Eigentlich fürchtet man sich ein bisschen vor Büchern, in denen ein Schriftsteller über einen Schriftsteller schreibt. Und wenn dieser Schriftsteller auch noch zu einer Lesung fährt, um dort aus einer beinahe fertigen Novelle vorzutragen, die von einem sehr jungen Schriftsteller handelt, der einem befreundeten Künstlerpaar eine beinahe fertige Novelle vorträgt, bekommt man es tatsächlich mit der Angst zu tun. Glücklicherweise aber ist Ingo Schulze ein gewitzter Erzähler, der die metapoetische Matrjoschka in ein Textlebewesen aus Fleisch und Blut zu verwandeln versteht.Daß es hier um das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit geht, macht schon der Vorspann klar: „Alle Figuren in diesem Buch sind Erfindungen“, heißt es da, genauso wie die beschriebenen Ereignisse. Das wirkt nicht ganz glaubwürdig, liest man das listige Motto von Peter Esterházy: „Es ist schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt.“ Und der Ich-Erzähler (der mit dem Autor, wie die Erzähltheorie lehrt, natürlich nicht identisch ist) erklärt gleich zu Beginn, dass er seinen ehemaligen Mitschüler hier Manfred nenne und es immer schwierig sei, „wenn diejenigen, über die man schreibt, tatsächlich existieren“.Oder bist du käuflich?Als Geburtstagsüberraschung für diesen Manfred wird der Erzähler der Rahmenhandlung im Juni 2025 zu einer Lesung eingeladen, in ein Hotel an einem Mecklenburger See, und, obwohl ein Verrat aus Dresdner Jugendtagen zwischen ihnen steht, sagt er zu, weil seine fast fertige Novelle im Sommer 1979 ganz in der Nähe spielt und er sie so an einem handverlesenen Publikum ausprobieren kann. Seine Frau ist dagegen („Oder bist du käuflich?“), was dazu führt, dass er ohne Abschied von Berlin aufbricht und seine Kommunikationsversuche in den nächsten beiden Tagen einseitig bleiben. Zum Reisebeginn verpasst Ingo Schulze seinem umständehalber wenig seriös gewandeten Helden („Kurze Hosen finde ich grauenhaft, vor allem bei Männern“) eine slapstickhafte Szene in der Autowaschanlage, die in einer unverhohlen phallischen Konfrontation mit zwei jungen Frauen gipfelt: „Der Strahl endete abrupt, die letzten Spritzer tropften mir auf die Zehen.“Erschöpft ist aber auch der Polo des Protagonisten, weshalb er auf eine Mitfahrgelegenheit angewiesen ist, die wiederum dem Autor die Möglichkeit eröffnet, den Erzähler allerhand erklären zu lassen, über seine Novelle, seine Stoffwahl, sein künstlerisches Credo: „Natürlich sollte es in der Literatur immer um alles gehen.“ Warum er nicht über die Gegenwart schreiben will, kann er nicht wirklich sagen, offensichtlich fühlt er sich bedrückt und bedroht durch den nahe gerückten Krieg. Bei der Frage, ob Ich-Form oder Er-Form, habe er sich für die Er-Form entschieden, sagt Schulzes Ich-Erzähler in einer paradoxen Volte, was im Grunde feige sei: „Man sollte schon ‚Ich‘ sagen“, erklärte ich, „da riskiert man etwas.“ So behäbig sich die Reise durch „den Norden“ anlässt – der Schriftsteller geht auch seine Notizen durch und evaluiert Schilderungen von typisch Mecklenburger Wolkenformationen –, so sehr nimmt die Geschichte Fahrt auf, sobald der Gast im Hotel angekommen ist und mit seinem Vortrag beginnt. Barbara, Manfreds Frau, hat ihn für eine Marathonlesung engagiert, mit pausenfüllendem Abendessen, ein kontaktfreudiger Landarzt, eine kunsthistorisch versierte Pfarrerin und einige ehemalige Klassenkameraden des Autors ergeben ein kammerspielartiges Tableau, zu dem sich auch noch eine Figur aus der vorgelesenen Geschichte gesellt, die mit der Darstellung ihres Alter Egos keineswegs einverstanden ist.Möglichkeiten konkreter WeltverbesserungVor dem Hintergrund der stündlich erwarteten US-Angriffe auf iranische Urananlagen und multipler Zukunftsängste nimmt sich das Buch im Buch geradezu idyllisch aus: In einem Porträt des Autors als junger Mann erzählt Schulze