Es hat immer noch etwas Befremdliches, wenn ein Konzern 50.000 Stellen streicht und vier Werke zur Disposition stellt – und die Börse feiert das. So geschehen am Freitag, als die Volkswagen-Aktie um mehr als sechs Prozent stieg und auf über 81 Euro notierte. Zuvor hatte der Aufsichtsrat am Donnerstagabend nach Börsenschluss überraschend einstimmig dem Zukunftsplan bis zum Jahr 2030 zugestimmt. Die Begründung enthält auch den Satz, um den es eigentlich geht: Im Konzern gebe es in Europa eine Produktionsüberkapazität von 500.000 Fahrzeugen.Diese Zahl ist zwar erst einmal eine Wolfsburger Zahl, aber es ist kein Wolfsburger Problem. Zu viele Fabriken bauen in Deutschland und in Europa zu wenige Autos. Wie wenig die Börse dieser Industrie noch zutraut, zeigen die Marktkapitalisierungen der einst so stolzen deutschen Autoindustrie. VW hat rund 44 Milliarden Euro, BMW liegt mit 39 Milliarden Euro etwas dahinter, Mercedes mit gut 46 Milliarden Euro etwas davor. Zum Vergleich: SAP kommt auf 230 Milliarden Euro Marktkapitalisierung bei einem Indexgewicht von fast 14 Prozent und ist damit Nummer eins im Dax.Nun könnte man einwenden, dass die Tech-Konzerne sich von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung etwas entkoppelt haben. Aber auch der Industriekonzern Siemens als Nummer zwei kommt noch auf eine Marktkapitalisierung von 212 Milliarden Euro und ein Indexgewicht von fast elf Prozent. Und Volkswagen? Platz 21 mit etwa 1,7 Prozent Indexgewicht.Wer nun denkt, dies sei ein deutsches Problem, irrt. Während der Dax in den vergangenen zwölf Monaten fast zehn Prozent gewann, verlor der europäische Autoindex „Euro Stoxx Auto & Parts“ rund zwölf Prozent. Auf fünf Jahre steht beim Dax ein Plus von 65 Prozent, während der Autoindex 25 Prozent verlor. Stellantis hat in diesem Zeitraum 75 Prozent an Wert verloren, während Renault lediglich stagnierte.Und trotzdem – oder gerade deshalb – kommt der Sparplan von Volkswagen an der Börse gut an. Von 26 von der Finanzagentur Bloomberg befragten Analysten empfehlen 14 den Kauf des Papiers, zehn, es zu halten, und nur zwei, es zu verkaufen. Den Zwölf-Monats-Zielkurs sehen sie im Konsens bei 102 Euro, ein Plus von immerhin 25 Prozent.Analysten sind optimistischTim Rokossa von Deutsche Bank Research sieht einen Zwölf-Monats-Zielkurs von 115 Euro und damit ein Plus von rund 40 Prozent. Er gibt sich optimistisch: Volkswagen habe die unter Anlegern sehr verbreitete Ansicht widerlegt, dass ein massiver Konzernumbau nicht durchsetzbar sei. Der Analyst schreibt von einem „grundlegenden Durchbruch“ mit einem weitaus besseren Ergebnis als befürchtet. Die Probleme würden nun zwar nicht über Nacht gelöst, aber das größte Anliegen werde jetzt zumindest angegangen.Harald Hendrikse von der amerikanischen Großbank Citigroup ist dagegen nicht ganz so optimistisch, er sieht einen Zielkurs von 94 Euro, immer noch ein Plus von 15 Prozent zum heutigen Kurs. Er schreibt, der Realismus habe gesiegt. Das Management spiele seine strategischen Trümpfe aus, um den aktuellen Konjunktur- und Wettbewerbsbedingungen zu begegnen. Es zeige sich, dass die Aktie „investierbar“ bleibe. Auch wenn die Entscheidungen existenziell seien, werde sich die Anlegerstimmung aber nicht über Nacht komplett drehen.Auf der zurückhaltenden Seite befindet sich Patrick Hummel von der Schweizer Großbank UBS. Zwar bewertet er die Einigung als „ausdrücklich positiv“. Das Management habe seine Ziele im Wesentlichen durchsetzen können. Gut sei auch, dass alles rascher vollzogen worden sei als erwartet. Trotzdem rät er, das Papier vorerst zu halten bei einem Zielkurs von 80 Euro und damit unter dem aktuellen Kurs. Die UBS sieht die Rally also schon als ausgereizt an.Also ab in die Volkswagen-Aktie? Nicht ganz. Der Aufsichtsrat hat einige strittige Punkte nur vertagt und die vier Werke stehen nur dann vor dem Aus, wenn keine alternative Verwendung gefunden wird. Das ist eine Absichtserklärung mit einer Hintertür, kein wirklich vollzogener Abbau. Das Kursplus und der Optimismus bezahlen aktuell den Plan, noch nicht das Ergebnis.Was heißt das nun für Anleger? Greift man aktuell bei europäischen Autoaktien zu, wettet man damit weniger auf steigende Verkaufszahlen als vielmehr auf die Umsetzungswahrscheinlichkeit von Restrukturierungsplänen. Wer daran glaubt, kann auch früh zugreifen. Die Erfahrung – etwa von der VW-Sparrunde aus dem Jahr 2024 – hat aber auch schon gezeigt, dass nicht alle Dinge so kommen müssen, wie sie beschlossen wurden. Damals war ein Abbau von 50.000 Stellen bis zum Jahr 2030 vereinbart. Offenkundig reichte das nicht – sonst stünde diese Woche nicht dieselbe Zahl noch einmal auf dem Papier.