ankurbelt, um den Verteidigungsetat allein aus den laufenden Steuereinnahmen zu bezahlen. Der Staat wird sich entweder weiter verschulden oder die Ausgaben massiv kürzen müssen.Warum verpuffen die zusätzlichen Milliarden für die Verteidigung, statt die Wirtschaft spürbar anzukurbeln?Prämie für mehr SicherheitErstens braucht die Wirtschaft mehr Arbeitskräfte, mehr Maschinen und mehr Innovationen, um langfristig stärker zu wachsen. Gibt der Staat mehr Geld für die Verteidigung aus, kurbelt er zwar die Produktion in der Rüstungsbranche an. Doch mit Panzern und Fregatten lassen sich keine Investitionsgüter herstellen. Die langfristigen Möglichkeiten für die Volkswirtschaft, mehr zu produzieren, steigen nicht.Zweitens ist die Gefahr gross, dass der Boom in der Rüstungsindustrie der zivilen Wirtschaft Arbeitskräfte und Kapital entzieht. Das schwächt deren Wachstum. Verteidigungsausgaben sind eine Prämie, die ein Land für einen besseren Schutz gegen äussere Feinde zahlt. Sie sichern damit den vorhandenen Wohlstand. Aber sie sind kein Motor für mehr Wachstum.Die deutsche Rüstungsindustrie ist bei konventionellen Militärgütern breit aufgestellt. Die Unternehmen stellen Kriegsschiffe, Panzer, Munition und Drohnen her. Doch nur 4 Prozent aller Unternehmen in Deutschland sind im Rüstungsgeschäft aktiv. Lediglich im Maschinenbau und in der Elektrotechnik ist der Anteil der Rüstungsproduzenten mit 20 Prozent grösser. Die Mehrheit der Unternehmen hat also wenig davon, wenn der Staat mehr Geld für Rüstung ausgibt.Die Importe steigenDrittens ist Deutschland eine offene Volkswirtschaft. Die Summe aus Exporten und Importen beläuft sich auf rund 80 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Auch der Rüstungssektor ist stark mit dem Ausland verflochten. Bestellt die Regierung Panzer oder Fregatten, importieren die Rüstungsunternehmen einen grossen Teil der benötigten Vorprodukte aus dem Ausland.Das IW hat ausgerechnet, dass der von der deutschen Regierung avisierte Aufwuchs der Verteidigungsausgaben die Importe von 2026 bis 2029 um insgesamt 2,3 Prozent in die Höhe treibt. Die Militärausgaben kommen dadurch zu einem grossen Teil der Wirtschaft im Ausland zugute.Bleibt die Möglichkeit, dass Verteidigungsausgaben Erfindungen hervorbringen, von denen auch die zivile Wirtschaft profitiert.Der Staat ist kein guter InnovatorTatsächlich war das Militär in der Vergangenheit an wichtigen Innovationen beteiligt. So finanzierte das amerikanische Verteidigungsministerium die Entwicklung des Navigationssystems GPS, trieb die Entwicklung der Kernenergie voran und war auch am Aufbau des Internets beteiligt.Doch die Grundlagenforschung, die diese Innovationen möglich machte, fand nicht in der Armee statt, sondern an den Universitäten. Zudem waren zivile Unternehmen von Anfang an als Partner, Lieferant und Dienstleister an der Entwicklung von Internet, GPS und Co. beteiligt.Studien zeigen, dass es in den vergangenen Jahrzehnten viermal mehr Innovationen gab, die ihren Ursprung in der zivilen Wirtschaft hatten und anschliessend vom Militär übernommen wurden, als umgekehrt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Neuerungen im militärischen Bereich meist spezifisch auf dessen Anforderungen zugeschnitten sind und sich deshalb nur schlecht oder gar nicht im zivilen Bereich anwenden lassen.Ohnehin führen Verteidigungsausgaben nur dann zu Innovationen, wenn das Geld in die Forschung und in die Entwicklung fliesst. Genau daran aber hapert es in Deutschland. Nur 2 Prozent der deutschen Verteidigungsausgaben werden für Forschung und Entwicklung verwendet. Das Gros sind Konsumausgaben, zum Beispiel für Personal. In den USA hingegen fliessen rund 16 Prozent der Militärausgaben in Forschung und Entwicklung.Die Schulden treiben die Zinsen in die HöheDaher ist es unwahrscheinlich, dass die höheren Verteidigungsausgaben in Deutschland zu bahnbrechenden Innovationen führen, die auch in der zivilen Wirtschaft Anwendung finden und das Wachstum ankurbeln. Zumal die Schulden, mit denen die Regierung einen Grossteil der Verteidigungsausgaben finanziert, die Zinsen in die Höhe treiben und so die private Wirtschaft lähmen.Höhere Verteidigungsausgaben sind für die Sicherheit Deutschlands unerlässlich. Doch sie sind kein Wachstumsmotor. Eine doppelte Dividende in Form von mehr Sicherheit und mehr Wachstum ist von ihnen nicht zu erwarten.21 KommentareHolger Dorn 06.09.2026Im Vergleich zu Deutschland sind die Rüstungsausgaben in den USA ein massiver Innovationstreiber, vor allem was die anwendungsnahe Forschung und Entwicklung angeht. Warum unsere Universitäten sich den Luxus leisten, auf Gelder aus dem Verteigungshaushalt oder von Rüstungsunternehmen zu verzichten, ist wohl der ideologischen Fehlsteuerung geschuldet. Die Verteidigungsausgaben sind außerdem sehr beschaffungsbezogen. So kommt es, daß Wirtschaft und Forschung nur sehr eingeschränkt vom riesigen Wehretat profitieren. Alles zu engstirnig, zu bräsig und zu beamtisch gedacht.Klaus Wessel 05.09.20262 EmpfehlungenMilitärausgaben sind einfach weg. Fehlende Militärausgaben mögen langfristig Investoren nach sicherern Plätzen suchen lassen oder Währungen stützen.