KommentarVolkswagen will zwar weitere 50 000 Stellen abbauen: Doch der Aufsichtsrat drückt sich vor den harten EntscheidenEuropas grösster Autobauer hat immer noch zu grosse Produktionskapazitäten. Die Arbeitnehmer in unrentablen Werken müssen weiter bangen.04.09.2026, 07.49 Uhr3 LeseminutenOliver Blume, der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen Group: Der Aufsichtsrat folgt seinen Sanierungsvorschlägen nicht vollständig.Jens Schicke / ImagoDie befürchtete Eskalation im Aufsichtsrat des Volkswagen-Konzerns ist vorerst ausgeblieben. Erstaunlich schnell hat sich das Gremium bereits am späten Donnerstagabend auf einen sogenannten Zukunftsplan 2030 geeinigt – einstimmig, wie betont wird. Das ging jedoch nur, weil der Aufsichtsrat die harten Konflikte vertagte und schmerzhafte Werksschliessungen lediglich antönte. So wahren die Konfliktparteien das Gesicht und verschaffen sich Zeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bestätigt wurde der Abbau von weiteren 50 000 Stellen. Bereits kurz vor Weihnachten 2024 hatte der Konzern einen Arbeitsplatzabbau in einer ähnlichen Grössenordnung angekündigt, der inzwischen weitgehend umgesetzt ist.Das kritische Thema Werksschliessungen in Deutschland bleibt dagegen unerledigt. Zur Disposition stehen die VW-Werke in Emden, Zwickau und Hannover sowie die Audi-Fabrik in Neckarsulm. Aufgrund der im Konzern bestehenden Überkapazitäten in Europa von 500 000 Einheiten können diese Werke nicht mehr zu wettbewerbsfähigen Bedingungen ausgelastet werden. Für sie will man in den kommenden Monaten alternative Verwendungen prüfen.Sollte das glücken, wäre das insofern der Königsweg, als Volkswagen die unrentablen Werke loswerden könnte, viele der dortigen Beschäftigten jedoch eine Perspektive hätten. Dass das gelingen kann, zeigen die Entwicklungen an den Standorten Osnabrück und Dresden, deren Ausgliederung VW seit anderthalb Jahren umsetzt.Der ewige Kampf um das System WolfsburgDie vierseitige Pressemitteilung zum «weitreichendsten Transformationsprogramm in der Geschichte der Volkswagen Group» kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in Sachen Strategie im Kern wenig Neues gibt. Der Aufsichtsrat akzeptiert den Plan des Managements, den Konzern auf eine Jahresproduktion von nur noch 9 Millionen Fahrzeugen auszurichten.Zuvor waren 10 bis 11 Millionen Einheiten möglich. Die operative Umsatzrendite soll 9 Prozent erreichen. Das klingt vielleicht nach viel, ist für die immensen Investitionen in die Elektromobilität, die Digitalisierung und das autonome Fahren aber dringend nötig. Bis zum Jahr 2035 will der Konzern seine Modellpalette um rund 50 Prozent reduzieren und die Angebotskomplexität um rund 75 Prozent senken. Durch die geringere Variantenzahl sollen die Kosten sinken. Darauf hatten sich die Kontrahenten allerdings schon vor Monaten geeinigt.In Nordamerika will sich der Konzern auf die profitabelsten Segmente konzentrieren und sich in China an die stark gesunkenen Verkäufe anpassen. Damit beugt man sich der Macht des Faktischen. Der Ausbau des Exports in die südliche Hemisphäre erscheint da logisch. Hierfür benötigt der Konzern aber günstige Modelle, die sich die Menschen dort leisten können. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass die Marke Seat vorerst noch nicht eingestellt wird, wie zuvor in Medien spekuliert worden war.Der in der Sache harte, aber im Umgang konsensorientierte Konzernchef Oliver Blume hat inzwischen viel erreicht – mehr, als ihm manch Beobachter vor Jahren zugetraut hätte. Sein auf Konfrontation ausgerichteter Vorgänger Herbert Diess, der stets mit dem Kopf durch die Wand wollte, war dagegen am System Wolfsburg gescheitert. Dieses System ist durch einen Aufsichtsrat gekennzeichnet, in dem die Eigentümer oft keine Mehrheit für harte Einschnitte haben, weil die Politikvertreter des Grossaktionärs Niedersachsen dort mit den Arbeitnehmervertretern stimmen.Drohung mit ultimativen MassnahmenDoch Blume musste als Drohung zwei ultimative Szenarios in den Raum stellen. Beim ersten hätte der Vorstand mithilfe einer ausserordentlichen Hauptversammlung eine noch härtere Sanierung am Aufsichtsrat vorbei beschliessen können. Beim zweiten hätte er in Deutschland das Auto- und Komponentengeschäft durch zwei eigene Gesellschaften vom Konzern entkoppelt, um so die Macht der Arbeitnehmer zu beschränken. Beides wären Kriegserklärungen an die Gewerkschafter gewesen.Der nun gewählte konsensuale Weg ist besser für den Betriebsfrieden. Doch er zeigt auch, dass die nachhaltige Sanierung von Europas grösstem Autokonzern nur in Etappen erfolgen kann. Dabei macht das Management konsequent Schritt für Schritt. Die Gewerkschaften hoffen ihrerseits wohl auf eine baldige Belebung des globalen Automarkts – und damit vermutlich auf ein Wunder. Die jetzt gefundene Lösung ist kein Ende mit Schrecken, aber auch kein Schrecken ohne Ende. Das Ringen um die Zukunft des Volkswagen-Konzerns geht weiter.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.21 KommentareWalter Reiter 05.09.2026Es hilft alles nichts. Wenn VW und die deutsche Industrie überhaupt wieder wettbewerbsfähig werden wollen, müssen die Energiepreise, die Sozialkosten und die Bürokratie runter. Daran führt kein Weg vorbei. Ansonsten ist Dummland verloren.Jürg Ender 04.09.20269 EmpfehlungenVW ist ein Schulbeispiel dafür was passiert, wenn Politiker, egal welcher Partei, und Gewerkschaften ein Unternehmen regieren, oder besser gesagt, wie sie es ruinieren.Passend zum Artikel
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