beziehungsweise sein Stellvertreter, nun in Er-Form, von Thomas aus Dresden, der seine Sommerferien in der Obhut eines deklariert unpolitischen Malerpaares am Tollensesee nahe Neubrandenburg verbringt und dort nicht nur dem Rätsel seiner Begabung auf der Spur ist, sondern auch den Möglichkeiten konkreter Weltverbesserung und, wenn auch unerklärt, der Liebe.Ingo Schulze: „Das Wasser im August“. Roman.S. FischerDer Misserfolg einer privaten Lesung steht am Beginn: Weil seine Gastgeber Paul und Emmy Thomas’ Novelle über eine Schülerliebe gar nicht gut finden – zu wenig Beobachtung und Beschreibung –, zweifelt dieser an seiner Berufung: „Aber wenn er kein Schriftsteller war, wer war er dann? Ein Niemand.“ Also versucht er hinzusehen, vermerkt Einfälle auf seinem mobilen „Dichterbrett“, einem Geschenk von Paul, borgt sich Bücher vom belesenen Pfarrer, schwärmt für Iwan Bunin, Walentin Katajew, die Bibel und Henry Miller. Und geht schwimmen mit der charismatischen jungen Zahnärztin Sonja, der Trösterin des verwitweten Pfarrers, die ihn davon überzeugt, dass das Wasser im August viel weicher ist als im Juli. Beim Schwimmen entdeckt der junge Mann das Leben als Abenteuer der Freiheit: „Er sah hinab – bis hinunter auf den Grund, über dem er allein und vollkommen nackt hing.“Ingo Schulze jedenfalls hat seine Lektion des Hinsehens gelernt, ob es um die sinnlichen Sensationen des Sommers am See geht oder um den Verzehr eines perfekten Pfirsichs oder um die besonderen neuen Wörter, die der literarische Lehrling sich notiert. Was „Das Wasser im August“ suggestiv beschwört, ist eine rückwärtsgewandte Utopie: Der Sechzehnjährige, der sich wöchentlich, ja täglich ändert, „eine lange Reise zwischen Morgen und Abend“, und sich vor jeder neuen Kehre am Ziel wähnt, lernt vom Pfarrer, dass sich auch die DDR verändern muss, weil die Weltgeschichte „ins Rutschen“ kommt. Mit einem Mal begreift Thomas das Leben und die Kunst als Reich der Möglichkeiten und verspürt eine „unbändige Freude“, die er nicht erklären kann, „die seinen ganzen Körper füllte, die also tatsächlich in ihm war und damit in der Welt“.Eine rückwärtsgewandte Utopie?Diesen zur Novelle verknappten Bildungsroman, der in einem abrupten Erwachen endet (oder auch nicht), verdrahtet Schulze feingliedrig mit der ernüchternden Wirklichkeit des Autors von heute, der abends im „Saal Güstrow“ und morgens auf der Liegewiese zwischen Leseroutine und Selbsterkenntnis pendelt und seinem Publikum über Nacht näherkommt. Er resümiert wehmütig, aber nicht resignativ. Was so beiläufig und mühelos anmutet, ist ohne Zweifel sorgsam durchdacht und gespiegelt, Motive wie die scheinbar entwendete Geschichte oder das umgedrehte und von hinten neu begonnene Notizbuch tauchen in beiden Zeitebenen auf. Der DDR-Handlung misst Schulze kein eigenes Sprachkostüm an, verleiht ihr aber Kolorit durch Wörter wie Fahrerlaubnis, Margonwasser, Kraxe. Nach der Lesung bemängeln manche die allzu keusche Behandlung der Liebesgeschichte, und der Autor wird mit den wahren Begebenheiten seiner Jugend konfrontiert, während es ihm selbst zunehmend schwerfällt, Erlebtes und Fiktion fein säuberlich auseinanderzuhalten. Mit dem Schluss für seine Novelle findet er zugleich eine versöhnliche Lesart für seine Lebensgeschichte.Mit diesem unangestrengt tiefsinnigen Roman hat auch der Erzähler Ingo Schulze all jene Lügen gestraft, die etwa meinen, es fiele ihm zu unserer Gegenwart nichts ein: Der Blick zurück lässt diese erst recht als eine Zeit des Fatalismus und der Sachzwänge erscheinen, eine Zeit des Erduldens ohne Mut zur Veränderung. Bücher, so die Überzeugung des Ich-Erzählers, seien stets klüger „als jene, die sie schreiben“. Der dieses geschrieben hat, ist aber schon ziemlich klug.Ingo Schulze: „Das Wasser im August“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2026. 313 S., geb., 26,– €.