Die Wähler sind nicht nur in Sachsen-Anhalt geheimnisvolle Wesen. Als Einzelne sind sie ganz unbeachtlich, als Gruppe wird ihnen entscheidende Bedeutung zugeschrieben. Denn in größeren Mengen entscheiden sie Wahlen. In Sachsen-Anhalt scheint es gerade sogar, als entschieden sie über die Zukunft der Demokratie in Deutschland. Das allerdings nur, wenn zwei, drei Prozent von ihnen in die eine oder die andere Richtung entscheiden. Womöglich will aber auch am Ende in Magdeburg gar niemand regieren; die einen, weil sie es nur mit Koalitionspartnern könnten, die sie ablehnen; die anderen, weil sie Koalitionen selbst ablehnen.Die Wähler als Gruppe entscheiden also, und sie entscheiden nicht. Dabei sind sie gar keine Gruppe, sondern nur ein Haufen. Untereinander verbindet sie nämlich wenig. Oder noch deutlicher: Mal verbindet sie etwas, mal fast nichts. Man kann Teilmengen aus ihnen bilden. Dann wählen sie entweder als Arbeiter oder als Ostdeutsche, Junge, Frauen, Akademiker, vormalige SPD-Wähler. So werden sie von den Wahlsendungen vorgestellt. Das suggeriert zum einen, dass die jungen weiblichen Akademiker aus Ostdeutschland eine nicht so wichtige Teilmenge sind. Zum anderen suggeriert es, dass ein Facharbeiter bei Daimler-Benz mit einem Bauarbeiter mehr gemeinsam hat als dieser mit einer Kellnerin oder einem Briefträger.Es wuchern die VermutungenIn der Wahlkabine sind die Wähler Individuen. Ein bestimmtes Alter und die Staatsangehörigkeit genügen für die Zulassung. Niemand kann von ihnen die Angabe persönlicher oder überpersönlicher Gründe verlangen, wo sie ihr Kreuz gemacht haben. Entsprechend wuchern die Vermutungen, welche Gründe das sind. Gesagt wird beispielsweise, sie wählten nach ihren Interessen. Doch die Arbeiter liefen zuletzt der SPD davon, um aber nicht bei der Linken anzukommen, sondern bei der AfD, von der noch ganz offen ist, ob sie gedenkt, etwas für die unteren Einkommensgruppen zu tun. Ganze Bücher wurden dazu geschrieben, dass sich der angebliche Protest gegen Ostküsten-Eliten in der Wahl von Donald Trump artikulierte.Dass die Abgeordneten, die gewählt werden, nicht an Aufträge gebunden sind, steht so im Grundgesetz. Also sind sie auch nicht Interessenvertreter, was immer sie in den Wahlkämpfen versprechen. Spätestens seit dem spektakulären Wortbruch von Friedrich Merz, was das Festhalten an der Schuldenbremse anging, dürfte kein interessierter Wähler mehr glauben, die Stimmabgabe sei ein Tauschgeschäft unter ehrlichen Kaufleuten.Wer ernsthaft darüber nachdenkt, was seine Interessen sind, dem löst sich dieser Begriff ohnehin auf. Die Wünsche gehen durcheinander, als Wünsche von Arbeitnehmern sind sie nicht den Wünschen kongruent, die Konsumenten haben, Eltern, Bahnfahrer, Steuerzahler, Kranke und Landbewohner. In all diesen Rollen leben wir, und für alle diese Interessen spielt verfügbares Einkommen eine Rolle, aber es gibt keine Partei, die nur mit einem Bierdeckel in den Wahlkampf zieht, auf dem drei, vier Steuersätze stehen.Nach der Wahl braucht man starke NervenDas Durcheinander der politischen Wünsche ist also nicht aggregierbar, was immer der Wahl-O-Mat verspricht. Das öffnet die Wahlentscheidung für andere Motive. Sie können beispielsweise den Talkshows entnommen werden, in denen das politische Personal sehr unterschiedlich abschneidet. Wen sie unmöglich finden, wen gerade noch zu ertragen oder sogar vertrauenswürdig, variiert dabei unter den Zuschauern stark. Oft gilt: Je länger man den Redensarten ganz gleich welcher politischen Richtung zuhört, desto stärkere Nerven braucht man, um sich überhaupt noch zur Wahl aufzuraffen. Die Vermutung, es handele sich ohnehin nur um Redensarten, hilft dabei. Nach der Wahl benötigt man diese Nerven ohnehin, weil mit Enttäuschungen auf allen Seiten zu rechnen ist. „Wir würden ja gerne, aber das Wahlergebnis lässt es leider nicht zu“ ist die verlässlich erwartbare Formel auch derer, die als Wahlsieger hervorgehen.Geheimnisvoll sind allerdings nicht nur die Wähler, sondern die Wahlen selbst. Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt erscheinen seit Wochen von Themen bestimmt, die entweder nur die wenigsten Wähler umtreiben – Bauhaus, Homeschooling, Kriegsgräberpflege – oder von Magdeburg aus politisch gar nicht oder nur äußerst indirekt erreichbar sind: Einwanderungsgesetze, Russlandpolitik, Renten, EU-Mitgliedschaft. Die zwei Ministerposten, die zu streichen die AfD versprochen hat, könnten insofern der Außen- und der Verteidigungsminister von Sachsen-Anhalt sein.Zugleich können die Wähler im Gefühl nationaler Bedeutung ihrer Entscheidung zur Urne gehen. Wie immer es ausgehen wird, es wird nicht als regionales Ereignis, sondern als Indikator einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz gelesen werden. Das Gefühl, mit dem großen Ganzen verbunden zu sein, das oft nur Politiker und andere „Eliten“ aufbläst, teilt sich jetzt auch den Wählern zwischen Wittenberge und Zeitz mit.