PfadnavigationHomeKulturLiteraturNeuer Roman von Ingo Schulze„Das darf man doch nicht so stehen lassen, dass man heute noch diesem Staat nachtrauert“Stand: 09.09.2026Lesedauer: 4 MinutenSchriftsteller Ingo SchulzeQuelle: picture alliance/IPON/Stefan BonessWer erzählt die DDR, und wenn ja, wie? Vor drei Jahren löste der Schriftsteller eine Debatte über diese Frage aus. Jetzt zeigt sein neuer, für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman, dass auch die „Hybris des Westens“ ein Thema bleibt.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenDer Plot ist überschaubar: Ein Schriftsteller – man darf an Ingo Schulze denken – wird zu einer Lesung nach Mecklenburg eingeladen. Die Lesung soll ein Geburtstagsgeschenk für einen alten Schulfreund aus Dresden sein. Der Schriftsteller dürfe, so die Frau des Schulfreundes, gern auch etwas Unveröffentlichtes vortragen. Und er könne sich bei dieser Gelegenheit ja mal mit Manfred versöhnen. Dem Schulfreund, dessen Eltern damals bei der Stasi waren. Manfred war der Außenseiter der Klasse.Wer jetzt – ausgehend von dieser Begebenheit – denkt, Ingo Schulzes neuer Roman „Das Wasser im August“ erzähle die Geschichte einer Aussprache oder Aufarbeitung, ist schief gewickelt. Und wahrscheinlich westdeutsch wie Carola, die Frau des Ich-Erzählers, die schon im Vorfeld ätzt: „Du machst eine Lesung für den, der dich verraten hat?“ Ihr Gatte, der Schriftsteller, denkt sich im Stillen: „Mir lag schon auf der Zunge zu sagen, dass sie das doch gar nichts angehe, das sei eine Sache unter uns Ostlern.“Der Sommer am TollenseseeTatsächlich erzählt wird eine erinnerungsschwangere Landpartie, mit der Ingo Schulze einmal mehr beweist, was für ein virtuoser Erzähler er ist: Menschen, Orte und Situationen kann er kopfkinomäßig schildern. Mitunter driftet das, wie man es von Schulze kennt, ins leicht Possierliche.Doch der Roman ist raffiniert konstruiert. Die Rahmenhandlung spielt im Juni 2025 in einem Landhotel am Tollensesee. Über die Lesung – der Ich-Erzähler trägt aus dem Manuskript einer unfertigen Novelle vor – spielt das Buch auch im August 1979. In dieser Binnenhandlung erlebte der 16-jährige Thomas im „weichen Augustwasser“ des Tollensesees seine schriftstellerische und sexuelle Initiation. Die für die Erotik der damaligen Geschichte zentrale Figur sitzt jetzt, 46 Jahre später, im Publikum der Lesung. Es knistert, aber nicht nur deswegen.„Das Wasser im August“ ist ein atmosphärisch starker Künstlerroman, ein Porträt des Künstlers als junger und alter Mann mit interessanten Fragen: Wie wird und wie arbeitet jemand als Schriftsteller, wie stark verfremdet er die Wirklichkeit und warum kommt er mit der Vergangenheit besser zurecht als mit der Gegenwart? Wie authentisch wird die DDR der Künstler in ihrem Geist nach der Biermann-Ausbürgerung erfasst. Oder wird sie weichgezeichnet?Im fiktiven Gespräch nach der Lesung sagt ein Westdeutscher aus dem Publikum: „Bei allem Respekt, das darf man doch nicht so stehen lassen, dass man heute noch diesem Staat nachtrauert!“ Während ein Ostler mit hoher Männerstimme kontert: „Die Hybris des Westens!“ Jenseits solcher Einsprengsel ist Ingo Schulzes Roman aber nicht wirklich auf Ost/West oder andere Pole gemünzt. Auf die polarisierte Gegenwart lässt sich dieser Autor bestenfalls spielerisch ein. Schon bei „Die rechtschaffenen Mörder“ (2020), Schulzes Schnurre über die AfD-Neigungen des Bildungsbürgertums in Dresden, war das so.Lesen Sie auchMal sehen, ob Ingo Schulze, der mit „Das Wasser im August“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht, demnächst auch noch von irgendwoher mit einer „Mängelliste“ konfrontiert wird. Vor drei Jahren war es seine eigene Mängelliste, die das Romandebüt „Gittersee“ von Charlotte Gneuß wegen unplausibler Sachverhalte des DDR-Alltags beanstandete. Weil Schulzes Mängelliste damals an die Jury des Deutschen Buchpreises gelangte, für den Gneuß 2023 nominiert war, und weil die Jury den Vorgang ihrerseits an die Medien lancierte, wurde es eine öffentliche Affäre: Arrivierter Ost-Schriftsteller belehrt scheinbar westdeutsche Jungautorin (1992 in Ludwigsburg bei Stuttgart geboren, aber mit familiärem Ost-Hintergrund) darüber, dass man 1976 in der Elbe bei Dresden nicht schwimmen ging. Oder dass man in der DDR nie „lecker“ gesagt habe.Selbst wenn nicht – wie war das mit der dichterischen Freiheit? Gilt die nur, wenn niemand Hoheitsrechte leibhaftiger Erinnerung und Erfahrung gegen die Fiktion in Stellung bringt? Schulzes Mängelliste wurde auch als maliziöse Aktion eines Ost-Boomers gelesen, der einer Millennial-Kollegin die Ost-Geschichte nicht gönnt.Lesen Sie auchAls wolle Schulze, unter den Literaten seit „Simple Storys“ (1998) so etwas wie der ungekrönte Praeceptor germaniae orientalis, jetzt noch einmal zeigen, wo Bartel den ostdeutschen Most holt, gibt sich sein Ich-Erzähler in „Das Wasser im August“ als historisch detailgetreuer Rechercheur. Bei der Bahnfahrt von Stralsund nach Neubrandenburg wird nicht irgendein x-beliebiger Zug benutzt, sondern der um 14:48 Uhr aus Malmö und Sassnitz kommende internationale Schnellzug, der 1979 tatsächlich fuhr, wie Eisenbahner-Foren wissen, und der Ich-Erzähler von „Das Wasser im August“ recherchiert haben will, indem er behauptet, das alte Reichsbahnkursbuch als Reprints bezogen zu haben. Auch diverse andere Realien des DDR-Alltags, vom Nicki (im Gegensatz zum Westen kein Samt-Pullover, sondern ein T-Shirt) bis zum Mininetz (einem elastischen Einkaufsbeutel) tauchen auf.Wird hier eine nostalgische DDR beschworen, weichgezeichnet wie das ominös weiche Wasser des Tollensesees im August? Ingo Schulze ist Profi genug, die Fährten, die er auslegt, selbst infragezustellen, und schon gar nicht lässt sich der Ich-Erzähler und Schriftsteller seine Geschichte des Sommers 1979 madig machen, weil die Personen, die sich in ihr wiedererkennen wollen, es vermeintlich anders erlebt haben wollen.Ingo Schulze: Das Wasser im August. S. Fischer, 320 Seiten, 26 Euro
Neuer Roman von Ingo Schulze: „Das darf man doch nicht so stehen lassen, dass man heute noch diesem Staat nachtrauert“ - WELT
Wer erzählt die DDR, und wenn ja, wie? Vor drei Jahren löste der Schriftsteller eine Debatte über diese Frage aus. Jetzt zeigt sein neuer, für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman, dass auch die „Hybris des Westens“ ein Thema bleibt.








