Alle Augen waren an diesem Donnerstag auf den Aufsichtsrat des Volkswagen-Konzerns gerichtet. Europas größter Autohersteller will sich mit einem tiefgreifenden Umbau neu ausrichten. Vier deutsche Werke könnten schließen, der Stellenabbau könnte auf mehr als 100.000 Arbeitsplätze ausgeweitet werden.Die Pläne sind allerdings so weitreichend und umstritten, dass der Aufsichtsrat in etlichen kritischen Fragen zunächst keine Entscheidung getroffen hat. Die Diskussion über „zustimmungsrelevante“ Themen, also Vorhaben, bei denen der Betriebsrat mitentscheiden muss, solle in folgenden Sitzungen fortgesetzt werden, teilte der Konzern am Abend in einer Pressemeldung mit. Wann genau die nächsten Treffen angesetzt sind, wurde zunächst nicht bekannt. Damit ist klar: Die Auseinandersetzung zwischen Management und Betriebsrat geht weiter – und könnte in den nächsten Wochen eskalieren.Was am Abend aus dem Konzern nach außen drang, erweckt den Eindruck einer turbulenten Sitzung. VW-Chef Oliver Blume habe den Kontrolleuren einen umfassenden Umbauplan mit zwölf Initiativen und einem Zielbild für das Jahr 2030 vorgestellt, heißt es. Wie aus informierten Kreisen verlautet, hatte das Management versucht, auf dem Treffen ein Gesamtpaket mit vielen Punkten zur Abstimmung zu stellen. Erwartungsgemäß soll der Versuch dann am Widerstand der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat gescheitert sein.VW will die Kosten deutlich reduzierenDiese zeigten sich am Abend in einer separaten Meldung verärgert über das Vorgehen des Vorstands, der aus ihrer Sicht noch immer nicht genug Transparenz über seine Pläne hergestellt hat. In einer Sonderausgabe ihrer Belegschaftsinformation „Mitbestimmen“ ist wörtlich von einem Ultimatum an das Management die Rede: Noch im Laufe dieses Freitags solle Konzernchef Blume „der Belegschaft gegenüber Stellung beziehen und sich unmissverständlich zu den Gerüchten über die angeblichen Vorstandspläne äußern“, heißt es dort.Für den Fall, dass Blume die Mitarbeiter nicht hinreichend über Einschnitte informiert, drohen die Arbeitnehmervertreter weitere Schritte für die Zeit nach der Sommerpause an, die in wenigen Tagen beginnt und Anfang August zu Ende geht. Der Betriebsrat werde dann zeitgleich außerordentliche Betriebsversammlungen an allen VW-Standorten einberufen, „um die Vorstände dort ans Mikrofon zu zitieren“.„Es reicht! Das Fass ist zum Überlaufen gekommen“, sagte die Konzernbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo. „Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft ist an Respektlosigkeit nicht mehr zu überbieten. Oliver Blume steht jetzt in der Pflicht, diesen massiven Schaden wenigstens noch zu begrenzen. Es ist unverantwortlich, die Belegschaft im Unklaren zu lassen und so in den Urlaub zu schicken.“Zu den ersten Schritten, die das Management nun beschlossen hat, gehört nach Informationen der F.A.Z. eine radikale Verkleinerung der Modellpalette. Das derzeitige Angebot von rund 150 Modellen quer über alle Konzernmarken soll um bis zu 50 Prozent verkleinert werden. Auch den Wildwuchs an Ausstattungsvarianten will der Vorstand reduzieren. In der Summe, so wird vorgerechnet, senke VW die Komplexität seines Angebots um 75 Prozent. Dadurch, so die Hoffnung, sinken die Kosten deutlich.Das verkleinerte Angebot wird sich auf die Standorte auswirken. Denn wenn ganze Modelle wegfallen, bricht auch Arbeit in Fabriken weg. Welche Fahrzeuge künftig wo gebaut werden – und wo Arbeitsplätze gestrichen werden –, will das Management jetzt weiter aushandeln.Wie schon seit Wochen kolportiert wird, könnten mehrere Werke in Deutschland schließen: Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm. Der schon beschlossene Abbau von 50.000 Stellen könnte stark anwachsen. Je nach Lesart stünden dann global in Summe 100.000 oder sogar 120.000 Stellen zur Disposition. Von den Arbeitnehmervertretern heißt es dazu: „Werksschließungen sind mit uns nicht zu machen! Stellenabbau nur auf freiwilliger Basis, sozialverträglich!“Konzernchef unter Druck: Oliver Blume will VW sanieren.ReutersKonzernchef Blume versuchte am Donnerstag in der Mitteilung, trotz aller Schwierigkeiten Zuversicht zu verbreiten. „Mit unserem Zukunftsplan gehen wir aus eigener Kraft in die nächste Phase der Transformation“, ließ er sich zitieren. „Wir machen den Volkswagen-Konzern schneller, robuster und wettbewerbsfähiger.“In der Pressemeldung des Konzerns wird betont, dass das Management um Blume die ersten Schritte seines Zukunftsplans schon gemacht habe. Die Produktionskapazität der Autofabriken sei durch zahlreiche Einschnitte schon von zwölf auf rund zehn Millionen Fahrzeuge im Jahr gesunken. In China sei ein weiterer Abbau um etwa 500.000 Einheiten bereits auf den Weg gebracht worden. Nun soll auch in Europa Kapazität in ähnlicher Größenordnung wegfallen. Am Ende stehe das Ziel, die globale Produktionskapazität des Konzerns auf rund neun Millionen Fahrzeuge zu senken.Außerdem will das Management die technischen Plattformen für Verbrenner- und Elektroautos sowie die Elektronik und Software effizienter entwickeln und einsetzen. Dabei geht es auch darum, wie sich die Arbeit in einer technologisch zweigeteilten Welt zwischen China auf der einen Seite sowie Europa und Amerika auf der anderen Seite besser konzentrieren lässt. VW möchte sich zudem noch stärker auf sein Kerngeschäft mit Autos beschränken und das Portfolio an Beteiligungen bereinigen. Der Konzern sieht sich mit einem harten Wettbewerb in vielen Ländern konfrontiert und kämpft dagegen an, dass sich die Krise immer weiter verschärft.An diesem Freitag will Blume nun die versammelten Topmanager auf einer Konferenz in München über seinen neuen Zukunftsplan informieren. Zuletzt war spekuliert worden, dass der Aufsichtsrat eine nächste Sitzung im September einberufen könnte. Danach folgt das turnusmäßige Treffen der Kontrolleure im November, wenn die jährliche Planungsrunde ansteht, ein traditionelles Ringen um Investitionen und die Belegung der Fabriken mit Automodellen. In der geplanten Neuordnung von VW spielen diese Themen eine Schlüsselrolle, genau wie die im Herbst beginnenden Tarifverhandlungen.